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Wenn Spitzer Studien zitiert

18 September 2012 | Beat Döbeli Honegger | Annoyance
Sorry, dass ich bereits wieder mit einem Spitzer-Posting komme (siehe Digitale Demenz: Wenn Manfred Spitzer falsch rechnet und unsauber zitiert) aber nachdem Manfred Spitzer (Biblionetz:p01290) es gestern abend (29.08.12) in der Sendung log-in des ZDF wieder mal auf die Spitze getrieben hat, musste ich das Buch wieder hervorkramen und nicht langen suchen, bis ich gute Beispiele für Spitzers Umgang mit der Wissenschaft fand.

Wer die Sendung verpasst hat, hier ein Zusammenschnitt in 180 Sekunden:

Spitzers Aussage ist u.a: Computer und Internet machen süchtig (Biblionetz:a00057). Im aktuellen Buch Digitale Demenz (Biblionetz:b04942) im Kapitel Schlaflosigkeit, Depression, Sucht & körperliche Folgen (Biblionetz:t14168) klingt das dann so:

Über das Suchtpotenzial von Internet und Computern liegen mittlerweile eine Reihe von Studien vor, die von der einfachen Statistik des Auftretens (Epidemiologie) bis zum Wirkungsmechanismus (Gehirnforschung) reichen. Wir wissen also nicht nur, dass digitale Medien süchtig machen, wir wissen auch, warum dies so ist. (S. 266)

Liest man nun die von Spitzer im übernächsten Absatz (S. 266) zitierte Studie Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA) PDF-Dokument von Rumpf et al. (2011) (Biblionetz:t14243), dann heisst es dort:

Die Internetabhängigkeit ist eine noch wenig erforschte Form der stoffungebundenen Süchte. Ihr wird derzeit viel Aufmerksamkeit geschenkt, u. a. weil es sich um eine Problematik mit wachsender Bedeutung handeln könnte. Bislang ist ungeklärt, ob (1) Suchtprobleme bei Internetgebrauch eine bedeutsame Störung mit klinischer Relevanz darstellen und (2) ob deren Prävalenz in der Bevölkerung Größenordnungen aufweist, die bundespolitisches Handeln erfordern. Bisher gibt es jedoch aufgrund des Mangels an hinreichend validen Daten keine aussagekräftigen Untersuchungen des Problems.

und

International finden sich Prävalenzraten zwischen 1 und 14% (Christakis, 2010). Die Daten zur Häufigkeit von Internetabhängigkeit international und für den deutschen Raum sind in einem vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderten Projekt gesichtet und zusammengefasst worden (Petersen et al., 2010). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Vielzahl von methodischen Problemen vorliegt, so dass nur vorläufige Schätzungen möglich sind. Die Hauptprobleme bestehen darin, dass es sich in vielen Fällen um Gelegenheitsstichproben handelt, die keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben können, und dass Erhebungsverfahren eingesetzt wurden, die nicht validiert sind. Es kommt hinzu, dass derzeit keine einheitliche Definition von Internetabhängigkeit vorliegt (Byun et al., 2009).

Das klingt aber gar nicht nach "Tatsache und Ursachen sind restlos geklärt.", im Gegenteil. Das beschriebene Beispiel ist übrigens beileibe kein Einzelfall:
  • So zitiert er z.B. die Studie Media use, face-to-face communication, media multitasking, and social well-being among 8- to 12-year-old girls von R. Pea et al. (Biblionetz:t14194) und berichtet dabei von Kausalitäten: "Die Studie zeigte zunächst, dass der häufige Konsum von Videos einen ungünstigen Einfluss auf erfolgreiche soziale Beziehungen hat." obwohl die Autoren der Studie selbst deutlich betonen, dass ihre Studie keine kausalen Aussagen zulasse (S.9).
  • Oder er zitiert auf Seite 223 aus einer Studie einen 17-Jährigen. Die als Quelle angegebene Studie von "Rideout et al. 2006" handelt aber von sechsmonatigen bis sechsjährigen Kindern.
Auch hier gilt wieder, dass meine Kritik nicht die Problematik der Internetsucht negieren soll. Ich weise nur darauf hin, dass Spitzer, der in der gestrigen Diskussionssendung mehrfach seine zitierten wissenschaftlichen Studien als Quelle der alleinigen Wahrheit dargestellt hat, mitunter sehr selektiv und eigenwillig aus Studien zitiert und Schlüsse daraus zieht.

