Auf der Suche nach viablen Modellen
Alle Modelle sind falsch - manche sind nützlich

Essentially, all models are wrong, but some are useful

George E. P. Box (Britischer Statistiker)

Wenn ich meine Buchrezension zum Buch 'The Sirens' Call' lese, so merke ich, dass ich beim Lesen des Buches etwas getan habe, was wir unseren Studierenden im Modul Informatikdidaktik des Masterstudiengangs Fachdidaktik Medien und Informatik zu vermitteln versuchen: Modelle auf ihre Viabilität prüfen.

Was meine ich damit?

Beim Lesen des Buches habe ich mir bei den Konzepten und Modellen des Autors überlegt, ob sie mein eigenes Denken anregen - ob sie für mich nützlich oder passend sind. Natürlich gehört dazu auch die Prüfung, ob sie meinem bisherigen Weltbild so stark widersprechen, dass ich sie als falsch ablehne - aber das ist nicht der relevante Punkt. Ich habe nicht primär die Wahrheit der Konzepte und Modelle geprüft, sondern geschaut, ob ich sie künftig für mein Nachdenken über die Welt brauchen möchte.

Viabilität (Biblionetz:w00170) ist ein Grundbegriff des Konstruktivismus und bedeutet wörtlich "Gangbarkeit". Ich suche also nach gangbarem, für mich anschlussfähigem und nützlichen Konzepten und Modellen.

Worum schreibe ich das hier?

In unserem Modul Didakik der Informatik im Rahmen des Masterstudiengangs Fachdidaktik Medien und Informatik präsentieren wir unseren Studierenden mehrere fachdidaktische Modelle (darunter die üblichen Verdächtigen wie das Dagstuhl-Dreieck, die great principles der Informatik nach Denning, die fundamentalen Ideen der Informatik nach Schwill etc.). Nach einem Selbststudienblock frage ich die Studierenden jeweils, ob sie die in der Literatur zu findenden Modelle als nützlich für ihr Denken betrachten würden - und ernte praktisch jedes Mal erstaunte Blicke: "Wieso fragt uns der Dozent nach der Nützlichkeit von Konzepten?"

Für mich ist das plakativ gesprochen eine der Unterschiede zwischen einem Bachelor- und einem Masterstudiengang. Während wir im Bachelorstudiengang Primarlehrperson oft noch stark vorgeben, was wichtig und relevant zu sein hat, möchte ich im Masterstudiengang zum eigenen Einschätzen und Nachdenken einladen. Während ich also in Bachelorlehrveranstaltungen eher versuche, die Welt zu erklären, frage ich im Master: "Hilft das Dargebotene beim Verstehen der Welt?"

Weil ich in den vergangenen Jahren gemerkt habe, dass ich gewisse Studierende mit dieser Frage überfordere, versuche ich es hier mit lautem Nachdenken über dieses Phänomen, um Studierende künftig eventuell noch expliziter auf diese Frage vorzubereiten.

(Ein zweiter plakativer Unterschied zwischen Bachelor- und Masterstudium, den ich bei unseren Masterstudierenden beobachte: Sie sind es sich gewohnt, pro Begirff oder Thema eine verbindliche Definition zu erhalten (die sie dann vielleicht auswendig zu lernen gedenken) und wir brüskieren sie damit, dass wir ihnen Texte mit widersprüchlichen Definitionen zum Lesen geben, bei denen sie gezwungen sind, die Unterschiede herauszufinden und sich danach für eine eigenständige Sichtweise zu entscheiden).

P.S.: Was ich hier schreibe, ist für Geistes- und Sozialwissenschaften vermutlich sehr trivial. Für mich als ausgebildeter Ingenieur und unsere Lehramtsstudierenden ist das weniger trivial.

Kontakt

  • Beat Döbeli Honegger
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