Medienbildung

Draw a distinction and a universe comes into being.
George Spencer Brown (Biblionetz:p00107)

Sorry, bereits wieder ein Google+-Post. Aber es ist derzeit spannend zu beobachten (und mitunter selbst aktiv zu sein), wie der neue digitale Raum Google+ (Biblionetz:w02262) erkundet und gestaltet wird. Alle die selbstbezüglichen Postings derjenigen, die Google+ zum ersten Mal erkunden, alle Metaphern und Vergleiche (Google+ ist wie Facebook, Google+ ist wie Twitter, Google+ ist wie Newsgroups, etc.).

Besonders spannend aber Diskussionen darüber, wie Google+ sein soll, und zwar nicht technisch, sondern gesellschaftlich. Welcher Ton soll vorherrschen, wie soll miteinander umgegangen werden? Derzeit aktuell diskutiert an der Frage, mit welchen Bezeichnungen man ein Google+-Profil erstellen darf. Sind sichtlich erfundene Namen erlaubt? Sind falsche, aber nicht als solche erkennbare Namen erlaubt? Oder müsste man sich gar irgendwo ausweisen um seine Identität zu beweisen? Anonymität (Biblionetz:w00774) oder Realname-Zwang (Biblionetz:w01820)?

realnames.jpg

Spannend an dieser Entwicklung erscheint mir, dass sie einerseits in verhältnismässig kurzer Zeit abläuft und man andererseits dank der digitalen Artefakte einen Teil der Diskussion und Entwicklung nachverfolgen kann. So zum Beispiel, wenn Robert Scoble darüber postet, was Google-Vize-Präsident Vic Gundotra zu dieser Frage denkt (und Google-Mitarbeiter öffentlich darauf antworten). Sind Märkte (in diesem Fall der social networking-Markt) Gespräche? (Biblionetz:a00624)

Ich stelle mir dies als einen spannenden Einstieg in soziale Netze im Themenbereich der politischen Bildung vor. Jugendlichen zu zeigen, dass solche Strukturen nicht natur- oder gottgegeben sind, sondern von Menschen ausgehandelt wurden. Genau wie die heutigen Demokratieformen auch. Und dass man sich (mehr oder weniger) an der Zukunft solcher Strukturen beteiligen kann.

Oder ist das eine naive Vorstellung?

count('spannend')

-- Main.VincentTscherter - 25 Jul 2011 Finde bei dir keinen 'Like'-Button, noch einen Plus-Button … frown, sad smile

-- Main.VincentTscherter - 25 Jul 2011 Warum es in meinem Weblog derzeit weder Like- noch Plus-Buttons gibt, erklärt der Artikel Das Like-Problem bei heise Security.

-- Main.BeatDoebeli - 25 Jul 2011 Also, probeweise gibt es Google+ Buttons wink

-- Main.BeatDoebeli - 26 Jul 2011

Google Plus und die Bildung

22 July 2011 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Seit drei Wochen nun gibt es den neuen social networking Dienst Google+ (Biblionetz:w02262). Zeit also, meine ersten Gedanken in Bezug auf Google+ und die Bildung zu ordnen bzw. zu explizieren.

  • Google+ wird die Bildung nicht revolutionieren. Nein, selbstverständlich wird kein einzelnes Produkt, egal ob iPad oder Google+ die Bildung revolutionieren. Wir können also sämtlichen Hoffnungen, Befürchtungen und Heilsversprechungen gleich wieder begraben.
    Nüchterner betrachtet stellt sich aber doch die Frage, wie solche Produkte auf die Bildungslandschaft wirken. Entweder direkt als Werkzeug und/oder Medium oder indirekt, indem sie gewissen Menschen neue Ideen und Perspektiven geben, gewissermassen die Augen öffnen für abstrakt bereits seit längerem verfügbare Konzepte (Was habe ich vor der Markteinführung des iPads vergeblich von den Vorzügen von Tablet-PCs zu erzählen versucht, seit das iPad da ist, ist den meisten auch das Potenzial von Tablet-PCs einsichtig).

  • Google+ ist ein weiteres Beispiel dafür, wie vielleicht zukünftig knowledge worker kommunizieren und arbeiten werden. Daraus ergibt sich die Frage: Wie muss Bildung aussehen, wenn Google+-Kompetenz gefragt ist. (Ja, diese Frage stellte sich bereits bei der Facebook-Kompetenz, Wiki-Kompetenz etc. Es geht ja eben nicht um Google+, sondern um eine digitale, massiv vernetzte, dynamische Kommunikations- und Arbeitskultur.)

