BiblionetzTopicListe

| | untagged
@ANFANG 25 September 2026 MenschlichesLernenAendertSichNicht Menschliches Lernen ändert sich (nicht)

In Diskussionen zur Frage, wie Lernen angesichts der digitalen Transformation gefördert werden kann, treffen oft zwei diametrale Haltungen aufeinander: Die einen behaupten Menschliches Lernen ändert sich nicht! und die anderen betonen Menschliches Lernen hat sich aufgrund der Technologie bereits massiv verändert!

lernen-00.png

Beide Sichtweisen werden oft verabsolutiert und führen so zu Trugschlüssen:

lernen-02.png

Während die einen meinen, es müsse sich nichts ändern und es sei auch keine neue Forschung nötig, weil ja nichts geändert habe, vertreten andere die Sichtweise, alles werde komplett anders und man könne noch gar nichts sagen, weil man ja noch keine Untersuchungen zur neuen Situation habe. Aus meiner Sicht haben beide Sichtweisen recht und liegen falsch.

Ich nehme die Situation folgendermassen wahr:

lernen-01.png

Einerseits: Menschliches Lernen ändert sich nicht. Grundlegende Mechanismen, Eigenschaften und Voraussetzungen menschlichen Lernens haben sich nicht grundsätzlich verändert:

Diese und weitere Eigenschaften und Voraussetzungen für Lernen sind seit langem gültig und wurden durch analoge oder digitale Werkzeuge und Medien der Menschheit nicht verändert.

Andererseits: Der Kontext, für und in dem menschliches Lernen stattfindet, verändert sich. Und zwar massiv.

  • Es verändert sich die Welt, in der wir leben. Unsere Welt hat andere Herausforderungen als früher. Dies erfordert andere fachliche Kompetenzen und andere Umgangsweisen in unserer Welt (überfachliche Kompetenzen).
  • Es verändert sich, was automatisierbar ist und deshalb meist nicht mehr durch Menschen gemacht wird. Dies bedeutet noch nicht zwingend, dass es nicht trotzdem sinnvoll ist, zu wissen, wie man das Automatisierte auch von Hand machen könnte. Aber es verändert Tätigkeiten.
  • Es verändern sich Arbeitsabläufe durch digitale Werkzeuge. Das Schreiben eines Textes von Hand auf Papier erfordert z.B. eine andere Arbeitsweise als das Schreiben eines Textes am Computer.
  • Es verändert sich, welche Hilfsmittel uns zur Unterstützung des Lernens zur Verfügung stehen.

Damit verändert sich, wofür, was und mit welchen Hilfsmitteln wir lernen.

Somit gilt es bei jeder neuen Technologie (aktuell: Generative Machine-Learning-Systeme) zu untersuchen, wie sich dadurch die Welt und damit die notwendigen Kompetenzen ändern, und welche Potenziale und Gefahren diese Technologien für den Lernkontext bieten im Wissen darum, dass die Lernprozesse des Menschen im engeren Sinne unverändert bleiben. Klingt banal, scheint aber in der Praxis schwierig. @ENDE

@ANFANG 22 September 2026 DagstuhlDreieckZweiNull Dagstuhl-Dreieck 2.0?

Vor etwa dreieinhalb Jahren haben wir auf Schloss Dagstuhl überlegt, wie man Entscheidungsträgern im Bildungswesen möglichst einfach erklären könnte, was Schülerinnen und Schüler über Digitales wissen müsste und warum das verbindlich in der Schule vermittelt werden sollte.

Herausgekommen ist die Erklärung Bildung in der digitalen vernetzten Welt PDF-Dokument (Biblionetz:t18567) mit einer prägnanten Darstellung der drei Perspektiven auf digitale Phänomene:

dagstuhl_dreieck.png

Die Entwicklungsgeschichte dieses sogenannten Dagstuhl-Dreiecks (Biblionetz:w02886) habe ich damals ebenfalls in diesem Blog beschrieben unter dem Titel Dagstuhl-Dreieck: "Speak with one voice" reloaded.