Spitzers Vorgehensweise ist in keinster Art und Weise hilfreich zur Lösung der tatsächlich vorhandenen Herausforderungen im Zusammenhang mit Computer und Internet in Schule und Gesellschaft.

Als Wissenschafter stört mich zudem, dass er sich dauernd auf seine Wissenschaftlichkeit beruft, aber gleichzeitig sehr schludrig und unwissenschaftlich vorgeht. Das schadet auch dem Ansehen der Wissenschaft. Siehe auch:

Kritik hin oder her, Herr Spitzer rüttelt den Normalbürger!

Wo sind die Belege, dass der Einsatz digitaler Medien tatsächlich zu einer Verbesserung der Leistungen führt.

Wer sagt, was Medienkompetenz ist, wie sie vermittelt werden kann und wie die Kompetenz im Lernprozess wirkt? Welcher Lehrer verfügt über Medienkompetenz und ist in der Lage diese Kompetenzen zu vermitteln?

Goldige Zustände in Goldau?! Im Tagesgeschäft scheitern viele an der eigenen Inkompetenz. Das beginnt schon bei der Bedienung eines OH-Projektors und endet bei der Bedienung eines PC. Meine Kollegen sind um die 50 und haben eine Stundenbelastung von 26 Unterrichtsstunden. Was erwartet man dann?

Gruß aus Berlin

-- Main.MatthiasMache - 17 Sep 2012

Die Frage Was bringt der Computereinsatz in der Schule? (Biblionetz:f00088) wird seit 40 Jahren intensiv gestellt und beforscht. Im Schulalltag hängt die Antwort von sehr verschiedenen Faktoren ab (Alter, Fach, Medienkompetenz der Lehrperson, Medienkompetenz der Sschülerinnen und Schüler etc.) so dass eine pauschale Antwort schwierig ist. Für eine Pauschalantwort kann man am ehesten die aktuelle Meta-Meta-Analyse von John Hattie heranziehen, die er in seinem Buch Visible Learning (Biblionetz:b04477) präsentiert. Er kommt zum Schluss, dass Computer assisted instruction eine positive Effektstärke von .37 hat, was aus meiner Sicht nicht besonders berauschend, aber auch nicht vernachlässigbar ist. Es fragt sich aber, wie relevant eine solche Pauschalsicht ist, denn wer würde schon fragen, was der Effekt einer Wandtafel im Schulzimmer ist. Bei der Wandtafel ist allen klar, dass die Wandtafel alleine noch keine besseren Lernergebnisse sicherstellt. Genauso ist es mit Computern im Schulzimmer.

Ich bin absolut einverstanden, dass die Vermittlung von Medienkompetenz eine grosse Herausforderung für die Schule ist, weil sie a) sich weiterentwickelt und b) nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrpersonen diesbezüglich lernen müssen. Keineswegs goldige Zustände in Goldau, auch wir an der pädagogischen Hochschule und in den Schulen müssen Wege finden, wie wir trotz Ressourcenmangel die neuen Themen sinnvoll vermitteln können.

Meines Erachtens sind bezüglich Medienkompetenz (Biblionetz:w00542) nicht fehlende Begriffsdefinitionen, wissenschaftliche Arbeiten, Lehrpläne oder Unterrichtsbeispiele das grosse Problem. Es ist ein Mangel an Ressourcen (Zeit, Geld) in diesem Bereich, weil Medienkompetenz bildungspolitisch bisher zu wenig gewichtet wird.

Eines aber scheint mir klar: Digitale Medien pauschal verdammen oder ignorieren hilft nicht weiter.

-- Main.BeatDoebeli - 18 Sep 2012

Mein GMW-Dilemma: Gelöst! (Update)

06 September 2012 | Beat Döbeli Honegger | Veranstaltung
In 10 Tagen beginnt in Wien die GMW-Tagung 2012. Und ich stecke in einem Dilemma:

Vor einem Jahr war ich an der GMW 2011 Mitinitiant und Erstunterzeichner der Petition GMW-Tagungsband digital vor der Tagung!. Ich habe damals folgendes unterschrieben:

Wir kommen nur an die GMW 2012 in Wien, wenn die Tagungsbeiträge den zahlenden Teilnehmern/Teilnehmerinnen vorher digital zur Verfügung stehen.