  • Google+ ist die Begründung dafür, warum das Wort Facebook (Biblionetz:w02039) nicht in Lehrpläne gehört. Google+ zeigt, dass Facebook-Kompetenz viel zu kurz greift. Gestern Facebook, heute Google+ morgen … Auch diese Überlegung ist nicht neu. Aber vor Google+ wollte einem (fast) niemand glauben, dass nach Facebook noch etwas kommen könnte... (Problem: Wenn man Begriffe wie Word und Facebook beim Lehrplanschreiben vermeidet und stattdessen von Textverarbeitung und sozialen Netzen schreibt, dann versteht's die Hälfte der Bildungspolitiker nicht...)

  • Google+ illustriert wie schwierig es wäre, ein (kommerzielles) Lehrmittel zu Medienbildung zu machen. Damit traditionelle Lehrmittel sich lohnen, müssen sie eine gewisse Lebensdauer haben. Wie kann man im Bereich digitale Medien derzeit ein Lehrmittel erstellen, wenn die Produkte sich so rasch ändern, man aber Produkte zeigen muss, damit die Lernenden (und Lehrenden!) begreifen, worum es geht?

  • NEW Google+ illustriert, wie schwierig sinnvolle ICT-Zertifikate sind. Problem 1: Wie operationalisiere ich Google+-Kompetenz so, dass sie automatisiert testbar wird? Problem 2: Wie finanziere ich die dauernd notwendigen Aktualisierungen dieser Operationalisierungen aufgrund des Wandels von Google+?

  • Google+ illustriert ein weiteres Mal, dass Medienkompetenz wichtig ist. (egal ob man den Begriff liebt oder nicht). Datenschutz, Datensparsamkeit, Netiquette+, etc.

  • UPDATED Google+ illustriert, dass man heute informatische Bildung benötigt, um Dienste wie Google+ wirklich begreifen zu können. Die von Twitter, Facebook, Google+ und Konsorten errichteten Datenstrukturen werden immer komplexer. Es braucht Begrifflichkeiten und Übung, um solche Datenstrukturen begreifen und analysieren ("kritisch hinterfragen" in Medienpädagogik-speak) zu können. Beispiele gefällig: Noch einfach ist es zu erklären, dass Freundschaften in Facebook gegenseitig sein müssen, in Google+ das Einkreisen hingegen ohne Gegenseitigkeit funktioniert. Schwieriger wird es aber, wenn ich erklären muss, was passiert, wenn ich eine Mitteilung mit Kommentaren von jemanden erneut teile. Wer bekommt jetzt was mit? Kopie oder Referenz? (Diese Frage stellte mir Myke Naef) Und schon sind wir bei Grundkonzepten der Informatik.

Die Diskussionen um Google+ gefährdet...
  • … Facebook
  • … Twitter
  • … die traditionellen Learning Management Systeme (LMS)
  • … den face-to-face-Kontakt
  • … RSS (sprich offene Standards und durchlässigen Informationsfluss)
verschiebe ich auf ein andermal.

So, nachdem das mal geschrieben ist, kann ich weiterdenken wink

UPDATED Verwandte Blogposts, die ich vor dem Schreiben dieses Postings gelesen habe:

Keine Lust mehr zu diskutieren

19 July 2011 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Im vergangenen Jahr wurde als Vorbereitung der SFEM-Tagung 2010 unter dem Titel EducationalTrendspotting einigermassen angeregt virtuell zu 10 Trends der Bildung diskutiert. (Für Details zum Wort "einigermassen" siehe hier in der unteren Hälfte des Beitrags.

