Wiki, Mar 2007

Wiki-Adoption Patterns

08 March 2007 | Beat Döbeli Honegger | Wiki
Wie führe ich ein Wiki in eine Organisation ein? Wie kann ich mehr Nutzende ins Wiki holen? Was muss ich tun, um die Qualität im Wiki zu steigern?

Solche Fragen häufen sich in letzter Zeit und die Antworten ähneln sich. Best Practice würden das die einen nennen, Wikipatterns nennen es von Design Patterns faszinierte Wikianer. Auf der Website wikipatterns.com werden Muster von erfolgreicher Wiki-Förderung gesammelt und diskutiert, wobei es sich um eine Mischung aus Nutzungmöglichkeiten, Handlungsmuster und Wiki-Rollen (Biblionetz:w01913) handelt.

Initiant ist Stewart Mader, Autor des Buches Wiki in education (19$, PDF). Dass sein Buch nicht frei verfügbar ist, sondern gegen Geld verkauft wird, gehört genau so zur Entwicklung von Wiki, wie die Tatsache, dass die Mustersammlung auf einem kommerziellen Confluence-Wiki der Firma Atlassian gehostet wird und die Wikipattern-Idee alles andere als neu ist und z.B. im Meatball-Wiki seit Jahren gepflegt wird (z.B. CategoryRole oder BarnRaising). Wiki ist in der Businesswelt angekommen.

Am 8. März 2007 sind folgende Muster beschrieben:

Rollen

  • Champion: Ein Champion ist die Personifikation des Wikis in einer Organisation. Denkt jemand an ein Wiki, so denkt man an den Champion. Ein Champion kann für ein Wiki überlebenswichtig sein.
    • Beat meint: Ja, manchmal muss ich den Leuten erklären, dass ich nicht Wiki Döbeli Honegger heisse smile . Ich beobachte aber auch andere Wikis und sehe, wie stark Wikis von einzelnen initiativen Personen abhängig sind. Es gehört zu den Herausforderungen eines Wiki-Champions, sich selbst zurückzuziehen und sicherzustellen, dass das Wiki dann nicht einschläft.

  • WikiGnome: Ein WikiGnome, auch bekannt als WikiGardener ist jemand, der mit kleinen unscheinbaren Veränderungen die Qualität eines Wikis fördert. Die Verbesserungen können das Layout, die Navigation und den Lesefluss oder die Sprache (Tippfehler usw.) betreffen.
    • Beat meint: Auch hier bin ich fasziniert zu sehen, wie viele nette Menschen sich z.B. in meinem Weblog die Mühe nehmen, meine Tipp- und sonstigen Sprachfehler zu korrigieren. Danke!

  • WikiFairy: Eine WikiFairy ist eine gute Fee, die das Layout eines Wiki verbessert, damit es einen ansprechenderen Eindruck macht. Verwand mit den WikiGnomes/WikiGardenern.

Handlungsmuster

  • Invitation: Einladung ins Wiki, evtl. begleitet von einer persönlichen, informellen Einführung ist eines der erfolgsversprechendsten Muster, um die Wikinutzung zu fördern.
    • Beat meint: Insbesondere die persönliche Kurzeinführung, die nur 10 Minuten dauern muss, ist sehr Erfolg versprechend. Haben Neulinge diese erste praktische Erfahrung gemacht, so ist die Chance gross, dass sie abends zuhause versuchen, ob sie die Seite wirklich immer noch verändern können smile Damit ist die Hemmschwelle gebrochen...

  • MySpace: Beim MySpace-Muster werden Wiki-Neulinge eingeladen, sich auf ihrer persönlichen Wikiseite zu präsentieren. So lernen sie die Nutzung des Wikis und tragen dazu bei, dass es nicht unpersönlich daherkommt.
    • Beat meint: Dieses Pattern funktioniert perfekt bei unseren Studierenden ;-)

  • Welcoming: Hat sich jemand auf einem Wiki frisch angemeldet, so wird er von bisherigen Nutzenden durch persönliche Mitteilungen auf seiner Wikiseite begrüsst.

  • Viral: Wikis werden meist viral in Unternehmen eingeführt, durch einen oder wenige Mitglieder, die im Kleinen damit beginnen. Plötzlich macht das Wiki die Runde und die Nutzungszahlen explodieren.
    • Beat meint: Ich kenne praktisch keine (ältere) Wikigeschichte, die nicht mit dem Satz "Ich habe mal unter dem Pult auf einer alten Kiste ein Wiki installiert und dann..." oft begleitet vom Hinweis "... und erst später habe ich gemerkt, dass dies eigentlich verboten gewesen wäre." (Selbst bei Nokia lief das so, wie mir der Initiant von TWiki bei Nokia erzählte). Wikis haben meist etwas Anarchisches an sich, was sowohl den Reiz als auch eine Gefahr darstellen kann.