(mehr zur Entstehungsgeschichte dieser Petition siehe Wünsche für die GMW 2007 revisited)

Hmm, und weil ich hinter den Kulissen kurz nach der Tagung vernommen hatte, dass die Forderung in diesem Jahr erfüllt werden würde, habe ich nicht nur Reise, Hotel und GMW-Teilnahme inkl. Konferenzdinner gebucht, sondern mich auch noch für den GMW-Vorstand beworben:

“Bei meinen Überlegungen, was ich denn in der GMW bewegen möchte, habe ich mich an meine frühere Kritik erinnert und bin zur Formel “Präsenz und digitale Medien nutzen” gekommen. Dies bezieht sich insbesondere auf die Jahrestagung: An der Tagung Dinge tun, die Präsenz erfordern bzw. die Teilnahme lohnend machen und nicht Dinge tun, die man auch zeit- und ortsversetzt tun könnte. Die Tatsache, dass der Tagungsband dieses Jahr für die angemeldeten Teilnehmenden erstmals vor der Tagung verfügbar sein soll, ist ja da ein erster, erfreulicher Schritt in diese Richtung.”

Statt nur als Nicht-Mitglied über die GMW zu motzen, könnte ich auch konstruktiv mitarbeiten - so meine Überlegung.

So, und nun mein Dilemma: 10 Tage vor der Tagung ist von einem digitalen Tagungsband (Biblionetz:b04971) noch nichts zu sehen. Das bedeutet, dass die Referierenden nun - ich übertreibe bewusst - anfangen, den Inhalt ihres schriftlichen Beitrags möglichst vollständig auf Folien zu pappen. Und die angemeldeten Teilnehmenden laufen Gefahr, unvorbereitet am ersten Konferenztag 250seitige Konferenz-Proceedings in die Hand gedrückt zu erhalten und die Referierenden lesen den Inhalt ihres Beitrages vor. Soweit alles wie bisher.

Und ich muss mich nun entscheiden, ob ich an die GMW-Tagung gehen werde, denn: Tue ich das ohne digitalen Tagungsband im Voraus, so werde ich wortbrüchig. Und so jemanden will man ja nicht im Vorstand, oder? wink

Also, liebe GMW: Helft mir aus meinem Dilemma und stellt den Tagungsband noch am Wochenende den angemeldeten Teilnehmenden zur Verfügung!

Update: Seit kurzem ist der Tagungsband der GMW 2012 downloadbar PDF-Dokument! Sehr schön, damit ist mein Dilemma weg!

Update II: Sandra Hofhues fragt zu Recht: Was heisst das nun eigentlich?

-- Main.BeatDoebeli - 06 Sep 2012

Mit Tablets Lesen und Schreiben lernen

04 September 2012 | Beat Döbeli Honegger | Medienbericht, Schul-ICT
In diesen Tagen geistert eine Agenturmeldung durch viele Medien, dass in einem Vorort von Stockholm drei Schulklassen mit iPads ausgestattet würden, weil die Kinder damit besser Lesen und Schreiben lernen könnten. Siehe:

Die Agenturmeldung weist zwar auf eine wichtige Entwicklung hin, ist aber trotzdem in mehrfacher Sicht ärgerlich. Dabei ist es nicht die Verwechslung von Tablets mit Tablet PCs (Biblionetz:a01108), die mich besonders stört (daran muss ich mich vermutlich gewöhnen), sondern die Entweder-Oder-Haltung, die sowohl von den Befürwortern als auch den Kritikern dieses Projekt anklingt:

  • Laut Agentur-Meldung sollen mit dem Projekt Schulbücher abgeschafft werden:
    Entweder Tablets oder Schulbücher.
  • Laut Agentur-Meldung wehrt sich der Schwedische Minister gegen die Abschaffung der Handschrift.
    Entweder Schreiben am Computer oder Schreiben von Hand.
Rhetorisch handelt es sich um falsche Dilemmata (Biblionetz:w02142), indem davon ausgegangen wird, dass es nur zwei Varianten gäbe: Entweder - oder. Es gibt aber auch eine dritte Variante: Sowohl als auch.