Dieses Jahr wird wiederum zu virtuellen Diskussionen aufgerufen. Auf der Website www.ict-21.ch/l4d sollen Sechs Schlüsselthemen für 2011 diskutiert werden:

  1. Informelles Lernen
  2. Multi-sensorial environments
  3. Learning in dissolving boundaries
  4. The future of education is now
  5. Capacités transversales
  6. Le nouveau rôle de l'enseignant

Zumindest die deutschsprachig und englisch geführten Themenstränge scheinen aber nicht recht in die Gänge zu kommen. Schaut man sich die zuletzt eröffneten Gruppen an, so bleiben die Mitgliederzahlen zumindest überschaubar:

l4d-groups.jpg

Ich versuche, die Aktivitäten dieser Website mindestens aus den Augenwinkeln zu verfolgen und habe den entsprechenden RSS-Feed abonniert. Heute jedoch habe ich beschlossen, das RSS-Abo zu löschen. Seit Wochen ist der Feed voller Spam mit Tablettenwerbung:

l4d-spam.jpg

Die letzten, per RSS-Feed gemeldeten inhaltlichen Beiträge sind da deutlich länger her:

l4d-blogs.jpg

Woran mag das liegen?
  • Sind die Themen bzw. Fragen zu abstrakt und abgehoben?
  • Ist die angebotene Plattform zu umständlich?
  • Haben die meisten Experten eh zu wenig Zeit?

Projekt myPad

06 July 2011 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung, Schul-ICT
An der Fachstelle imedias.ch der PH FHNW wurde Ende April 2011 ein spannendes iPad-Projekt (biblionetz:w02189) unter dem Titel myPad gestartet:

mypad.jpg

Sechs Lehrpersonen aus Unter-und Mittelstufe der Primarschule Aargau und Solothurn entwickeln mit Einbezug von iPads und der Webplattform my-Pad.ch unter der Leitung von Claudia Fischer (imedias, Projektleitung) Unterrichtsideen für die Projektanlage «myPad – mobiles, kooperatives Lernen im Unterricht».

Voraussetzungen sind erweiterte Lehr- und Lernformen, Kooperatives Lernen, Einbezug der my-pad.ch Seite (Klassenblog/Medientagebuch) und Dropbox als mobiles Schulheft.

Die Unterrichtsideen sind modulartig aufgebaute Ateliers, die allen am Piloten beteiligten Lehrpersonen zur Verfügung stehen. Ab Ende April 2011 werden die iPads im Unterricht in den Klassen eingesetzt. Die Klassen werden während mindestens einem Monat mit den iPads und den Unterrichtseinheiten arbeiten. In dieser Zeit nutzen die Schülerinnen und Schüler die iPads als Werkzeuge fürs mobile und kooperative Lernen im Unterricht. Die Unterrichtsideen/Ateliers werden durch den Praxiseinsatz optimiert und dementsprechend angepasst.

Mit online Befragungen und einzelnen Interviews (Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen), Einbezug von Klassenblog/Medientagebüchern wird das Pilotprojekt bis Ende Jahr 2011 evaluiert. Anhand der Tendenzen, die aufgezeigt werden, wird entschieden die Pilotstudie in ein grösseres Projekt zum mobilen-kooperativen Lernen zu überführen oder je nachdem abzubrechen.

Ich freue mich darauf, im Blog von my-pad.ch spannende Erfahrungsberichte zu lesen und App-Empfehlungen zu bekommen. ,

Ich versuche grad meine Gedanken zu ordnen bei der Frage, wie die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren soll. Derzeit kann ich folgende Haltungen unterscheiden (ja, ich bin ein Kästchendenker):

Stufe Wie reagieren? Begründung Wer vertritt das? Medien-
integration
Medienbildung
als Fach
0
Gar nicht.
Die Schüler sollen erst richtig lesen, schreiben und rechnen lernen. Die Schule muss nicht auf jeden Modetrend reagieren.
z.B. die SVP (Biblionetz:b04189)
choice-no
choice-no
1
Integration in alle Fächer I.
Es reicht, wenn sich alle Fächer etwas mit Medien beschäftigen.
Lehrplan 21 (Biblionetz:t11540)
choice-yes
choice-no
2a
Integration in alle Fächer II.
Der Leitmedienwechsel findet überall statt. Also müssen Medien auch überall eingesetzt werden. In einem Fach wird nur die Verantwortung für das Thema delegiert.
 
choice-yes
choice-no
2b
Es braucht ein Fach Medienbildung.
Medienbildung geht unter, wenn man es nur integrativ zu vermitteln versucht. Es kommt auch niemand auf die Idee, Deutsch als Fach abzuschaffen, weil es ja integrativ in anderen Fächern unterrichtet werden kann.
 
