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FMS fällt im Informatikbereich zwischen Stuhl und Bank

14 Feb 2020 - 15:14 - Version 2 - BeatDoebeli

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Eigentlich hatte ich mir vor einiger Zeit vorgenommen, mich nicht öffentlich zu Informatik auf der Sekundarstufe II zu äussern, einerseits weil ich bereits mit Informatik auf der Volksschulstufe genügend zu tun habe und andererseits weil ich es umgekehrt auch nicht schätze, wenn Stufenfremde sich ausgiebig zur Volksschulstufe äussern.

Nun muss ich aber meinem Unmut doch Luft machen: Mir scheint, dass die Fachmittelschulen (FMS) als Stiefkind der Gymnasien bezüglich Informatik zwischen Stuhl und Bank fallen. Der 2018 beschlossene neue Rahmenlehrplan fällt beim Thema Informatik inhaltlich massiv hinter die im Lehrplan 21 für die unteren Schulstufen definierten Kompetenzziele zurück. Aber auch die aktuelle Stellungnahme des VSG scheint nicht wirklich darauf zu vertrauen, dass bezüglich Digitalisierung auf der Volksschulstufe viel passiert.

Worum geht es?

Am 25. Oktober 2018 wurde von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) der neue Rahmenlehrplan für Fachmittelschulen PDF-Dokument (Biblionetz:b07198) verabschiedet. Darin ist auch das Fach Informatik auf einer Seite beschrieben (während die Beschreibung von Physik, Chemie und Biologie jeweils zwei Seiten umfasst).

fms01.png

Bereits die ersten beiden Sätze sind in mehrfacher Hinsicht erschreckend:

Informatik findet in den Natur- und Sozialwissenschaften eine häufige Anwendung. Die Schülerinnen und Schüler lernen den Computer als Arbeitsinstrument für das Suchen, Ordnen und Abrufen von Informationen, für die anspruchsvolle Darstellung von Selbstständigen Arbeiten und deren Resultaten sowie für computergesteuerte Lernprogramme kennen.

Während sich die ganze Welt vor Digitalisierungsschlagzeilen nicht mehr retten kann, erklärt der FMS-Rahmenlehrplan im Jahr 2018 treuherzig, dass Informatik in den Naturwissenschaften "eine häufige Anwendung" findet. Dank der FMS sollen die Schülerinnen und Schüler "den Computer ... kennenlernen" ! Diese Formulierung ignoriert komplett, dass im Jahr 2015 für die Volksschule mit dem Lehrplan 21 auch ein Modul Medien und Informatik (Biblionetz:t17600) beschlossen wurde und dass immer mehr Schulgemeinden bereits für die Primarschule eine 1:1-Ausstattung mit Tablets oder Notebooks vorsehen. Von kennenlernen kann keine Rede mehr sein!

Während im Lehrplan 21 bereits in der Primarschule programmiert werden soll, ist der beschlossene FMS-Rahmenlehrplan beim Thema Informatik fast ausschliesslich auf Anwendung fokussiert. Dieses Bild wird noch erschreckender, wenn man die Beschreibung der Informatik mit derjenigen des Fachs Chemie vergleicht. Hier werden definitiv Kompetenzen jenseits der täglichen Anwendung verlangt - es wird deutlich, dass es um ein allgemeinbildendes Weltverständnis geht:

fms02.png

Dass die Fachlehrpläne von Physik, Chemie und Biologie massiv anspruchsvoller und ausführlicher sind, liegt vermutlich auch daran, dass für diese Fächer externe ExpertInnen beigezogen worden sind, während dies für den Bereich Informatik nicht geschehen ist:

Expertise
Für den Lernbereich Sprachen sowie für die Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Geografie: 6 Expertinnen und Experten der Fachdidaktik aus Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Fachhochschulen

Die Kritik des VSG und SVIA

Der Schweizerische Verein für Informatik in der Ausbildung (SVIA) und der VSG hat den Informatiklehrplan wiederholt kritisiert, zuletzt in im März 2019 (u.a. im Gymnasium Helveticum 3/2019, S. 21 PDF-Dokument:

fms03.png

In diesem Vorschlag kommen jetzt zwar die Kompetenzbereiche Daten, Algorithmen und Informationssysteme aus dem Lehrplan 21 prominent vor, aber es wird weder ersichtlich, wie denn nun die Inhalte der FMS über die Inhalte des Lehrplans 21 hinausgehen, noch verzichtet der SVIA auf die Übernahme der Formulierung "Den Computer als Arbeitsinstrument kennen lernen..."