  • BarnRaising: Ein BarnRaising ist ein geplantes Ereignis, bei welchem eine Gemeinschaft zu einer vereinbarten Zeit ein neues Wiki mit Inhalten füllt. Jemand alleine kann nicht allen Inhalt liefern und eine Gemeinschaft muss lernen, wie man ein Wiki nutzt und das Gefühl der Zugehörigkeit spüren. Durch BarnRaising wird dies erreicht, weil die Leute in Erwartung teilnehmen, etwas über die Wiki-Nutzung zu lernen und miteinander interagieren, während sie miteinander arbeiten und so das Gemeinschaftsgefühl stärken, das nachher sicherstellt, dass das Wiki weiter genutzt wird.
    • Beat meint: BarnRaising ist die Mutter aller Wiki-Patterns, das von allen genannt (und hochstilisiert) wird. Ich muss aber zugeben, dass ich noch nie wissend an einem BarnRaising teilgenommen habe oder mir bewusst gemacht hätte, dass ich eins veranstaltet hätte. Aber vielleicht geschah dies unwissend. Ich denke mal drüber nach.

  • RealNamesPlease: Dieses Muster beruht auf der Überlegung, dass Menschen ihre Beiträge eher ernst nehmen und sich seriöser benehmen, wenn sie mit ihrem richtigen Namen zu ihren Taten stehen müssen.
    • Beat meint: Ich bin überzeugt davon, dass Wiki-Vandalismus auf unseren Wikis praktisch nicht vorkommt, weil wir RealNames verlangen. (siehe "Realnames können Wikivandalismus hemmen" (Biblionetz:a00656) und "Realnames fördern Vertrauen (Biblionetz:a00657)) .

  • WikiCharter: Ein WikiCharter ist ein Dokument, das Guidelines für eine respektvolle und produktive Zusammenarbeit auf einem Wiki definiert. Eine solche Guideline sollte zu Beginn geschaffen werden, so dass neue Mitglieder diese Guidelines gleich zu Beginn beherzigen können.
    • Beat meint: Spannend, bisher habe ich in keinem meiner Wikiprojekte solche Regeln explizit gemacht. Im Fall der Pädagogischen Hochschule Solothurn bin ich zu Beginn mal aufgefordert worden, ein solches Dokument zu verfassen, aber das ging unter. Bisher (d.h. seit bald drei Jahren) hat's trotzdem geklappt, die Leute sind nett zueinander :-)

Adoption Patterns

folgen demnächst! Wer nicht auf die Übersetzung warten will, schaue unter http://www.wikipatterns.com/ das englische original an...

Was taugt das Wiki in educanet2?

08 March 2007 | Beat Döbeli Honegger | Wiki
Da ich in den letzten Tagen mehrfach auf die Wikifunktion in educanet2 (entspricht lo-net2.de in Deutschland) angesprochen worden bin, versuche ich (nach einem ersten Blog-Eintrag im Oktober 2005) wieder einmal einen Überblick zu den Vor- und Nachteilen des Wikis in educanet2.

Vorteil: Das Rundum-Sorglos-Einsteiger-Wiki

Der sicher grösste Vorteil des educanet2-Wiki ist sein Vorhandensein. Wer educanet2.ch bereits einsetzt, hat mit wenigen Klicks ein Wiki aufgesetzt und muss sich keine weiteren Sorgen machen, da das Wiki in educanet2 integriert ist (Userverwaltungsfrage bereits erledigt) und von aussen nicht zugänglich ist (Urheberrechts-, Persönlichkeitsschutz- und Vandalismusfrage bereits erledigt).

Problem: Fehlende Offenheit

Die Abgeschottetheit von educanet2 Wikis verhindert die Realisierung gewisser Wiki-Potentiale.
  • Veröffentlichung wirkt nicht als Motivations- und Qualitätsfaktor: Die Möglichkeit bleibt ungenutzt, Lernende dadurch zu motivieren und zu besserer Qualität ihrer Arbeit zu animieren, dass ihre Arbeitsergebnisse öffentlich sichtbar werden.
  • Keine institutsübergreifende Zusammenarbeit möglich: Da ein educanet2-Wiki nur innerhalb der Institution sichtbar ist, ist eine schulübergreifende Zusammenarbeit nicht möglich.
  • Kein Best-Practice-Effekt: In den letzten Jahren war es für Lehrpersonen wichtig, andere schulische Wiki-Projekte anschauen zu können. Das Stöbern durch erfolgreiche Wiki-Projekte hatte oft einen "Oh, das könnte ich ja auch, ich müsste nur das Thema Geschichte durch Biologie ersetzen"-Effekt.
  • Fehlende externe Adressierbarkeit einzelner Seiten: Die Abschottung des Wikis geht so weit, dass es nicht möglich ist, im Forum direkt auf eine bestimmte Wikiseite zu verweisen. Dadurch erweist sich das educanet2-Wiki als schwarzes Loch, welches nur per Wiki-Einstiegsseite in educanet2 zugänglich ist.