choice-no
choice-yes
3a
Es braucht kein Fach, aber ein Zeitgefäss.
Wir brauchen keinen Stundenplan, der uns sagt, dass man am Montag von 8 bis 9 Medienbildung macht. Aber wir brauchen eine Stundentafel, die uns genügend Zeit in der Woche lässt.
Kanton Solothurn (Biblionetz:b03200)
choice-yes
tip
3b
Es braucht beides.
Ein Fach Medienbildung schliesst die Integration nicht aus. Darf sie nicht ausschliessen.
 
choice-yes
choice-yes
4
Wer redet denn noch von Fächern?
Gerade dieser Leitmedienwechsel ist ja geprägt von absoluter Konvergenz. Unsere Welt ist heute so vernetzt, globalisiert, verbunden, da ist es rückständig, noch Fächergrenzen aufbauen zu wollen. Wir müssen nicht über das Detailthema Medienbildung reden, sondern über vernetztes Lernen insgesamt.
 
warning
warning
5a
Wer redet denn noch von Schule?
Die heutige Idee der Schule ist geprägt von der Industriegesellschaft (Lernfabrik). Wenn wir echt in der neuen Gesellschaft ankommen wollen, müssen wir uns von der bisherigen Idee des rein formalen Lernens verabschieden.
Ian Gilbert (2010) Why Do I Need a Teacher When I've got Google? (Biblionetz:b04181)
warning
warning
5b
Wer redet denn noch von der heutigen Schule?
"Das Bildungssystem muss ein reflexiv lernendes soziales System werden. Es muss sich selbst radikal erneuern unter den Bedingungen des #Leitmedienwechsels. Es muss herausfinden, wohin es sich verändern muss (Vision) und dann den Übergang dorthin entwerfen (mit all seinen strategischen Implikationen) und gestalten." (Main.LisaRosa im Kommentar unten)
Main.LisaRosa
warning
warning
6
Wer redet denn noch von Bildung?
Spätestens nach dem Singularity Point (Biblionetz:w02236) werden eh die Computer das Ruder übernehmen.
 
warning
warning

Versuch einer Legende:
  • choice-yes Trifft zu
  • choice-no Trifft nicht zu
  • warning Kategorie trifft nicht zu
  • tip Der Idee nach...

Was mich eben grad fasziniert, ist die Tatsache, dass man aus sehr unterschiedlichen Überzeugungen für oder gegen ein eigenes Fach Medienbildung sein kann. work in progress...

Kommentare

Hallo Beat,

im Bereich ökonomischer Bildung werden seit gut zehn Jahren sehr ähnliche Fragen diskutiert. Da kommen die meisten Didaktiker zu dem Schluss, dass man Stufenkonzepte braucht, die zu Beginn (instruktionsorientiert) Grundlagen der ökonomischen Bildung in der Schule vermitteln und später eine offene Beschäftigung mit komplexen Fragestellungen der Ökonomie, z. B. in Projektarbeit, erlauben (Stichwort: Handlungsorientierung). Letzteres kann auch auf freiwilliger Basis und an der Schnittstelle zum nicht-formalen Lernen geschehen. Ich sehe da durchaus Parallelen zur Diskussion um die Integration von Medienbildung in die Schule, denn beide Themenbereiche haben ein Problem: Sie sind thematisch in der Schule präsent, aber durch ihre Integration in verwandte Fächer (Medien in Informatik und Deutsch, Ökonomie in Politik und Mathematik etc.) fehlt ihnen das jeweils "Eigene". Herausfordernd bei beiden Themen (und man könnte noch andere dazu nehmen): Gesellschaftlich-technologische Entwicklungen rücken sie mehr und schneller in den Fokus, als ein Curriculum darauf reagieren kann, sodass passende Bildungsangebote immer kurzfristiger gesucht werden und man ständig in Übergangssituationen steckt.

Liebe Grüße,

Sandra

-- Main.SandraHofhues - 31 Mar 2011 Hallo Beat, hallo Sandra Interessante Fragestellung habt ihr da. Am besten gefällt mir die letzte Alternative wink … im Ernst: Ich glaube, es gibt keine "richtige" Lösung für das Problem, da es vielfältige Ebenen zu betrachten gibt: Inhalte, Kompetenzen, Ausstattung, usw. Konsequenter Leitmedienwechsel setzt m.E. nach weniger auf Inhalte, sondern auf veränderte Nutzungen von Medien. Und diese müssen dann logischerweise überall, also formal und informell betrachtet werden - und da kann man vielleicht wirklich das Thema nicht in Kästchen abarbeiten

-- Main.MandySchiefner - 31 Mar 2011 Ich weiß nicht, ob wir jemals bei Stufe 5 ankommen, aber so Stelle ich mir Lernen generell vor. Ein offener Raum und zu Beginn steht "Was machen wir heute?".

