In unserer Publikation Digitale Lernplattformen in der Volksschule (Biblionetz:b08000) haben Michael Hielscher, Lennart Schalk, Michael Seemann und ich zu generativen Machine-Learning-Systemen geschrieben, dass empirische Studien angesichts der Novität und Dynamik des Themas rar und entsprechende (Meta-)Studien mit Vorsicht zu geniessen seien:

So sind auch die ersten 2025 publizierten Metastudien zu GMLS in der Bildung mit entsprechender Vorsicht zu lesen. Die beiden zum Berichtszeitpunkt bekanntesten Metastudien (Deng et al. 2025; Wang & Fan 2025) wurden zwar breit ausserhalb der Wissenschaft rezipiert, ihre Methodik wurde aber wissenschaftlich stark kritisiert (siehe z. B. Bartoš, Martinková, & Wagenmakers 2025; Weidlich, Gašević, Drachsler, & Kirschner 2025).

Am 22. April 2026 hat Springer Nature beschlossen, eine der beiden Metastudien zurückzuziehen. Unsere Aufforderung zur Vorsicht war somit in diesem Fall berechtigt. Was mich jedoch derzeit umtreibt: Das ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten begegne ich gehäuft vielzitierten und in Massenmedien rezipierten wissenschaftlichen Publikationen, die ich nach genauerer Betrachtung für problematisch halte, weil sie massive Fehler enthalten oder gar gefälscht scheinen. Dies stellt mich vor die Frage, wie ich mit solchen Publikationen umgehen soll.

Wissenschaftlich problematische Publikationen sind kein neues Phänomen. Schon immer gab es Publikationen mit kleineren oder grösseren Fehlern, die durch das peer review (Biblionetz:w01890) nicht aufgedeckt wurden. Dahinter muss keine böse Absicht stecken, es können auch Flüchtigkeitsfehler oder mangelnde Kompetenz zu solchen Publikationen führen. Ebenfalls nicht neu sind aber absichtlich geschönte oder gar gefälschte wissenschaftliche Paper. Ich sehe dafür mehrere mögliche Motive:

  1. Die eigene Wissenschaftskarriere vorantreiben: Weil in der akademischen Welt oft Publikationen als Gradmesser der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit angesehen werden, führt dies zu einem gewissen Publikationsdruck, der unter Publish or perish (Biblionetz:w02508) bekannt ist (sozusagen die akademische Version der Aufmerksamkeitsökonomie. Diese Mechanismen sind alt und wohldokumentiert:

     
  2. Eigenes Einkommen oder Reputation erhöhen: Will man Bücher oder Vorträge verkaufen, macht es sich nicht schlecht, wenn man dabei auf eigene wissenschaftliche Publikationen verweisen kann. Das verleitet gewisse Menschen dazu, da ein bisschen nachzuhelfen oder Publikationsprozesse zu beschleunigen.
     
  3. Die eigene Agenda im öffentlichen Diskurs mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern: In politisch umstrittenen Themenbereichen wird auch schon seit langem versucht, die öffentliche Wahrnehmung mit scheinbar wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beeinflussen. Das wohl bekannteste Beispiel betrifft nicht eine Einzelperson, die ihre politische Sichtweise mit wissenschaftlichen Publikationen stützen will, sondern eine ganze Branche: Die Tabakindustrie hat Wissenschaftler:innen dafür bezahlt, Forschungsergebnisse zu publizieren, die nahelegen, dass Tabak nicht gesundheitsschädlich sei (siehe Biblionetz:w03317). Da ich mich im politisch umstrittenen Themenfeld "Digitalisierung und Bildung" bewege, begegne ich auch Publikationen, bei denen ich entsprechende Motive vermute.

Generative Machine-Learning-Systeme (GMLS) haben die Problematik vergrössert, denn der Aufwand, um sich auf den ersten Blick seriös klingende Artikel inkl. Literaturliste schreiben zu lassen, ist massiv gesunken - entsprechend zahlreich sind auch die Geschichten um plump gefälschte Paper.

Wie soll ich nun konkret damit umgehen, wenn mir entsprechend problematisch Publikationen begegnen?

A) Soll ich reagieren?

