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Lehrmittel in einer digitalen Corona-Welt

11 March 2020 | Beat Döbeli Honegger | PHSZ, Veranstaltung

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Seit über einem halben Jahr ist im diesjährigen Referatszyklus der PH Schwyz am Donnerstag, den 12.03.20 ein Referat von mir zum Thema Lehrmittel in einer digitalen Welt geplant. Der Coronavirus (Biblionetz:w03137) tangiert nun auch diese Veranstaltung. Die Hochschulleitung hat beschlossen, die Veranstaltung durchzuführen, aber den Veranstaltungsraum zu wechseln, so dass das Publikum weiter voneinander sitzen kann und eine Anwesenheitsliste zu führen, damit Teilnehmende bei Corona-Verdacht informiert werden könnten.

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Eigentlich hatte ich mir vor einiger Zeit vorgenommen, mich nicht öffentlich zu Informatik auf der Sekundarstufe II zu äussern, einerseits weil ich bereits mit Informatik auf der Volksschulstufe genügend zu tun habe und andererseits weil ich es umgekehrt auch nicht schätze, wenn Stufenfremde sich ausgiebig zur Volksschulstufe äussern.

Nun muss ich aber meinem Unmut doch Luft machen: Mir scheint, dass die Fachmittelschulen (FMS) als Stiefkind der Gymnasien bezüglich Informatik zwischen Stuhl und Bank fallen. Der 2018 beschlossene neue Rahmenlehrplan fällt beim Thema Informatik inhaltlich massiv hinter die im Lehrplan 21 für die unteren Schulstufen definierten Kompetenzziele zurück. Aber auch die aktuelle Stellungnahme des VSG scheint nicht wirklich darauf zu vertrauen, dass bezüglich Digitalisierung auf der Volksschulstufe viel passiert.

Eine Beobachtung aus meinem Arbeitsalltag: E-Mail ist das neue Papier.

Was heisst das? Früher (TM) hat man sich als digital affiner Mensch über Mitmenschen geärgert, die einem Protokolle oder Textentwürfe etc. ausgedruckt übergeben haben: "Zu deinen Akten." Je länger desto mehr hat man diese Papierbündel angestarrt und sich gefragt, wie man dem Gegenüber klar machen kann, dass Papier im eigenen Arbeitsablauf ein Fremdkörper und ein Bremsklotz darstellt. "Weisst du, digital hätte ich das immer dabei, kann es volltextdurchsuchen und bei Bedarf auch einfach weiterverarbeiten." Das half aber wenig. "Bei Papier habe ich wenigstens sicher was in den Händen, wenn der Computer mal nicht funktioniert." (Diese Phase scheint noch nicht überall vorbei zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, warum unter so vielen E-Mails die Signatur Denken Sie an die Umwelt, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken." lese.

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Weil die Aussage immer mal wieder in den Medien auftaucht, aber dadurch nicht wahrer wird und ich es leid bin, jedes Mal das Gegenteil zu erklären, möchte ich es hier ein für alle Mal dokumentieren:

Bereits die 2013 veröffentlichte Konsultationsversion des Lehrplans 21 enthielt Informatikkompetenzen.

In einem Gastkommentar für die Welt formuliert Klaus Zierer (Biblionetz:p13834) am 7.12.19 unter dem Titel Programmieren ist nichts für die Grundschule (Biblionetz:t25784) vier Argumente:

  1. Programmieren ist nicht wichtig zum Verständnis der heutigen Welt
    "Wir Menschen müssen nicht programmieren können, um zu verstehen, wie ein Computer funktioniert."
  2. Andere Kompetenzen sind wichtiger als das Programmieren (logisches Denken, Kooperationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Umgang mit Fehlern)
    "Zweitens arbeiten Befürworter des Programmierens gerne mit der Angst: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die Biografien erfolgreicher Programmierer widerlegen das: logisches Denken, Kreativität, Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit, Selbstbeherrschung und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern – und zwar jenseits von 0 und 1! – sind entscheidend."
  3. Programmieren verstärkt die Verkopfung der Schule
    "die Debatte über das Programmieren zu einer weiteren Verkopfung von Schule und damit zu einer Reduzierung von Bildung auf das Kognitive."
  4. Programmieren wird von Befürwortern nur aus ökonomischen Gründen gefordert und das ist problematisch
    "Viertens ist das Hauptargument der Befürworter des Programmierens ein ökonomisches: Wir dürfen nicht den Anschluss verlieren – an eine Milliarde Chinesen, die in einem Land mit der höchsten Selbstmordrate im Primarbereich und einer der höchsten Burn-out-Raten im Tertiärbereich leben? Wohl kaum."
Es ist vermutlich nicht überraschend, dass ich mit keinem der vier Argumente einverstanden bin. Noch schlimmer: Über Argument 1 lässt sich streiten, die Argumente 2-4 sind für mich unseriöse, rhetorische Strohmänner.

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