-- Main.AlexanderTscheulin - 01 Apr 2011

Eine sehr schöne Übersicht und tolle Diskussionsvorlage, finde ich. Und was mir besonders gefällt, ist, dass Du fragst: "Wie muss Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren" und nicht: "Wie kommt der LMW (oder wahlweise die Neuen Medien oder die Medienbildung) in die Schule?", wie sonst fast immer gefragt wird. Denn nur mit Deiner Frage besteht wenigstens die Möglichkeit, von einem zu engen Medienverständnis (M = die Geräte, die Software und der Umgang damit) und einem engen Pädagogikverständnis ( P = Schule/Lehrer/Schüler) wegzukommen zu einer Sicht, die dem Charakter des neuen Leitmediums gerecht werden kann.

Ganz schnell möchte ich natürlich Alex T. Recht geben: Option 5 ist es! wink

Aber ich möchte gerne noch ein anderes 5 vorschlagen, denn: Das Gegenteil von einem Fehler (die Schule als historische Form des Bildungssystems weiterzuführen) ist auch ein Fehler (kein Bildungssystem). Oder: Wer bei der 1. Negation stehen bleibt, der bleibt abhängig von dem, was er negiert.

Es geht mir viel zu schnell, wenn gelten solle: "Schule weg, heute nur noch informelles Lernen". Natürlich brauchen wir organisiertes Lernen! Und es ist überhaupt noch nicht raus, in welchem Verhältnis wir informelles und formelles Lernen brauchen! Aber wenn wir AUCH formelles (und systematisches Lernen) brauchen, dann heißt das noch lange nicht, dass wir es in der historischen Form der Schule brauchen.

"Schule" als konkret historische Form eines Bildungssystems – mit entsprechenden Kopplungen an Wissensform, Lernformen und Denkform(!) der Industriegesellschaft – muss ja nicht die historisch einzige Form von organisierter Bildung bleiben. Welche Form sie stattdessen annehmen muss (und diese wird eher emergieren als geplant werden) das ist ja auch leider nicht eine Sache der "Auswahl" aus dieser Tabelle von einzelnen freundlichen Menschen. Denn als nächstes ist zu fragen: WER denn wählt? Und: Hat derjenige, der zu wählen hat, denn eine Ahnung von dem, was er zu wählen hat? M.a.W.: "Weiß" das System Schule denn überhaupt vom #leitmedienwechsel? Und wenn ja, wie konzeptualisiert es ihn? Und welche Aufgaben leitet es davon ab?

Für mich gibt es eine Antwort auf Deine Frage, Beat:
Das Bildungssystem muss ein reflexiv lernendes soziales System werden. Es muss sich selbst radikal erneuern unter den Bedingungen des #Leitmedienwechsels. Es muss herausfinden, wohin es sich verändern muss (Vision) und dann den Übergang dorthin entwerfen (mit all seinen strategischen Implikationen) und gestalten. Einige Eckpunkte sind schon bekannt, die das rekonstruierte Bildungssystem enthalten muss, denn sie korrelieren mit dem, was das neue LM mit dem Leben AUSSERHALB seines Einflussbereichs schon längst gemacht hat Man findet das z.B. benannt bei David Wiley:
  • vom Analogen zum Digitalen
  • vom Angebundensein zur Mobilität
  • von der Isolation zum Verbundensein
  • vom Allgemeinen zum Persönlichen
  • vom Konsumieren zum Produzieren
  • von Geschlossenheit zu Offenheit
Und zunächst muss man es auch auf dieser Abstraktionsstufe ins Auge fassen, denn bei aller Liebe zur Konkretheit: Zu früh konkretisiert, zu früh operationalisiert, verpasst man fast immer die konkreten Optionen, die im Falle eines echten #shift #change #paradigmenwechsel ja außerhalb des Bekannten liegen. Du weißt das von Thomas Kuhns Beschreibung des paradigm shift ! wink

(Meine Kritik betrifft nicht Deine sehr nützliche Tabelle! Sie betrifft nur Nr. 5. Aber auf Nr. 5 kommt es an.) Ich bin jedoch – bei aller Liebe zur Abstraktion – von einer Sache schon jetzt überzeugt: Wenn das Bildungssystem nicht lernt, damit aufzuhören, das Outcome von Lernprozessen kontrollieren (steuern) zu wollen, dann kann es nicht adäquat auf den #leitmedienwechsel reagieren. Aber wenn es beginnt, damit aufzuhören, dann kann es die Zukunft gewinnen. -- Main.LisaRosa - 01 Apr 2011 Lisa schrob: > "Weiß" das System Schule denn überhaupt vom #leitmedienwechsel?
> Und wenn ja, wie konzeptualisiert es ihn? Und welche Aufgaben leitet es davon ab?