In den letzten drei Jahren hat das Dagstuhl-Dreieck eine aus meiner Sicht überraschend erfreuliche Verbreitung erlebt. Es wurde nicht nur im deutschsprachigen Raum rezipiert, sondern ist auch in der französischsprachigen Schweiz auf fruchtbaren Boden gestossen und ist unterdessen auch auf englisch verfügbar und weiterverbreitet worden.

Die Lehrmittelreihe connected des Zürcher Lehrmittelverlags hat das Dagstuhl-Dreieck als leitendes Modell übernommen und das Lehrmittel entsprechend strukturiert:

dagstuhl_lmvz.jpg

Natürlich ist das Dagstuhl-Dreieck nicht kritiklos geblieben. Neben Fundamental-Opposition von beiden Polen gab es auch moderatere Kritik zur Weiterentwicklung des Modells. Sowohl von Informatik- als auch von Medienbildungsseite wurde kritisiert, dass aus dem Dagstuhl-Dreieck nicht deutlich werde, dass es doch (auch) um eine Gestaltung der digitalen Welt gehe. Für mich persönlich war dies zwar implizit immer klar, kam aber tatsächlich durch die drei kurzen Fragen Wie funktioniert das? Wie wirkt das? und Wie nutze ich das? nicht explizit.

Im Sommer 2019 liegen nun zwei weitere Dreiecke vor, die als Weiterentwicklungen des Dagstuhl-Dreiecks betrachtet werden können oder sich selbst so bezeichnen (jaja, nicht die Dreiecke bezeichnen sich selbst so, sondern die Macherinnen und Macher der Dreiecke...).

So hat eine Gruppe von InformatikerInnen und MedienwissenschaftlerInnen in mehreren Überarbeitungsrunden das Frankfurt-Dreieck (Biblionetz:w03077) entwickelt und einen entsprechenden Text PDF-Dokument (Biblionetz:t25408) publiziert. Die Autorinnen und Autoren erklären darin:

Das Frankfurt-Dreieck ist eine Erweiterung und Fortschreibung des in der Dagstuhl-Erklärung enthaltenen Dagstuhl-Dreiecks und richtet sich in Ergänzung dazu nun in erster Linie an Forscher*innen und andere Personen, die sich primär reflexiv und theoretisch – mit Bildung im Kontext des digitalen Wandels beschäftigen. Das Papier will die aus verschiedenen Disziplinen an die Gruppe der Autorinnen und Autoren herangetragenen konzeptionellen Lücken beispielsweise zur Gestaltung von Informatiksystemen oder zur Einordnung und Rolle des Individuums als handelndes und medial adressiertes Subjekt schließen. Entsprechend gelten die politischen Forderungen der Dagstuhl-Erklärung (2016) weiterhin, werden konzeptionell ergänzt und auf außerschulische Bildungskontexte erweitert.

Dass sich das Dreieck eher an "Forscher*innen und andere Personen, die sich primär reflexiv und theoretisch – mit Bildung im Kontext des digitalen Wandels beschäftigen" merkt man meiner Ansicht nach der Darstellung an, sie ist wortreicher und für Praktiker*innen schwieriger zu verstehen geworden:

Neben dieser stärkeren Fokussierung auf Theorie und Reflexion hat aus meiner Sicht aber auch eine Verschiebung der drei Perspektiven stattgefunden. Ich habe die Anwendungsperspektive immer als sehr pragmatisch auf konkrete Nutzung ausgerichtet verstanden: Was muss ich konkret wissen und können, um derzeit verfügbare Hard- und Software einigermassen kompetent nutzen zu können. In der nun Interaktionsperspektive genannten dritten Perspektive des Frankfurter Dreiecks wird zusätzlich die Subjektivierung betont:

