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Warum ich das SAMR-Modell nicht nur doof finde

07 Apr 2021 - 08:52 | Version 1 |

Lange Zeit habe ich das SAMR-Modell (Biblionetz:w02934) in meinen Überlegungen links liegen lassen - zu simpel und zu technologiefixiert. So habe ich es z.B. erst 2017 im Biblionetz als Begriff aufgenommen und erst 2021 in einer Publikation erwähnt (Biblionetz:t27000, erscheint im Mai 2021). Trotzdem mag ich nicht in das von mir wahrgenommene SAMR-Bashing einstimmen - SAMR hat meiner Meinung nach durchaus seine Berechtigung, wenn es mit Bedacht eingesetzt wird.

Das SAMR-Modell hat eine erstaunliche Entstehungsgeschichte. Ruben R. Puentedura hat das Modell 2006 erstmals in einer Präsentation verwendet (Biblionetz:t26734). Auch seine nächste oft zitierte Publikation SAMR and TPCK (Biblionetz:t26733) ist wiederum "nur" eine Präsentation, kein ausgewachsenes Paper und schon gar kein quantitativ empirisch erhobenes Modell. Trotzdem dient es vielerorts als Denkfigur in Diskussionen um Digitales in der Schule.

Was postuliert denn das SAMR-Modell? Das SAMR-Modell unterscheidet vier Stufen der Integration digitaler Technologie in Lehr-/Lernprozesse:

w02934.jpg

  1. Biblionetz:w03211 Substitution: Tech acts as direct tool substitute, with no functional change.
  2. Biblionetz:w03212 Augmentation: Tech acts as a direct tool substitute, with functional improvement
  3. Biblionetz:w03212 Modification: Tech allows for significant task redesign.
  4. Biblionetz:w03212 Redefinition: Tech allows for the creation of new tasks, previously inconceivable.

Die Stufen 1 und 2 werden als Enhancement und die Stufen 3 und 4 als Transformation zusammengefasst. Puentedura fragt in seinen Präsentationsfolien, wie man zu einer Transformation kommt und stellt damit implizit die Hypothese auf, dass es wünschenswert ist, die Stufen Modification und Redefinition des Technologieeinsatzes zu erreichen.

Dies führt zu folgender Kritik am SAMR-Modell, die ich teile:

  • SAMR ist technologiefixiert.
    SAMR fokussiert nur auf den Unterrichtseinsatz des Digitalen und lässt dadurch sowohl die Frage ausser acht, wie das Digitale die gesamte Gesellschaft verändert und damit auch die Ziele und Inhalte des allgemeinbildenden Unterrichts.
  • SAMR ist mehrwertfixiert.
    Durch die vier Stufen des Modells wird implizit die wertende Frage gestellt, wo denn der (direkte) Zusatznutzen des Digitaleinsatzes liegt. Oft wird daraus auch die Schlussfolgerung abgeleitet, dass die Nutzung des Digitalen überflüssig bzw. sogar abzulehnen sei, wenn sich kein Mehrwert gemäss SAMR aufzeigen lasse. Diese Mehrwertfixierung hat wiederum zwei Folgen:
    • Es wird implizit und unhinterfragt davon ausgegangen, dass jeder Lehr-/Lernprozess reformbedürftig und jede Transformation positiv zu bewerten sei.
    • Es wird eine pauschale Wertung "Je transformierender, desto besser" des Digitaleinsatzes vorgenommen, der nicht immer zutreffend sein muss.
    • Es verhindert den digitalen Alltag (Postdigitalismus), bei welchem nicht bei jeder Digitalnutzung eine Rechtfertigung verlangt wird. (Wandtafeln und Stifte werden im Unterricht auch nur theoretisch vor dem Unterrichtseinsatz hinterfragt und didaktisch motiviert. Sie sind einfach da und werden genutzt.)
  • SAMR ist stufenfixiert.
    Das SAMR-Modell legt nahe, dass der Digitaleinsatz stufenweise zu erfolgen habe. Erst die kleinen Schritte, die nicht wehtun. Oder um im Bild der Sketchnote von Sylvia Duckworth zu bleiben: Erst nur den kleinen Zeh ins Wasser stecken oder mit dem Schiff übers seichte Wasser gleiten, um ja nicht nass zu werden. Es bleibt aber ungeklärt, ob dieses schrittweise Vorgehen zum Ziel führt und effizient ist.

