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Digitalisierung, Digitalität & Co.

20 Sep 2020 - 08:18 | Version 6 |

Endlich habe ich eine Grafik gezeichnet, die ich bereits seit längerem mit mir herumtrage. Einmal mehr geht es um Begrifflichkeiten (ein Thema, das man auch als praxisfern bezeichnen kann, siehe Ach diese Begrifflichkeiten).

Die Grafik versucht, mein derzeitiges Verständnis verschiedener in aktuellen Bildungsdiskursen verwendeter Begriffe zu visualisieren:

digitalisierung-digitalitaet.jpg

In der Grafik verstecken sich u.a. folgende Sichtweisen:

  • Es gibt einen technischen Auslöser einer Veränderung: Durch Digitaltechnik werden Dinge möglich, die früher nicht oder nur massiv aufwändiger möglich waren. Diese Möglichkeiten verändern Handlungs- und Lebensweisen der Gesellschaft und führen so zu einem gesamtgesellschaftlichen Wandel.
  • Die Möglichkeiten der Digitaltechnik sind begrenzt. Irgendwann wird ihr Veränderungspotenzial erschöpft sein. Die Gesellschaft kommt in einen Zustand nach dem Wandel.
  • ...

Jede Grafik vereinfacht (The map is not the territory, Biblionetz:a00009):

  • Digitaltechnik schafft Möglichkeiten. Individuen und Gesellschaft bestimmen aber massgeblich mit ob und wie diese Möglichkeiten genutzt und wie sie weiterentwickelt werden. Also gegenseitige Beeinflussung von Technologie und Gesellschaft, kein simpler Technikdeterminismus (Biblionetz:w02180).
    In der Grafik könnte somit statt Auslöser auch Ermöglicher stehen. Gefällt mir aber (noch) nicht, weil es für mich zu einseitig klingt.
    Zudem ist im Laufe der Entwicklung in bestimmten Kontexten digitale Technologie nicht mehr einfach nur eine Möglichkeit (take it or leave it), sondern aus gesellschaftlichen Gründen durchaus auch ein Zwang.
    Der letzte Aspekt, der mich dazu bringt, beim Begriff Auslöser zu bleiben: In meiner Wahrnehmung als Informatiker sind es nicht nur gesellschaftliche Entwicklungen. Ohne die technologische Basis wäre die Veränderung nicht möglich. Weil ich als Fachdidaktiker der Meinung bin, dass man bestimmte Aspekte der Digitaltechnolgie verstehen sollte, um ihr Veränderungspotenzial mindestens ansatzweise verstehen zu können, lege ich Wert darauf, dass es ein Auslöser ist. Wir reden über den ganzen Kram, weil Menschen den Computer entwickelt haben. Eine alternative Darstellung könnte auch so aussehen:
    coevolution.jpg
  • ...

Die Grafik dient mir zu verschiedenen Zwecken:
  • Ich versuche damit, für mich selbst, meine Gedanken wieder einmal zu büscheln.
  • Ich provoziere durch die Grafik Widerspruch und lerne daran andere Sichtweisen zu erkennen und evtl. zu verstehen.
  • Ich versuche durch die Grafik das Einfache und Unwidersprochene beiseite legen zu können um danach auf Ungeklärtes fokussieren zu können.
  • Nach Abschluss dieser Prozesse hoffe ich anderen beim Nachdenken über das Thema helfen zu können.

Zu den zu diskutierenden Fragen gehören für mich mindestens:

  • Endet der digitale Wandel? In meiner Darstellung als S-Kurve endet der digitale Wandel irgendwann (in meiner Wahrnehmung, weil das Potenzial ausgeschöpft ist). Es gibt aber andere Stimmen die davon ausgehen, dass der Wandel künftig die einzige Konstante darstellen wird. Stimmt das? Welche Vorstellung ist hilfreicher beim Nachdenken über sinnvolle Handlungsweisen?

  • Wie lange dauert die Wandelphase? Wenn wir davon ausgehen, dass der digitale Wandel eine Phase mit Anfang und Ende darstellt, so ergibt sich daraus die Frage, wie wir die Phase zeitlich begrenzen. Und hier zeigen sich dann eben auch die Grenzen der Vereinfachung. Jenachdem, was ich verstehen oder erklären will, sind andere Grenzen sinnvoll. In meinem Verständnis hat die Phase angefangen mit den ersten Computern und endet erst, wenn sich das Innovationspotenzial der Digitaltechnologie erschöpft hat.
    In gewissen Teilaspekten ist die Digitalisierung aber bereits erfolgt. Digital ist das Leitmedium in sehr vielen Bereichen unserer Gesellschaft, es liesse sich also argumentieren, dass der digitale Leitmedienwechsel vorüber sei und wir besser vom Zustand der Postdigitalität sprechen würden.
    Für bestimmte Diskurse ist es wichtig, dass wir betonen, dass das Digitale (bereits seit längerem) da ist und nicht etwa in ferner Zukunft kommen wird (z.B. die Frage, wie lange neue Medien noch neu sind). In anderen Diskursen ist aber ebenso wichtig aufzuzeigen, dass die Entwicklung noch lange nicht vorbei ist, sondern wir erst am Anfang stehen. An vielen Orten in unsrer Gesellschaft nutzen wir Digitaltechnologie bisher nur zur Effizienzsteigerung alter Abläufe. Wir haben weder die technologischen Potenziale ausgeschöpft noch unsere Handlungsabläufe verändert (Im Bildungsbereich: Bisher gibt es praktisch keine digitalen Lehrmittel, die von Anfang an digital gedacht wurden, meist steckt gedanklich noch das gedruckte Lehrmittel dahinter; Die durch persönliche Geräte und übergreifende Plattformen immer zahlreicher verfügbaren Daten der Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler werden bisher nur spärlich genutzt, datafication (Biblionetz:w03135) in education ist meist noch Zukunfts- oder höchstens Forschungsthema, aber noch nicht im Alltag angekommen).
    Ich denke hier über eine Darstellung nach, die zeigt, dass der grosse Wandel aus vielen kleinen Wandeln besteht:
    vielekleinewandel.jpg
    Die Schwierigkeit besteht hier einerseits darin zu entscheiden, welches denn genau die kleinen Wandel sind, die ich namentlich nennen will und andererseit zu entscheiden, wie weit wir denn in der S-Kurve des grossen Wandels bereits fortgeschritten sind: Wie viel kommt da noch?

  • Wo stehen wir heute? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man sich auf eine Antwort auf die Frage Wie lange dauert die Wandelphase? geeinigt hat.

  • Wird "Kultur der Digitalität" deskriptiv oder normativ verwendet?
    Wie sieht die Welt nach dem digitalen Wandel aus? Begriffe, die diesen Zustand beschreiben, können zweierlei Funktion haben. Sie können schlicht eine Name sein für einen irgendwie gearteten Zustand (deskriptiv) oder sie können auch einen Wunschzustand definieren (normativ). Insbesondere bei der "Kultur der Digitalität" gilt es in Diskussionen zu klären, wie der Begriff verwendet wird.

To be continued...

Eine erste Diskussion der Grafik hat sich bei Twitter ergeben.


 
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