Zudem scheint es sich im zweiten Fall auch um ein Strohmann-Argument (Biblionetz:w02156) zu handeln: Das Projekt will (zumindest laut Agenturmeldung) die Handschrift ja nicht abschaffen. Es wird also etwas kritisiert, das so gar nicht gefordert bzw. versucht wird.

Seit dem iPhone-Projekt ärgere ich mich zunehmen über solche Entweder-Oder Diskussionen. Sie scheinen mir realitätsfremd und destruktiv. Siehe dazu auch mein Posting Der Kampf gegen die Entweder-Oder-Wahrnehmung vom Februar 2011.

So, das war der allgemeine rant, nun zur konkreten Thematik. Einsatz von Computern zum Schriftspracherwerb. (Biblionetz:a00673) Einmal mehr: Das ist ja nichts neues. Die Diskussion, ob man mit Computern das Lesen- und insbesondere Schreiben lernen fördern könne, ist mindestens 15 Jahre alt, selbst im deutschen Sprachraum. Gerne zitiere ich aus dem Artikel Der Computer als Herausforderung zum Nachdenken über schriftsprachliches Lernen und Schreibkultur in der Grundschule (Biblionetz:t05998) von Barbara Kochan (Biblionetz:b03617), denn viel Wesentliches wurde bereits 1996 geschrieben:

Befürchtungen wie: die Kinder würden, verwöhnt durch bequemes Tippen, nicht mehr lernen wollen, mit der Hand zu schreiben; die Handschrift würde unter dem Tippen leiden; die Kinder würden schließlich das Schreiben meiden, wenn ihnen kein Computer verfügbar ist - solche Befürchtungen wurden in der Praxis nicht bestätigt. Auch nicht in England, wo die Kinder in einigen Klassen die Tastatur benutzen, bevor sie mit der Hand schreiben lernen.

und

Oft wird gegen das maschinenschriftliche Schreiben (in der Grundschule) eingewendet, daß die Handschrift als Persönlichkeitsausdruck viel wertvoller ist. Richtig! Aber: Bislang hat die Schule diesen Wert alles andere als respektiert. Normeinhaltung und eine von Erwachsenen bestimmte Ästhetik sind vielfach die Maßstäbe, nach denen Kinderhandschriften (auch in Form von Zensuren) kritisiert werden - ohne Respekt vor der Persönlichkeit, die sich in einer jeden (also auch in einer "schlechten") Handschrift ausdrückt. Die Maschinenschrift bietet - so gesehen - den Kindern eine Möglichkeit, sich Diskriminierungen ihrer Handschrift (und damit ihrer Person) zu entziehen.

Ebenfalls in die gleiche Richtung zielt das Fazit eines Projekts von Elke Schröter im Artikel Der Beitrag des Schreibwerkzeugs Computer zur Herausbildung von Schreib- und Lesekompetenz jüngerer Kinder (Biblionetz:t06030) von 1997:

Unsere Erfahrungen mit den Projektklassen belegen zweifelsfrei, dass sich mit dem Einsatz der Textverarbeitung im Unterricht vom ersten Schultag an, die beim Schreiben mit der Hand erforderliche Gleichzeitigkeit der Bewältigung mehrerer Subprozesse in ein von den individuellen Kompetenzen des Kindes bestimmtes viel leichter zu bewältigendes Nacheinander auflösen lässt.

So, und 1997 hatte man noch den Gegensatz von Tastaturschreiben am Computer (Biblionetz:w01911) und Handschrift mit Stift (Biblionetz:w02259). Sowohl mit Tablet-PCs als auch mit Tablets ist dieser Gegensatz aufgeweicht: Auch am Computer lässt sich mit Finger oder Schrift von Hand schreiben!

Spätestens, seit es Apps zum Schriftspracherwerb gibt, bei denen das Schreiben von Hand erlernt werden kann und der Computer die Buchstaben auch hörbar machen kann, muss man schon genauer hinschauen, bevor über Sinn oder Unsinn des Computereinsatzes zum Schriftspracherwerb geurteilt werden kann.

schriftspracherwerb-01.jpg
iPad-App Erstes Schreiben, erstes Lesen

Wenn es bereits eine Schriftspracherwerbs-App nach Montessori-Methode gibt (derzeit erst englisch), dann kann die Diskussion ja nicht mehr so schwarz-weiss sein:

schriftspracherwerb-02.jpg
iPad-App Intro to Letters

Das Sowohl-Auch-Amen von heute stammt von Lisa Rosa:

Was die pädagogische Praxis angeht, kann man sicher nix falsch machen, wenn man alles ermöglicht und als Lehrer mit allem umgeht und die Kinder daran beteiligt. (CC-BY-SA)

So sei es smile


Main.LisaRosa meint:

wunderbar, lieber Beat!