Aus der Interaktionsperspektive betrachtet, interessiert, welches Menschenbild durch diese Formen möglicher Selbstthematisierung konstituiert wird. Zweitens wird abstrakter auch die Frage gestellt, wie und vor dem Hintergrund welcher kulturellen Einschreibungen Subjekte in den jeweiligen Medien repräsentiert und adressiert sind, beispielsweise in Form von Interessenprofilen in Empfehlungs- und Filtersystemen oder auf Ebene von Interfaces und Interaktionsmöglichkeiten. Drittens sind beispielsweise im Angesicht von Data Analytics und Künstlicher Intelligenz traditionell auf Subjekte bezogene Konzepte wie Autonomie und Authentizität auch auf technologisch-medialer Ebene in den Blick zu nehmen.

In meiner Wahrnehmung würden diese Aspekte zur gesellschaftlich-kulturellen Perspektive gehören und durchaus mit der Frage Wie wirkt das? mitgemeint sein können. Für mich ist beim Dagstuhl-Dreieck ist relevant, dass die Anwendungsperspektive salopp und ungenau formuliert so das ECDL-Wissen umfasst und ich EntscheidungsrägerInnen somit relativ rasch und einfach anhand der anderen beiden Perspektiven aufzeigen kann, dass es eben mehr braucht als nur Anwendungskompetenzen. Mit der Umwandlung der Anwendungsperspektive in die Interaktionsperspektive verliere ich beim Frankfurter Dreieck diese einfache Erklärungsmöglichkeit.

Für meinen pragmatischen Bedarf in der Bildungspolitik ist somit das Frankfurter Dreieck nicht sehr hilfreich, weil es sich nicht dafür eignet, in einem elevator pitch einem Journalisten oder einer Entscheidungsträgerin die wesentlichen Aspekte eines Wissens _über digitale Phänomene zu erklären. Auch in der Aus- und Weiterbildung werde ich weiterhin das einfacher zugängliche Dagstuhl-Dreieck verwenden.

Ein andere Weiterentwicklung des Dagstuhl-Dreiecks ist in der Charta Digitale Bildung (https://charta-digitale-bildung.de/, Biblionetz:t20900) zu finden und geht in die andere Richtung. Die gesamte Charta hat bequem auf einer A4-Seite Platz:

charta-digitale-bildung.jpg

Die Grafik, stellt nun das Gestalten in den Mittelpunkt, was mir sehr gefällt (und hoffentlich auch andere glücklich macht):

Wermutstropfen für mich: Der Doppelpfeil, der für mich (oder auch für Petra Grell, siehe ihre Keynote an der GMW 2019 in der Minute 28) schön symbolisierte, dass es sich bei der Frage Wie wirkt das? nicht um eine Einbahnstrasse handelt, sondern die Frage eigentlich korrekter Wie wechselwirkt das? heissen müsste, wurde durch ikonisierte Menschen ersetzt.

@ENDE

@ANFANG 21 September 2026 KeineSchuleOhneComputer Keine Schule ohne Computer Der Zürcher Medienpädagoge im Landboten (27.3.06) zum Thema Computer in der Primarschule.

Biblionetz:t05709 , @ENDE

@ANFANG 21 September 2026 BlogEntry200508051101 Leading Geeks Soeben das Buch Leading Geeks (Biblionetz:b02331) zu Ende gelesen.

Das Buch ist für mich aus verschiedenen Gründen spannend:
  • Ich habe sicherlich Geek-Anteile in mir. Das Buch kann also auch zur Selbstreflexion beitragen.
  • Ich habe beruflich mit Geeks zu tun. Zunehmend auch auf einer Management-Basis.
  • Ich bewege mich derzeit in einer Branche (Hochschule und Schule), die nicht nur bisher fast keine Geeks enthält, sondern die auch den Menschentyp Geek bisher praktisch nicht kennt. Dies ergibt spannende, aber auch konfliktreiche Situationen.