Ich möchte ergänzen: Woher weiß das System Schule davon, bzw. unter welchen Vorzeichen erfährt es den Leitmedienwechsel? Ich fürchte: von außen, als Getriebene. Vielleicht nur als Leitmedienwechsel mit reduziertem Medienbegriff? Die Verlage digitalisieren ihre Materialien und dann lernen die Kinder eben mit digitalem Vokabeltrainer. Oder als Geräte-zentriert? Die Partei xy verspricht im Landtagswahlkampf in Niedersachsen 2012, dass alle Schüler ein tablet bekommen und die Schulen "moderner" oder gar "zeitgemäß" werden? (Selbst für das Fall, dass so ein #verkrüppelterleitmedienwechsel von außen über die Schulen kommt, hätte ich noch Hoffnung, dass die Geräte als Trojaner die Veränderung der Lernkultur anstiften.)

-- Main.JoeranM - 01 Apr 2011 Ergänzend zu @LisaRosas Kommentar: [Das Bildungssystem] …muss herausfinden, wohin es sich verändern muss (Vision) und dann den Übergang dorthin entwerfen (mit all seinen strategischen Implikationen) und gestalten."

Ich würde hier noch eine Kleinigkeit zwischenschieben wollen: Das Bildungssystem muss zuallererst anerkennen, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen geschehen, die die Legitimation von Schule in der historischen Form fraglich werden lassen. Wenn dieser Prozess eingetreten ist und Unsicherheit als Daseinszustand angenommen worden ist (!), kann man versuchen, sich einer Vision hinzugeben und diese dann zu gestalten.

Ich bezweifle, ob wir heute überhaupt in der Lage sind abschätzen zu können, welche Brüche und Konfliktlinien durch den Leitmedienwechsel noch auf uns zukommen werden. Es ist daher problematisch, eine Vision zu entwerfen, wenn man glaubt, dass aus der Vision Handlungsrichtlinien erwachsen könnten. Man braucht eine Vision, wissend, dass sie nur eine Platzhalter ist für eine Vision, die noch nicht gedacht ist. Im Grunde ist das der Fall der Pferdekutscher, die sich über die Einführung des Automobils freuen, da sie dann mehr Pferde züchten können, weil sie glauben, ständig Autos aus den Gräben herauzuziehen zu müssen (http://shiftingschool.wordpress.com/2011/03/31/der-kongress-der-pferdekutscher/).

@Jöran: Mir wäre ein iPad als Trojaner allemal lieber als eine Kreidetafel. Erstmal, um überhaupt und so... smile

-- Main.FelixSchaumburg - 01 Apr 2011 Lieber Felix, jetzt wird es philosophisch ;-). ohne Visionen (und zwar nicht bloß als Platzhalter, sondern immer wieder neu als "echt" gefühlt), geht gar nichts. smile Die Menschen, die in anderen arabischen Ländern für ein besseres Leben kämpfen, sie könnten es nicht ohne eine Vision, einen geistigen Entwurf, in dem etwas grundlegendes enthalten ist, was allen diesen historischen Visionen (utopien) eigen war und ist. Allgemein hat sie immer zu tun mit Autonomie und Verbundenheit. Und in Alex T. Vision von einem guten Platz zum Lernen ist sie enthalten:

"Ein offener Raum, und zu Beginn steht "Was machen wir heute?""

-- Main.LisaRosa - 01 Apr 2011 Selbst der (emeritierte) Erziehungswissenschaftler Ulrich Herrmann beschreibt ihn, obwohl er das Wort Leitmedienwechsel gar nicht in den Mund nimmt: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=7466574/property=download/nid=660374/j7cnyt/swr2-wissen-20110220.pdf

-- Main.JoWe - 05 Apr 2011

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