Dies sind meiner Meinung nach gewichtige Kritikpunkte, die vor der Verwendung des SAMR-Modells bedacht werden sollten. Das SAMR-Modell wird der digitalen Transformation / dem digitalen Leitmedienwechsel mit Sicherheit nicht gerecht und ist übersimplifizierend. Trotzdem sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und das SAMR-Modell als Denkfigur gleich ganz verbannen wollen. Für mich hat es mit Vorsicht genossen durchaus seine klärenden Vorteile in Diskussionen und Beurteilungen.

Ich teile auch nicht die z.B. kürzlich von Axel Krommer (Biblionetz:p15242) gemachte Aussage, dass die Stufe Substitution gar nicht existiere, weil Digitales immer ein Veränderungspotenzial in sich berge und dieses durch Affordanz sich auch seinen Weg bahne. Das würde ich nicht unterschreiben. In meinem Verständnis beschreibt das SAMR-Modell nicht die Potenziale des Digitalen, sondern die Wahrnehmung/Nutzung dieser Potenziale im Lehr-/Lernprozess. Wunderschön zeigt sich das im Videoclip und das iPad, in welchem ein iPad als Schneidebrett in der Küche verwendet wird ohne die eigentlichen Potenziale des Geräts zu erkennen. Die Affordanz des iPads war offensichtlich zu gering, um dem Grossvater zu zeigen, wozu man ein Tablet sonst noch so nutzen könnte.

Dies ist keine Sichtweise, die sich auf lustige Comedy-Videos beschränkt. Ich hatte während mehrerer Jahre Studierende in meinen Lehrveranstaltungen, welche sich der Möglichkeit der Volltextsuche in PDFs nicht bewusst waren und somit PDFs schlicht als leichtere Bücher genutzt haben. Für mich ein typisches Beispiel der Substitutionsstufe. Das Potenzial (Volltextsuche) war da, wurde aber nicht erkannt und genutzt. Die Affordanz der PDFs hat nicht dazu geführt, dass die Studierenden von selbst darauf gekommen sind, dass Volltextsuche möglich wäre. Erst mein fassungsloser Blick und die darauf folgenden Erklärungen haben dazu geführt, dass die Möglichkeit der Volltextsuche erkannt und genutzt worden ist. (Klar, in the long run hat sich auch hier die Substitution als Illusion herausgestellt, aber diese jahrelange Phase des Nichtwahrnehmens des Volltextsuchpotenzials will ich benennen können).

Meist ist die Substitutionsstufe kein wünschenswerter Zustand. Er existiert aber. Deshalb benötige ich einen Begriff, um ihn benennen und damit sichtbar machen (und ggf. kritisieren) zu können.

So benötige ich den Begriff der Substitution beispielsweise, um Projekte kritisieren können, die Potenziale des Digitalen ignorieren oder gar aktiv beschneiden. Digitale Lehrmittel, die (zur Verhinderung von Urheberrechtsverletzung) kein Copy&Paste erlauben sind für mich dafür ein typisches Beispiel.

Ich benötige den Begriff der Substition auch, wenn ich die Trojaner-These (Biblionetz:w03177) diskutieren möchte. Sie geht davon aus, dass Lernkulturveränderungen bei der digitalen Ausstattung mitunter gar nicht angedacht sind, sich aber unweigerlich ergeben. So würde sich z.B. rasch zeigen, dass persönliche Tablets oder Notebooks bei Frontalunterricht eher störend als hilfreich seien. Der Pfeil der Trojaner These startet sozusagen bei der Substitutionsphase des SAMR-Modells, um dann abzuheben:

w03177.jpg

Ich benötige die Substitutionsstufe aber auch, um die Entwicklung hin zu einem digitalen Alltag / einer Postdigitalität ebnen zu können: "Hey, mitunter ist es auch OK, Digitales als schlichten Ersatz für Analoges zu verwenden." So wie eine Lehrperson sich im Unterrichtsalltag auch nicht ständig rechtfertigen muss, warum sie jetzt Papier eingesetzt hat und wo denn bitte der entsprechende Mehrwert liege, so sollte eine Lehrperson mitunter auch Digitales einsetzen dürfen, ohne sofort einen Mehrwert weisen zu müssen.

Mein aktuelles Fazit: Das SAMR-Modell gehört mit Warnhinweis in den Apothekerschrank, sollte aber nicht einfach weggeworfen werden wink


 
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