@ENDE

@ANFANG 21 September 2026 DerGrosseFeldVersuch Der grosse Feldversuch Ein lesenswerter Artikel zum Thema Informatik-Unterricht in deutschen Schulen ist unter dem Titel Der grosse Feldversuch in der Ausgabe 10/06 der Zeitschrift c't erschienen. (Biblionetz:t05785)

Während in Bayern schon für Kindergartenkinder Richtlinien gelten, nach denen sie sich spielerisch dem Thema Computer nähern sollen, und Informatik als Fach in der Mittelstufe fest verankert ist, entlässt Hamburg immer noch Schulabgänger, die in 13 Unterrichtsjahren keine einzige lnformatikstunde erlebt haben. Der Föderalismus verkompliziert die ohnehin kontroverse Diskussion um die Schul-IT.

@ENDE

@ANFANG 21 September 2026 BlogEntry200508170913 Zeitschriften ohne Digitalversion
Gestern (20.5.2006) habe ich wieder einmal eine Ausgabe der Zeitschrift Computer und Unterricht unserem neuen Kopierapparat gefüttert, der daraus in zwei Minuten eine 7 MByte grosse PDF-Datei erstellt hat.
Während dieser zwei Minuten habe ich mir überlegt, wie lange ich noch Zeitschriften in meinem Fachgebiet akzeptieren will, die nicht in digitaler Form erhältlich sind.

Artikel in Fachzeitschriften lese ich, um die darin enthaltenen Informationen zu verarbeiten und weiter zu verwenden. Der technische Teil dieser Informationsverarbeitung geschieht heute digital. Artikel, die es nur in Form von toten Bäumen gibt, sind mühsam: Will ich zitieren, will ich den Artikel jemandem weitermailen, so muss ich , zuerst den Aufwand der Digitalisierung treiben. Tue ich das nicht, werden aus den Artikeln tote Artikel. (Maja Engeli: If data is left alone it will die. (Biblionetz:p00362))

Konsequenterweise muss ich mir überlegen, ob ich Artikel überhaupt noch lesen will, wenn ich sie nicht effizient weiterverwenden will. Natürlich verengt das meine Wahrnehmung, natürlich leistet dies dem Prinzip "Was nicht mit Google zu finden ist, existiert nicht" Vorschub. Das nennt sich Aufmerksamkeitsökonomie (Biblionetz:w00502).

Also lieber Friedrich Verlag, liefere bitte bald eine Jahres-CD mit den Artikel in digitaler Form zum Abo.


Ich ärgere mich auch zunehmend über diese Form der Information, die man selber einscannen muss. Ich habe dem Friedrich-Verlag ein Email geschrieben und darauf auch eine Antwort bekommen. Nach dem obligaten Dank für das Interesse an der Zeitung bestätigt man mir, dass die Ausgabe nicht digital erscheine und demnächst auch nicht digital erscheinen werde. Man hat unter anderem Angst vor einer "unauthorisierten … Weiterverbreitung". Man kenne im Moment noch kein wirklich tragfähiges Konzept, man arbeite aber verlagsintern an einer möglichen digitalen Ausgabe. Was das auch immer heisst. Vorerst mussen wir wohl die Zeitschrift weiterhin dem Kopierapparat füttern. -- KurtJakob - 21 May 2007

IsaDigitalImmigrant

@ENDE

@ANFANG 21 September 2026 APersonalComputerOfAllAges A Personal Computer for Children of All Ages

Am letzten Samstag hielt ich am Letec-Seminar anlässlich des 20. Jahre-Jubiläums der Firma Letec einen Vortrag zum Thema One-to-one computing in der Schule unter dem Titel Ein iPod pro Schulkind:

img001.jpg

Im Vortrag habe ich das Paper A Personal Computer for Children of All Ages (Biblionetz:t03304) von Alan Kay (Biblionetz:p00541) aus dem Jahr 1972 (!) vorgestellt.