Aber trotzdem möchte ich noch was anmerken:

"Schulbücher" sind ja ein ganz spezielles Medium. Erst mal haben sie gar nichts mit Handschrift zu tun (Handschrift ist Stift und Papier, und das wollten die iPad-Schweden ja nicht abschaffen, oder?). Zweitens: "Schulbücher" sind nicht wie normale wissenschaftliche oder literarische Bücher. Es sind "lehrbücher", in der Buchgesellschaft und ihren Lehranstalten entstanden zum systematischen "Buchlernen", das (Giesecke hat es nachgewiesen) das Erfahrungslernen zugunsten des systematischen Lernens von vermeintlich objektiven Wahrheiten abgewertet hat.

Schülbücher existieren nicht einzeln. Es gibt sie im Klassensatz oder im Jahrgangssatz, und sie sind schweinemäßig teuer. Wenn ein Schulbuch mal eingeführt (vom Staat abgenickt) ist, dann ist Garantie auf Großabsatz gesichert. (Marktmechanismen außer Kraft).

Wenn wir nun tablets und Laptops und WLAN in den Bildungsinstitutionen brauchen - und zwar für alle und jederzeit und for free - dann können wir uns das gleichzeitige Weitermitführen solcher Möchtegernobjektivewahrheitverkündungswerke in Klassensatzstärke wahrscheinlich nicht mehr leisten. Vielleicht ein Exemplar zum Nachschlagen, wie etwas vor 3 - 10 Jahren gesehen wurde aus Sicht der Schulweisheit - ok.

Und sonst: Bücher soviel wie möglich: der ganze Shakespeare, der ganze Freud, Marx, Thomas Mann, die ganze Astrid Lingren, alle Was-ist-was-Bücher und Anleitungen zum Programmieren, was auch immer! - Aber keine "Schulbücher" mehr.

-- Main.LisaRosa - 02 Feb 2012

-- Main.ChristianFueller - 04 Feb 2012

starker text mit wichtigen hinweisen - und einem geradezu banalen Schluss: alle sollen im unterricht alles machen dann wird alles gut - irgendwie. d.h, das künstliche Dilemma Nummer 2, das beat anspricht, ist gar keines: die verbundene Handschrift wird de facto abgeschafft, jedenfalls wird sie nicht mehr gelehrt.

wozu argumentiert man viele Absätze lang differenziert, um dann anything goes zu enden?

und es gibt noch eine wichtige Ergänzung: die situation ist ja nun mal anders, als beschrieben. es gibt nämlich ziemlich konkrete Pläne, die gebundene Schreibschrift aus der schule zu verbannen. der grundschulverband, eine schlagkräftige lobbyorganisation, hat gratis give aways anfertigen lassen, um die schulen in ein neues verfahren des schreibenlernens zu ziehen - das nichtlernen. Grundschüler sollen sich künftig selber beibringen, wie sie Buchstaben verknüpfen. das ist geradeso als wollte man die Interpretation der Verkehrsregeln freistellen: der eine stoppt bei grün, der andere bei gelb.

-- Main.ChristianFueller - 04 Feb 2012 Die anscheinend in Deutschland gehegte Absicht, gebundene Handschrift abszuschaffen (mir als Schweizer bisher nicht bekannt) ist aber nicht das Gleiche, wie die Handschrift insgesamt abzuschaffen...