Es gibt Gründe, warum ich bei problematischen wissenschaftlichen Publikationen reagieren sollte:

  • Ruf der Wissenschaft: Es schadet längerfristig der Wissenschaft, wenn problematische Publikationen nicht beanstandet, korrigiert oder zurückgezogen werden. Es wäre kurzfristig zu denken, dass man durch das Hinweisen auf problematische Publikationen der Wissenschaft schadet (und somit zum Nestbeschmutzer wird), denn Falsifizierbarkeit und offener Umgang mit Fehlern gehört zu guter Wissenschaft. Wer schweigt, lässt nicht nur zu, dass sich problematische Publikationen weiterverbreiten, sondern duldet auch einen schlampigen Umgang im Wissenschaftsbetrieb.
  • Einfluss auf politische Entscheide: Insbesondere bei Publikationen, die bei politischen Diskussionen und Entscheiden verwendet werden, scheint es mir wichtig, bei fehlerhaften oder falschen Publikationen zu reagieren. Oft sind es gerade Publikationen mit pauschalen und einfachen Ergebnissen, die in der politischen Debatte gerne aufgenommen werden (Biblionetz:a01400).
  • Fairness-Überlegungen: Gerade wenn wissenschaftliche Publikationen einen Einfluss auf Drittmittel und Karriere haben können, scheint es angezeigt, unsaubere oder gar gefälschte Publikationen aus dem Verkehr zu ziehen. Es wäre ansonsten ungerecht gegenüber ehrlich und seriös arbeitenden Forschenden.

Es gibt aber auch Gründe, warum man vielleicht gerne wegschauen möchte bei solchen Publikationen:

  • Die Welt voranbringen, nicht andere kritisieren: Grundsätzlich interessiert mich an meiner Arbeit, Lösungen für Herausforderungen der Menschheit zu finden. Das ist erfüllender und direkter sinnstiftend, als die Arbeit anderer zu kritisieren.
  • Schiere Menge: Generative Machine-Leraning-Systeme erhöhen derzeit die Zahl gefälschter Publikationen massiv. Deren Bekämpfung droht zu einem Fulltime-Job zu werden.
  • Vermeidung des Neid-Vorwurfs: Kritisiert man öffentlich die Arbeit von Menschen, die aufgrund dieser Arbeit im Licht der Öffentlichkeit stehen, riskiert man den Vorwurf, nur neidisch zu sein: Weil man selbst nicht so bekannt / berühmt / oft zitiert sei, würde man jetzt andere kritisieren. Diesem Vorwurf kann man entgehen, indem man schweigt.
  • Vermeidung von persönlichen Konflikten: Je nachdem, wie man auf problematische Publikationen anderer hinweist und welche Konsequenzen dies für andere hat, macht man sich zur Zielscheibe von Hass und anderen schlechten Gefühlen seitens der Angeschwärzten.

B) Wie soll ich reagieren?

Hat man sich entschlossen zu reagieren, stellt sich die Frage, wie man denn idealerweise tut. Ziel sollte in den meisten Fällen die Korrektur / Zurückziehung der problematischen Publikation und nicht der Angriff auf die Autor:innen sein (auch wenn das nicht immer klar unterscheidbar ist).

  • Eine erste Reaktionsmöglichkeit ist eine direkte private Rückmeldung an die Autor:innen der Publikation. Im Idealfall erkennen die Autor:innen die Problematik und leiten entsprechende Schritte ein.
  • Sind die Autor:innen uneinsichtig oder unwillig, so ist eine Rückmeldung an die entsprechende Zeitschrift ein möglicher nächster Schritt. Bei seriösen Herausgeberschaften ist dies meist zielführend. Es gibt aber auch Herausgeberschaften, die selbst wenig Interesse an einer Korrektur haben.
  • Ein anderer möglicher zweiter Schritt besteht in einer Rückmeldung an die Hochschule der Autor:innen. Auch hier gilt: Bei seriösen Hochschulen sollte dies zielführend sein, bei gewissen privaten Hochschulen bin ich skeptisch, ob das nicht zum Geschäftsmodell gehört.

Was aber, wenn diese drei Varianten, welche hinter den Kulissen ablaufen und nicht direkt auf die Autor:innen abzielen, nicht weiterhelfen? Bei Autor:innen, die öffentlich bekannt sind und auch regelmässig in Massenmedien zu lesen, hören und sehen sind, stellt sich die Frage, ob es zielführend ist, Massenmedien auf problematische Aspekte gewisser Publikationen und die vergeblichen Versuche hinter den Kulissen hinzuweisen.

Mein aktuelles GMLS schlägt nach der Lektüre des Posts noch vor: "PubPeer, Retraction Watch, Replies/Kommentare in derselben Zeitschrift, Preprints mit Gegenanalyse, Fachblog)."

Habe ich etwas übersehen? Zielführende Hinweise sind willkommen!

P.S: Aus aktuellem Anlass sehe ich grad die Parallele zur Entdeckung von IT-Sicherheitslücken. Auch da sollte man ja Zeit aufwenden, um die Entwickler:innen hinter den Kulissen auf die Probleme hinzuweisen (Responsible Disclosure). Nein, IT-Sicherheitsprobleme entstehen nicht nur durch vibe-coding, aber das wäre jetzt ein anderes Posting...

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