Die Lektüre dieses Papers empfiehlt sich aus verschiedenen Gründen sehr:

  • Die Innovation in der Informatik ist nicht so rasant, wie teilweise behauptet wird. Viele der Ideen, die technisch zwar erst heute in der Breite realisierbar sind, sind bereits vor längerem sehr realistisch und differenziert beschrieben worden.
  • Die Präzision, mit der Kay gewisse Entwicklungen voraussagt (z.B. die Notwendigkeit von Spamfiltern!) ist frappierend
  • Die im Paper zum Ausdruck gebrachte Einschätzung der Bedeutung dieser Entwicklung gefällt mir sehr: "Diese Entwicklung wird nicht die Welt retten. Diese Computer sind so etwas wie aktive Bücher. Aber hey, haben nicht Bücher vor vielen Jahren eine Revolution ins Rollen gebracht, da Information plötzlich viel einfacher verbreitbar und speicherbar war?"

Lesen! PDF-Dokument

@ENDE

@ANFANG 21 September 2026 WennDerComputerAufsaetzeKorrigiert Wenn der Computer Aufsätze korrigiert Erst vor kurzem hatte ich bereits ein Posting zur Frage, wie sich Digitalisierung und Automatisierung im Deutschunterricht thematisieren liesse (siehe Wie der Oberlehrer in der Schule helfen könnte).

Ein kürzlich erschienener Artikel in der New York Times führt nun verschiedentlich zu Diskussionen, wie weit sich Automatisierung in der Bildung durchsetzen könnte und was dies für Konsequenzen hätte. Eine jahrzehntealte Diskussion über künstliche Intelligenz (Biblionetz:w00039) und Co. in Zeiten von Internet und MOOCs (Biblionetz:w02343) neu aufgerollt...

Im Artikel Essay-Grading Software Offers Professors a Break (Biblionetz:t14856) beschreibt John Markoff das Projekt des MOOC-Anbieters EdX (Biblionetz:w02363), Aufsätze mit Hilfe von künstlicher Intelligenz automatisch korrigieren zu lassen. EdX will diesen Dienst einerseits selbst einsetzen, andererseits auch kostenlos auf dem Netz anbieten.

Der Vorteil einer solchen Lösung wäre doppelt: Einerseits wäre es natürlich sehr effizient, wenn Computer und nicht Menschen die Aufsätze bewerten würden und andererseits würden Lernende von unmittelbaren Rückmeldungen profitieren.

Selbstverständlich ist der Ansatz der automatisierten Aufsatzkorrektur nicht unumstritten, wie der Artikel dann erklärt. Es gibt auch schon Forscher die Aufsatzkorrekturprogramme mit Nonense-Aufsätzen gefüttert und trotzdem Bestnoten vom System erhalten haben.

Es geht hier um die alte Frage, wie stark Computer menschlichen Denk- und Entscheidungsprozesse übernehmen können. Kommen wir dem Singularity Point von Ray Kurzweil (Biblionetz:p00691) näher?

Und was macht der Schulpraktiker mit dieser (vorerst noch weitgehend) akademischen Diskussion? Zwei spannende Blogpostings von Urs Henning können Ideen liefern, wie sich die Diskussion im gymnasialen Sprachunterricht produktiv nutzen liesse. Unter

stellt Urs Henning folgende Werkzeuge zur Textanalyse vor:

Zu allen diesen Werkzeugen gibt es bereits eine vorbereitete Webquest-Umgebung. Zusammen mit der Informatikdidaktik-Perspektive liesse sich auch überlegen, solche Tools selbst zu planen und umzusetzen. Daraus ergibt sich dann die Medienbildungsperspektive, welche Bedeutung das menschliche Denken in Zeiten der automatisierten Informationsverarbeitung hat...

textanalyse.jpg
Die Wörter dieses Postings visualisiert mit wordle.net
,

@ENDE

@ANFANG 04 September 2026 InformationsflutPegelstandanzeige Die Informationsflut-Pegelstandanzeige