-- Main.BeatDoebeli - 04 Sep 2012

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Seit ein paar Tagen beschäftige ich mich intensiv mit Manfred Spitzers (Biblionetz:p01290) neuestem Buch Digitale Demenz (Biblionetz:b04942). In gewohnter Art und Weise malt Spitzer ein düsteres Bild zur Zukunft mit digitalen Medien. So schreibt er im ersten, auch online verfügbaren PDF-Dokument Kapitel Macht Google uns dumm? (Biblionetz:t14153) auf Seite 18:

Demenz ist mehr als nur Vergesslichkeit. Und so geht es mir bei der digitalen Demenz auch um mehr als nur darum, dass besonders junge Menschen immer vergesslicher zu werden scheinen, worauf erstmals koreanische Wissenschaftler im Jahre 2007 hingewiesen haben. Es geht vielmehr um geistige Leistungsfähigkeit, Denken, Kritikfähigkeit, um die Übersicht im »Dickicht der Informationsflut«. Wenn die Kassiererin »2 plus 2« mit der Maschine berechnet und nicht merkt, dass das Ergebnis »400« falsch sein muss, wenn die NASA einen Satelliten in den Sand (bzw. ins endlose All) setzt, weil niemandem aufgefallen ist, dass Inches und Meilen nicht dasselbe sind wie Zentimeter und Kilometer, oder wenn Banker sich mal eben um 55 Milliarden Euro verrechnen, dann heißt dies letztlich alles nur, dass keiner mehr mitdenkt. Offenbar hat in diesen Fällen niemand grob im Kopf überschlagen, was größenordnungsmäßig herauskommen müsste, sondern sich stattdessen auf irgendeinen digitalen Assistenten verlassen. Wer hingegen mit Rechenschieber oder Abakus rechnet, der muss die Größenordnung im Geist mitbedenken und kann kein völlig unwahrscheinliches Ergebnis liefern.

Dem kann man eigentlich zustimmen. Es ist eine andere Formulierung von Peter Bieris Aussage Gebildet sein, heisst Proportionen zu kennen (Biblionetz:a00978). Die Frage ist nur, welche Rolle digitale Medien dabei spielen.

Dumm ist dann aber, dass Manfred Spitzer bereits auf der zweiten Seite der Einführung seines Buches ein Rechenfehler unterläuft. Er zitiert aus dem Forschungsbericht Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter (Biblionetz:t14189) von Rehbein et al. (2009) die Mediennutzung von Neuntklässlern in Deutschland im Jahr 2009:

digitale-demenz-01.jpg

Schaut man sich nun diese Zahlen etwas genauer an (entweder indem man sie "grob im Kopf überschlägt" oder indem man "irgendeinen digitalen Assistenten" benutzt), so fällt einem bald auf, dass da etwas nicht stimmen kann. Ja, das Total der Mediennutzungszeit in der Spalte Mädchen entspricht nicht der Summe der drei aufgeführten Einzelwerten. 3:21 und 1:53 und 0:56 ergeben zusammen 6:10 und nicht 6:50. Schaut man nun in der Originalliteratur PDF-Dokument nach (Seite 14),

digitale-demenz-02.jpg

so wird rasch klar, wie dieser vermutlich Fehler zustande kam: Die 370 Minuten wurden falsch in Minuten umgerechnet, vermutlich im Kopf: Erst wurden aus den 360 Minuten 6 Stunden. Da waren dann noch 10 Minuten übrig, die dann als fehlende Minuten zur siebten Stunde interpretiert wurden. Wenn aber die Summe der täglichen Mediennutzungszeit bei Mädchen nicht 6:50 sondern 6:10 beträgt, dann stimmt auch die durchschnittliche tägliche Mediennutzungszeit von Mädchen und Jungen nicht.

Dass dieser Rechenfehler bis ins gedruckte Buch unentdeckt blieb, lässt sich nur damit erklären, dass da niemand nachgerechnet hat...

Weniger klar hingegen ist mir, wie folgender Satz auf der ersten Seite der Einführung zu erklären ist:

In Deutschland liegt die Mediennutzungszeit von Neuntklässlern bei knapp 7,5 Stunden täglich, wie eine große Befragung von 43 500 Schülern ergab.

Meiner Ansicht nach stimmt dieser Satz nicht einmal, wenn man Spitzers Rechenfehler unberücksichtigt lässt. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass die tägliche Mediennutzungszeit von Jungen 7:37 beträgt, die von Spitzer berechnete, geschlechtsunabhängige jedoch 7:14 (was 7 1/4 Stunden entsprechen würde) und die mathematisch korrekt berechnete 6:53, also weniger als sieben Stunden.