Fazit

Da anzunehmen ist, dass die aus dem gesamtschweizerischen Rahmenlehrplan abgeleiteten kantonalen FMS-Lehrpläne wiederum ca. 10 Jahre lang gültig bleiben, ist zu hoffen, dass viele Kantone diesen Missstand rechtzeitig erkennen und beheben. Ich muss aber zugeben, dass ich diesbezüglich leider skeptisch bin...

 
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E-Mail ist das neue Papier - oder der stete Wandel ist die einzige Konstante

30 Jan 2020 - 10:44 - Version 1 - BeatDoebeli

Eine Beobachtung aus meinem Arbeitsalltag: E-Mail ist das neue Papier.

Was heisst das? Früher (TM) hat man sich als digital affiner Mensch über Mitmenschen geärgert, die einem Protokolle oder Textentwürfe etc. ausgedruckt übergeben haben: "Zu deinen Akten." Je länger desto mehr hat man diese Papierbündel angestarrt und sich gefragt, wie man dem Gegenüber klar machen kann, dass Papier im eigenen Arbeitsablauf ein Fremdkörper und ein Bremsklotz darstellt. "Weisst du, digital hätte ich das immer dabei, kann es volltextdurchsuchen und bei Bedarf auch einfach weiterverarbeiten." Das half aber wenig. "Bei Papier habe ich wenigstens sicher was in den Händen, wenn der Computer mal nicht funktioniert." (Diese Phase scheint noch nicht überall vorbei zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, warum unter so vielen E-Mails die Signatur Denken Sie an die Umwelt, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken." lese.

Szenenwechsel ein paar Jahre später: Heute ärgert man sich als digital affiner Mensch über Mitmenschen, die einem Protokolle oder Textentwürfe etc. per Mail schicken: "Zu deinen Akten." Je länger desto mehr schaut man sich die Mailfluten an und denkt sich leise: "Können diese Menschen nicht einen ordentlichen Cloudspeicher verwenden, damit ich nicht alles manuell ablegen muss und immer alle dank Synchronisation die neueste Dokumentenversion vor sich haben?" Das hilft aber wenig. "Bei diesen Cloudspeichern müsste ich ein kostenpflichtiges Abo lösen, die Daten wären weiss nicht wo und ich muss immer Angst haben, dass jemand im geteilten Ordner Dateien löscht."

Szenenwechsel zu jüngeren ArbeitskollegInnen von mir: Diese fangen sich langsam, aber nicht mehr ganz heimlich an, darüber aufzuregen, dass ich Texte, Tabellen und Präsentationen noch auf dem eigenen Gerät erstelle und danach in einem Cloudspeicher teile. "Weisst du," sagen sie mir, "würdest du das Dokument in einem Webeditor erstellen, könnten alle gleichzeitig daran arbeiten und das Webtool kann auch mehr als dein lokales Programm." Weiss ich. "Aber bei einem synchronisierten Cloudspeicher habe ich die Daten auch dann zur Verfügung, wenn das Internet mal nicht funktioniert."

Oh! Ich schmunzle heimlich über die Mitmenschen, die sich vor dem Moment fürchten, wo der Computer nicht funktioniert und die deshalb im Papier Sicherheit suchen. Gleichzeitig argumentiere ich mit dem potenziell fehlenden Internet und klammere mich an Cloudspeicher. (Aber sicher kann ich das fehlende Internet beweisen: Da reicht mein Arbeitsweg im Zug oder ein Sitzungszimmer mitten in einem Stahlbetonhaus, wenn das lokale WLAN nicht zugänglich ist).