Kürzlich habe ich mir meine persönliche Informationsflut-Pegelstandsanzeige gebaut. Einerseits als technische Spielerei, damit ich mich wieder einmal mit Webechnologien wie REST-APIs etc. auseinandersetze und andererseits weil ich erleben wollte, wie sich diese Facette von quantified self (Biblionetz:w02356) anfühlt.

pegelstand01.png
Veralteter Screenshot meiner Informationsflut-Pegelstandsanzeige

Technische Aspekte

Umgesetzt habe ich diese Pegelstandsanzeige als zwei Sensoren in meinem Smarthome-System (Home Assistant), das bei mir zu Hause auf einem Raspberry Pi läuft.

Mailcounter

Da meine berufliche Mail über die Microsoft-Cloud läuft, habe ich via Power Automate von Microsoft einen Mechanismus zusammengestellt, der alle 5 Minuten per Rest-API-Aufruf meinem Raspberry Pi mitteilt, wie viele Mails sich derzeit in meiner Inbox befinden.

pegelstand02.png
Veralteter Screenshot meiner Informationsflut-Pegelstandsanzeige

Der bei Microsoft Flow genannte Ablauf wird alle 5 Minuten ausgelöst und holt sich über einen https-Aufruf beim MS-Graph ein json-Object, das die Anzahl Mails in meiner Inbox enthält:

https://graph.microsoft.com/v1.0/me/mailFolders/inbox/totalItemCount

Im nächsten Schritt wird die benötigte Zahl aus dem json-Objekt extrahiert und im letzten Schritt als REST-API-Aufruf meinem Home-Assistant-Instanz weitergereicht:

https://meine-geheime-homeassistant-adresse.org:port/api/states/input_number.mailcounter

Den Rest der graphischen Aufbereitung sowie der Speicherung einer History übernimmt alles Home Assistant.

Tabcounter

Den Tabcounter habe ich als selbst zusammengestiefelte kleine Chrome-Extension umgesetzt. (Viel musste ich nicht selbst programmieren, ich konnte die bestehende Chrome-Extension HA-Cinema-Time anpassen, indem ich einfach an der passenden Stelle chrome.tabs.query() einsetzen und den Code an passender Stelle auf meinem Computer deponieren musste.

Nun meldet mein Chrome-Browser bei jedem Öffnen und Schliessen eines Tabs die aktuelle Zahl meiner offenen Chrome-Tabs an meine Home-Assistant-Instanz. Technisch war das Gebastel für mich lehrreich und hat mir wieder einmal gezeigt, wie standardisierte Schnittstellen zur Mächtigkeit der Digitalisierung beitragen, indem neue Systeme mit vergleichsweise geringem Aufwand als Puzzles aus bestehenden Bestandteilen zusammengesetzt werden können (sprich: Das Rad muss nicht dauernd neu erfunden werden).

Inhaltliche Aspekte

Ich finde die Pegelstandanzeige für mich persönlich interessant und hilfreich. Sie ergänzt mein Bauchgefühl, ob ich grad von Informationen geflutet oder ob ich ihr einigermassen Herr werde. Von zeit zu Zeit reserviere ich mir explizit Zeit, um die beiden Pegel zu senken, da dienen die Anzeigen als simple, aber erfolgreiche Motivationshilfe.