Ich mag nicht wirklich glauben, dass Spitzer mit obigem Zitat nur die männlichen Jugendlichen gemeint hat. Denn wenn er sonst von geschlechtsspezifischen Merkmalen schreibt, erwähnt er das Geschlecht auch. Ein Schelm also, wer Böses denkt...

Fazit: Sowohl dieser Rechenfehler als auch die ungenaue Schilderung der erhobenen Zahlen machen Spitzers Aussage, heutige Jugendliche würden intensiv Medien nutzen, nicht falsch. Aber es nagt einerseits an der Glaubwürdigkeit eines Autors, der fortwährend seine Wissenschaftlichkeit betont und anderen vorwirft, ungenau und oberflächlich zu arbeiten und recherchieren. Das obige Zitat von der ersten Seite der Einführung zeigt ausserdem, dass Manfred Spitzer zu polemischen Interpretationen von Daten neigt.

Dies sollte man bei der Lektüre und insbesondere bei der Zitation des Buches im Hinterkopf haben.

Anmerkung: Dies sind beileibe nicht die einzigen kritisierbaren Stellen in diesem Buch. So ist es beispielsweise ebenfalls unschön, dass sämtliche Literaturquellen aus dem 7. Kapitel im Literaturverzeichnis fehlen (auch da hat im entscheidenden Moment niemand mehr nachgeschaut) oder auf Seite 269 13'000 Knaben und 1300 Mädchen zusammen 14'400 Kinder ergeben. Das Nachweisen solcher Fehler und Ungenauigkeiten ist einfach sehr zeitaufwändig und ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Zeit nicht besser in produktive Arbeiten investieren sollte.


Kommentare

Lieber Beat Dass Spitzers Aussagen polarisieren und ich über weite Strecken völlig uneins mit seinen Argumenten und Begründungen bin ist so. Hingegen sollten wir als Medienpädagogen auch fähig sein, die Wahrheiten aufzunehmen und streng zu reflektieren. Das bringt uns weiter als der Vergleich irgendwelcher Rechnungsfehler. Nur so können wir voneinander lernen. Denn, so weh es manchmal auch tut, der Mann hat in vielen Teilen mindestens teilweise recht.

Danny Frischknecht, PHTG

-- Main.DannyFrischknecht - 09 Aug 2012


Lieber Danny,
Ich behaupte nirgends, dass Spitzer mit allen Argumenten daneben liegt. Es gibt viele Punkte, wo ich ebenfalls mit ihm einig bin, insbesondere in den Voraussetzungen (weniger dann in den von ihm gezogenen Konsequenzen). Wenn Manfred Spitzer aber dauernd auf seine Wissenschaftlichkeit pocht und betont, wie seriös und wahr alle seine Aussagen seien, dann darf ich auch darauf hinweisen, dass selbst ihm oberflächliche Flüchtigkeitsfehler passieren und er unsauber zitiert, insbesondere da dies ein Thema seines Buches ist. Zudem sind die beiden von mir gezeigten Unsauberkeiten keienswegs die einzigen im Buch, so dass es mir eher Methode als Zufall scheint. Ich werde aber tatsächlich nicht den Aufwand betreiben, jetzt alle Unsauberkeiten aufzulisten.

Und ja: Ich setze mich durchaus auch inhaltlich mit seinen Argumenten und zitierten Studien auseinander (siehe unter anderem im Biblionetz:b04942). Nur tu ich das nicht als "Wahrheiten aufnehmen", sondern als "Hypothesen prüfen und hinterfragen".