Szenenwechsel in eine nicht allzu ferne Zukunft: Die künftig als digital affin bezeichneten Menschen ärgern sich über weniger digital affine Menschen, die noch Werkzeuge verwenden, die auf Dokumentenbasis arbeiten. Streams gehört die Zukunft, denn alles fliesst und das Ende eines Stadiums ist der Anfang des nächsten. Wer will da noch altmodisch am Konzept Dokument festhalten?

emailistdasneuepapier.png

Was sagt uns das? Es ist nicht ein einmaliger Wandel, den man einfach mitmachen muss. Es ist ein stetiger Wandel, der alle irgendwann mal an einem Punkt einholt, wo man nicht mehr zu den Innovators (Biblionetz:w02126), sondern zur late majority (Biblionetz:w02128) oder gar zu den laggards (Biblionetz:w02129) gehört. In Zeiten, wo man zu den Innovators gehört, sollte man auch ein gewisses Verständnis für die laggards aufbringen...

P.S.: Selbstverständlich gibt es auch noch die Zwischenstufe des Fileservers der Organisation, der von ausserhalb der Gebäude der Organisation nur per aufwändigem VPN oder gar nur per VPN und anschliessendem Desktopsharing (aka Citrix) erreichbar ist.

 
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Bereits die Entwurfsfassung des Lehrplans 21 enthielt Informatik

17 Jan 2020 - 18:07 - Version 2 - BeatDoebeli

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Weil die Aussage immer mal wieder in den Medien auftaucht, aber dadurch nicht wahrer wird und ich es leid bin, jedes Mal das Gegenteil zu erklären, möchte ich es hier ein für alle Mal dokumentieren:

Bereits die 2013 veröffentlichte Konsultationsversion des Lehrplans 21 enthielt Informatikkompetenzen.

Worum geht es?

Juraj Hromkovic (Biblionetz:p03989) hat in den vergangenen Monaten in Interviews öfters zu Protokoll gegeben, in der 2013 veröffentlichten Entwurfsfassung des Lehrplans 21 sei das Wort Informatik nicht vorgekommen. Erst nachdem er in der zweiten Phase der Lehrplanentwicklung mitwirken konnte, sei Informatik in den Lehrplan gekommen.

Im Interview vom 9.01.2020 klingt das z.B. so:

Anfangs kam das Wort «Informatik» im Lehrplan 21 nicht mal vor. Im letzten Augenblick, eineinhalb Jahre vor dem Abschluss des Lehrplans 21, hat man der ETH noch erlaubt, sich zu beteiligen, und uns ermöglicht, ein Modul «Informatik» reinzubringen. Leider nicht separat, aber im Rahmen des Faches «Medien und Informatik».
Quelle: (Biblionetz:t25867)

Die Aussage, dass das Wort "Informatik" in der Konsultations-/Entwurfsfassung von 2013 nicht vorkomme, ist sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn falsch.

Wie kam Informatik in der Entwurfsfassung von 2013 des Lehrplans 21 vor?

Die Entwurfsfassung des Lehrplans 21 war im Jahr 2013 zur öffentlichen Konsultation unter http://konsultation.lehrplan.ch/ abrufbar und enthielt ein Kapitel ICT und Medien (Biblionetz:t15600). Leider ist sie heute nicht mehr offiziell verfügbar. Das Kapitel ICT und Medien kann aber z.B. hier PDF-Dokument herunter geladen werden.

Eine kurze Volltextsuche ergibt, dass der Begriff Informatik in diesem Kapitel zwei Mal vorkommt:

informatik-im-lp21-entwurf-01.jpg

Dieses wörtliche Vorkommen ist aber in der Tat Wortklauberei. Viel relevanter ist die Tatsache, dass die grosse Mehrheit der in der Schlussfassung des Lehrplans 21 vorkommenden Kompetenzbeschreibungen für das Themengebiet Informatik bereits in der Entwurfsfassung vorkommen.