Da Arbeitskolleg:innen manchmal wissen möchten, wie stark ich grad belastet bin, habe ich mir schon überlegt, ob ich diese Pegelstandanzeigen auch automatisiert meiner Wochenplan-Mail beilegen sollte. Das ist aber vermutlich aus verschiedenen Gründen keine gute Idee:
  • Die Zahl meiner Mails in der Inbox und offener Browser-Tabs sagt sehr wenig über meine echte Arbeitslast aus und lässt sich vor allem nicht mit den Zahlen anderer Menschen vergleichen:
    • Inboxen können leicht durch alle möglichen Notifications und Newsletter verstopft werden, wenn man diese nicht konsequent abmeldet.
    • Auch ohne Newsletter etc. benötigt nicht jede Mail und jedes Browser-Tab den gleichen Verarbeitungsaufwand. Die reine Zahl an Mails und Tabs sagt somit sehr wenig über den effektiven Arbeitsberg aus.
  • Relevant ist eigentlich nicht die absolute Zahl, sondern die Veränderung in jüngerer Vergangenheit: Es ist nicht wichtig, wie viele Mails oder Tabs insgesamt noch auf mich warten, sondern ob mehr Informationsobjekte reinkommen als ich verarbeiten kann. Somit müsste ich eigentlich keine Pegelstandanzeigen versenden sondern Steigungsindikatoren.
  • Und als letztes lässt sich aus den Zahlen auch nicht ablesen, ob ich Mails und Tabs aus Faulheit oder Überlastung nicht verarbeitet habe.

Fazit: Ich werde die Pegelstandanzeigen weiterhin nutzen, aber nur für mich privat.

@ENDE

@ANFANG 30 August 2026 SprossenVerlust Sprossenverlust

Es ist Sommerpause. Zeit um Gedanken und Begriffe zu ordnen. Seit längerem sehe ich Parallelen zwischen zwei möglichen Gefahren von generativen Machine-Learning-Systemen (Biblionetz:w02833). Da ich bisher keine Quelle gefunden habe, welche die beiden Gefahren nebeneinanderstellt und Ähnlichkeiten aufzeigt, habe ich mir kürzlich die Zeit genommen und zuerst alleine und dann mit anderen darüber nachgedacht sowie Begriffe erfunden:

sprossenverlust.jpg

  • Auf der individuellen Ebene kann es zu einer Kompetenzaufbau-Lücke (Biblionetz:w03804) führen, wenn junge Menschen GMLS als Abkürzung (Biblionetz:w03717) einsetzen. Dieses Phänomen wird mit verschiedenen Begriffen bezeichnet (z.B. skill skipping, accumulation of cognitive debt, metacognitive laziness ).
  • Auf der organisationalen Ebene kann es zu einer Erfahrungsaufbau-Lücke (Biblionetz:w03805) für Unternehmen führen, wenn diese keine jungen Mitarbeitenden mehr einstellen, sondern auf GMLS setzen, da dadurch kein Erfahrungswissen in der Organisation mehr aufgebaut wird.
  • Beides zusammen nenne ich einen GMLS-Sprossenverlust (Biblionetz:w3803).

In meinem aktuellen Begriffsverständnis kann sich eine Kompetenzaufbau-Lücke ergeben, wenn GMLS wiederholt als Abkürzung verwendet werden. Die beiden Begriffe sind für mich somit keine Synonyme. GMLS als Abkürzung (Biblionetz:w03717) ist für mich zudem ein Spezialfall von cognitive offloading (Biblionetz:w03632), das auch unabhängig von GMLS mit Notizheft, Taschenrechner, Kalender etc. stattfindet.

Ich bin u.a. gefragt worden, warum ich nicht beide Ausprägungen als Kompetenzaufbau-Lücken bezeichnen würde. In der Ausbildung geht es darum, alle Facetten einer Kompetenz aufzubauen. Bei jungen Mitarbeitenden eines Unternehmens geht man davon aus, dass sie sich vor allem in der Erfahrung von älteren Arbeitnehmenden unterscheiden. Aus diesem Grund habe ich bei der Organisation die Erfahrung ins Zentrum gestellt. Es geht auch darum, dass die Unternehmens-DNA verloren geht: Niemand weiss mehr, wie das Unternehmen tickt. Diese Sozialisierung / Branchenerfahrung war mir bei der Begriffsprägung wichtig.

@ENDE

Number of topics: 10