Siehe dazu meine bösartige Bemerkung unter IstEinWikiOderHatEinWiki

Mangelnde Usability für User

  • Eingeschränkte Einstiegsmöglichkeiten: Bereits im letzten Punkt wurde erwähnt, dass ein Besuch in einem educanet2-Wiki immer über dessen Startseite beginnen muss. Damit unterscheidet sich ein educanet2-Wiki von sonstigen Wikis oder Websites, wo jede Seite direkt aufrufbar ist. Als Konsequenz ist es somit nicht möglich, Bookmarks auf bestimmte Wikiseiten zu legen. Damit eignet sich das educanet2-Wiki nicht wirklich zur Verwaltung mehrerer gleichzeitiger Projekte.
  • Keine Site-Struktur-Navigationshilfe: Auf einer educanet2-Wiki-Seite fehlt jeglicher Hinweis darauf, wo im Wiki ich mich befinde, d.h. ich habe keinen Link auf die Eltern-Seite oder gar eine breadcrumb-Navigation. Die einzige Navigationhilfe ist ein Link auf die Startseite. Dies erschwert das Zurechtfinden in grösseren Wikis sehr.
  • Keine Zurück-Navigations-Funktion: Dem User wird bei der Nutzung eines educanet2-Wikis der Zurück-Knopf weggenommen. Natürlich lässt sich dies durch Klicken auf die Backspace-Taste umgehen, aber es ist ungeschickt, die nachweislich wichtigste Navigationsfunktion in Hypertexten zu erschweren.
  • Seiten können nicht umbenannt werden. In der Praxis kommt es oft vor, dass der Inhalt einer Seite nicht mehr zum Seitennamen passt oder ein präziserer Seitentitel notwendig wird. In einem educanet2-Wiki muss ich eine neue Seite erstellen, da ein Umbenennen nicht möglich ist. Dadurch verliere ich aber die Versionsgeschichte der Seite.
  • Keine Volltextsuche: Da in einem Wiki die Strukturen von den Nutzenden gemeinsam aufgebaut werden müssen, kommt es zwischendurch manchmal zu chaotischen Phasen, wenn nicht alle ein - oder das gleiche - Ordnungsverständis haben. Dann ist eine Volltextsuche ein Muss, um "verlorene" Inhalte wiederfinden zu können. Eine Suchfunktion gehört meiner Meinung nach zu den zwingenden Grundfunktionen jedes Wikis (bzw. jedes Hypertextes).
  • Keine Bearbeitungssperre zur präventiven Verhinderung von Schreibkonflikten In einem educanet2-Wiki wird eine Seite nicht für Bearbeitungen durch weitere User gesperrt, wenn der erste User zu editieren beginnt. Erst wenn ein Schreibkonflikt auftritt, verhindert das educanet2-Wiki das Überschreiben fremder Texte. Sitzt eine ganze Klasse gleichzeitig an einem Wiki, wäre eine präventive Schreibkonfliktverhinderung wünschenswert (ja, Twiki hat das...).

Mangelnde Usability für Power User

  • Keine Benachrichtigungsfunktionen: Das educanet2-Wiki verfügt über keinerlei Benachrichtigungsfunktionen, d.h. ich kann mich nicht per RSS oder Mail informieren lassen, wenn etwas verändert wurde. Damit fehlt dem educanet2-Wiki sowohl eine gewisse Awarenessfunktion ("Hallo, dieses Wiki lebt, soeben wurde wieder eine Seite verändert!") als auch effiziente Administrationsunterstützung. (Ohne RSS und ähnlichem könnte ich nicht nebenher ca 40-50 Wikibereiche auf "meinen" beiden Wikiservern beobachten.)
  • Keine Archiviermöglichkeit: Während das Wiki in educane2 zwar - meines Wissens als einziges Wiki - die Möglichkeit bietet, den gesamten Inhalt mit einem Klick zu löschen , ist es andererseits sehr schwierig, den Inhalt des Wikis zu exportieren oder sonst zu archivieren.

Fazit: Kein echtes Wiki (-Gefühl)

Das Wiki in educanet2 eignet sich zum einfachen Wiki-Einstieg und für zeitlich und mengenmässig (Anzahl Seiten und User) beschränkte Projekte. Die eingeschränkte Funktionalität (fehlende Adressierbarkeit, fehlende Nagivationstrukturen, fehlende Volltextsuche) führt aber dazu, dass grössere Projekte damit schlecht möglich sind. Nimmt man noch die fehlende Offenheit dazu, kommt bei der Nutzung eines educanet2-Wikis kein echtes Wikigefühl auf.

Da sehe ich auch ein Problem bei meinen Versuchen, Lehrpersonen die Vorteile von Wikis schmackhaft zu machen: Wer das Wiki in educanet2 kennt, meint, Wikis und ihr Potential in der Schule zu kennen. Dem ist aber definitiv nicht so.

Kontakt

  • Beat Döbeli Honegger
  • Plattenstrasse 80
  • CH-8032 Zürich
  • E-mail: beat@doebe.li
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