In der damaligen Struktur hiess ein Kompetenzbereich ICT/M.1 Kennen und Einordnen von Medien und enthielt sechs Unterkapitel. Drei davon (also die Hälfte) sind eindeutig dem Informatikbereich zuzuordnen:

  1. Die Schülerinnen und Schüler können einfache Datenstrukturen und ihre Darstellungsformen verstehen und verwenden.
  2. Die Schülerinnen und Schüler können Algorithmen darstellen, als Programm umsetzen sowie deren Ergebnisse interpretieren und überprüfen.
  3. Die Schülerinnen und Schüler verstehen Aufbau und Funktionsweise von informationsverabeitenden Systemen.

Quelle: Kapitel ICT und Medien, Entwurfsfassung Lehrplan 21 (2013) (Biblionetz:t15600)

Liest man die nun geltende Schlussfassung des Lehrplans 21, so lauten im Kapitel Medien und Informatik (Biblionetz:t17600) die Überschriften des Kompetenzaufbaus Informatik

  1. Die Schülerinnen und Schüler können Daten aus ihrer Umwelt darstellen, strukturieren und auswerten.
  2. Die Schülerinnen und Schüler können einfache Problemstellungen analysieren, mögliche Lösungsverfahren beschreiben und in Programmen umsetzen.
  3. Die Schülerinnen und Schüler verstehen Aufbau und Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen und können Konzepte der sicheren Datenverarbeitung anwenden.

Quelle: Kapitel Medien und Informatik, Schlussfassung Lehrplan 21 (2015) (Biblionetz:t17600)

Sprachlich anders formuliert, inhaltlich praktisch identisch. Es sind die drei Bereiche Daten, Algorithmen, Informatiksysteme.

Wer es detailliert wissen möchte, hier die drei Abschnitte wortwörtlich aus dem Lehrplanentwurf von 2013:
informatik-im-lp21-entwurf-02.png

Zum Schluss eine noch detailliertere Analyse: Alle Kompetenzbeschreibungen des Kompetenzbereichs Informatik aus der Schlussversion von 2019 in der linken Spalte und jeweils die entsprechenden Formulierungen in der rechten Spalte:

informatik-im-lp21-entwurf-03.png

Im Unterbereich Datenstrukturen haben 7 von 10 Kompetenzbeschreibungen der Schlussversion eine Entsprechung in der Entwurfsversion, in einem Fall (relationale Datenbanken) war die Entwurfsversion sogar umfangreicher als die Schlussversion. Neu hinzugekommen ist in diesem Unterbereich das "Ordnen von Objekten nach selbstgewählten Eigenschaften" im Zyklus 1 und das Erfinden von eigenen Programmiersprachen. Dafür ist das "Erkennen von Elementen formaler Sprachen" verloren gegangen (eine Vorläuferfertigkeit für reguläre Ausdrücke).

informatik-im-lp21-entwurf-04.png

Im Unterbereich Algorithmen haben 6 von 8 Kompetenzbeschreibungen der Schlussversion eine Entsprechung in der Entwurfsversion, in einem Fall (technische und ethische Grenzen der Automatisierung) ist die Kompetenz in der Entwurfsversion später, aber dafür umfangreicher formuliert). In der Entwurfsversion fehlt die Kompetenzbeschreibung zu Beginn des Zyklus 2, dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Lösungswese finden, prüfen und vergleichen können.

informatik-im-lp21-entwurf-05.png

Im Unterbereich Informatiksysteme sind schliesslich 12 von 13 Kompetenzbeschreibungen praktisch identisch. Sowohl bei der Entwurfsversion als auch bei der Schlussversion ist je eine Kompetenzbeschreibung nicht vorhanden.

Fazit

Anhand der gemachten Vergleiche ist die Aussage, in der Entwurfsversion sei Informatik nicht enthalten gewesen, definitiv nicht korrekt.

Was hingegen stimmt: Der Begriff Informatik hat durch die Aufnahme in den Titel an Bedeutung gewonnen und die Struktur der Schlussversion macht die Kompetenzbeschreibungen der Informatik massiv deutlicher sichtbar. Aber inhaltlich war alles bereits in der Entwurfsversion vorhanden.

 
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