-- Main.BeatDoebeli - 09 Aug 2012 Man kann diesen Herrn Spitzer, der sicherlich ein grandioser Redner und Selbstvermarkter ist, wissenschaftlich nicht mehr ernst nehmen. Hier mein Beitrag dazu: Am 8.12.2011 sagt er im WDR 5 („Leonardo“) anlässlich eines Features zum Thema „15 Jahre „Schulen ans Netz““: „Es kann sein, dass man mit cleveren Programmen oder was auch immer es schafft, dass dennoch was gelernt wird und dass vielleicht sogar das Lernen mit den Medien besser funktioniert als ohne, dazu gibt es aber bislang keinerlei Untersuchungen. Es gibt Studien, die zeigen, die Kinder lachen mehr, wenn sie vorm Bildschirm sitzen oder dass sie auch mal für zwei Wochen interessierter sind. Die Studien zeigen aber auch, dass sie nach vier Wochen nicht mehr so interessiert sind. Ich habe mir Unterricht angeguckt und zwar ganz guten Unterricht und ich muss sagen, die Schüler waren abgelenkt durch die modernen Medien. Ich kann nur sagen, die Schüler taten mir leid.“ Auf den Internetseiten der Firma „bettermarks“, die ein Mathe-online-System auf den Markt gebracht haben, sagt er unter der Rubrik „Weitere Expertenstimmen“ (http://de.bettermarks.com/meinungen/wissenschaftler.html): Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen: „Mit bettermarks zeigt sich über alle Schulformen ein signifikant positiver Effekt.“ und an anderer Stelle: „bettermarks ermöglicht angstfreies Lernen. Auf die eigene Weise und ohne Publikum.“ Oder schließlich: „Ich kann sagen, dass ich selten ein derart aufwändiges Projekt begleitet habe. Hier sind Leute am Werk, die das Ausmaß an Problemen im Fach Mathematik erkannt haben. Die gehen sie mit bettermarks an und schöpfen gleichzeitig erstmals die Möglichkeiten des Internets für das Lehren- und Lernen in Mathe aus.“ Ein Schelm,wer Böses dabei denkt.

-- Main.UliDoenhoff - 10 Aug 2012 finde ich sehr sehr unterkomplex, was da steht. wird - bei aller skepsis, die man spitzer generell entgegen bringen kann - nicht im geringsten dem gegenstand und den thesen gerecht. meine 50cents dazu auf http://pisaversteher.com

-- Main.ChristianFueller - 13 Aug 2012 Da bei pisaversteher.com die Kommentare relativ gut versteckt sind, hier ebenfalls, was ich auf obige Kritik geantwortet habe:

“Oder einfacher: Spitzer kann nicht rechnen, seine Thesen sind mithin gaga.” So habe ich das NIE gesagt. Im Gegenteil schreibe ich wörtlich “Sowohl dieser Rechenfehler als auch die ungenaue Schilderung der erhobenen Zahlen machen Spitzers Aussage, heutige Jugendliche würden intensiv Medien nutzen, nicht falsch.” Ich habe mich in meinem Blogposting NUR auf seine Arbeitsmethodik bezogen. Zu den Inhalten des Buches habe ich nichts gesagt, was aber nicht heisst, dass ich insgesamt dazu nichts sagen will.

-- Main.BeatDoebeli - 14 Aug 2012 weil ich es jetzt auch lese, widerstrebend: ich verstehe nicht, warum alle immer eilfertig versichern, sie würden viele aussagen teilen. das einzige, was ich akzeptabel finde, ist seine explizit und apriori formuliertes konzept von "lernen", das aber dann, wenn er in seine gedächtnis-laborexperiment-studien geht, kaum eine rolle spielt. der zusammenhang ist bloß behauptet. erste bemerkungen hier: https://plus.google.com/102484891814321353019/posts/a6myL8MBewj

aber ich werde jedenfalls eine abschließende würdigung verfassen, wenn ich das schon kaufen und lesen musste.

-- Main.MartinLindner - 18 Aug 2012 Angesichts der ständigen Falsch- und Ungenau-Zitate sowie der verwaschen oder völlig fehl genutzten Quellen wäre ein Wiki analog von Guttenplag schön, aber funktioniert ja leider wegen des UrhG nicht.

-- Main.OliverDing - 03 Sep 2012

Twitter-Spam

31 August 2012 | Beat Döbeli Honegger | Annoyance
Als arroganter Twitterer folge ich ja bei Twitter (Biblionetz:w02116) keinen Personen, sondern nur Hash-Tags. Damit versuche ich für mich das Signal-Noise-Verhältnis dieser Ablenkungsmaschine im erträglichem Rahmen zu halten wink

Doch das hat mitunter auch seine Tücken, wie ich in den vergangenen Tagen feststellen musste. Sobald ein Hashtag etwas beliebter ist, zieht es Twitter-Spammer an, die versuchen auf der entsprechenden Aufmerksamkeitswelle mitzureiten. So ist derzeit das Hashtag #ZDFlogin zu etwa 80% spamverseucht, erstaunlich dass Twitter da keine besseren internen Filter hat:

twitterspam.jpg

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