Informatik, May 2013

Weltsicht des letzten Jahrhunderts

31 May 2013 | Beat Döbeli Honegger | Informatik

%STARTBLOG% Gestern (29.05.2013) wurde an Hamburgs Stadtteilschulen Informatik als Pflichtfach (Biblionetz:a00436) abgeschafft:

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Bericht im Hamburger Abendblatt

Das alleine ist traurig genug. Erschreckt haben mich aber die Tweets des Lokalpolitikers Walter Scheuerl zu diesem Thema, der sich gemäss seiner Homepage vertieft mit Bildungspolitik (Biblionetz:w02311) zu beschäftigen scheint (hier und hier):

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Der letzte Tweet, dass man zum Bedienen von 3D-Druckern keine Informatik-Kenntnisse benötige, hat mich noch nicht weiter beunruhigt. Es ist das alte Missverständnis, dass man Informatik benötige, um Computer bedienen zu können (Informatikverständnis hilft sicher bei der Computerbedienung, ist aber nicht der Legitimationsgrund für das Thema Informatik in der Allgemeinbildung).

Den Tweet

Bitte nicht die überflüssige Diskussion um ein Fach "Informatik" - das gehört wie Mechanik zu Physik - kein Fach erforderl

musste ich jedoch mehrfach lesen, bis ich es glauben konnte. Informatik als Spezialthema der Physik? Mit dieser Logik liesse sich auch gleich Chemie und Biologie ebenfalls als Spezialthemen der Physik abhandeln und wir kämen der Leitmedienwechsel-Reaktion 4: Wer redet denn noch von Fächern? (Biblionetz:a01184) näher. Ich befürchte jedoch, dass hinter diesen Tweets keineswegs diese zukunftsgerichtete Weltsicht steckt, sondern eher ein fundamentales Ignorieren der Bedeutung der Informatik für die heutige Gesellschaft. Wie anders ist es zu erklären, dass Scheuerl ein Fach Informatik unter anderem deshalb ablehnt, weil dies "weiter auf Kosten der Grundbildung in den Naturwissenschaften (Ph, B, Ch) gehen" würde.

Vermutlich würde es nichts nützen, Scheuerl auf Peter Dennings (Biblionetz:p03493) Artikel Computing is a Natual Science (Biblionetz:t07784) hinzuweisen, denn dass Informatiker die Informatik für wichtig halten, ist keine Überraschung. Aber vielleicht würde ein Blick auf aktuelle Studiengänge und entsprechende Fachzeitschriften helfen zu erkennen, dass Computational XY... praktisch in allen (Natur-)Wissenschaften eine bedeutende Rolle spielt und vielleicht etwas relevanter ist als ein Spezialthema der Physik.

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Eine Folie aus meinem Weiterbildungsvortrag zur i-factory im Verkehrshaus der Schweiz.

Hier der Vollständigkeit halber die Argumentationslinien für Informatik als Teil der Allgemeinbildung (Biblionetz:a01051) (wobei ich nicht alle Argumente für gleich gewichtig halte):

  • Biblionetz:a01050 Welterklärungargument: Um die heutige Informationsgesellschaft verstehen und erklären zu können, sind Informatikkenntnisse notwendig.
  • Biblionetz:a01046 Wissenschaftsargument: Informatik gehört zur Allgemeinbildung, weil Informatik mit Simulation ein drittes Standbein in die Wissenschaft gebracht hat.
  • Biblionetz:a01046 Konzeptwissenargument: Informatikkenntnisse helfen, die Nutzung von ICT besser zu verstehen.
  • Biblionetz:a01052 Problemlöseargument: Informatikkenntnisse helfen auch beim Lösen von Problemen ausserhalb der Informatik
  • Biblionetz:a01049 Berufswahlargument: Informatikkenntnisse fördern den Berufswahlentscheid in Richtung Informatik-Berufe und -Studiengänge
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OK, und in der Wissenschaft gibt es auch nichts mehr zu erforschen. Ist eh alles Physik.

#seufz


wie wärs wenn wir Englisch und Französisch abschaffen - ist ja alles in Griechisch und Latein.

-- Main.SylviaKegel - 30 May 2013

Wir sind dabei, uns zu Weltmeistern des 21. Jahrhundert-Analphabetismus herauszubilden.

-- Main.LisaRosa - 30 May 2013

Hmm, aber wenn doch in der Informatik nichts mehr läuft, warum schafft dann Google in seinem Zürcher Forschungs- und Entwicklungsstandort 300 weitere Stellen ? Versteh ich jetzt nicht...

-- Main.BeatDoebeli - 30 May 2013

Im Mittelalter meinte der Klerus auch, dass das gemeine Volk nicht unbedingt Lesen & Schreiben können muss. Kann ich doch voll nachvollziehen diese auf Machterhalt orientierte Sichtweise.

Sonst machen einem noch so Leute vom Chaoc Computer Club die schönen, neuen Wahlcomputer madig, weil die sich damit auskennen, und das geht ja mal gar nicht!

[BTW: Die Registrierung und Anmeldung hier ist ein klassischer PITA, wenn ich das mal anmerken darf!]

-- Main.JohnDoe42 - 30 May 2013

Der arme Herr Scheuerl muss sich anscheinend jetzt einiges anhören Hamburger Abendblatt: Informatikstreit: Walter Scheuerl im "Internet-Shitstorm"

-- Main.BeatDoebeli - 30 May 2013

!MaKey !MaKey - Bananen & Co. als Tastatur

22 May 2013 | Beat Döbeli Honegger | Geek, Informatik
Gestern ist es per Post vom MIT gekommen, heute konnte ich es zum ersten Mal Studierenden zeigen: Mein neuestes Gadget MaKey MaKey

Dabei handelt es sich um ein (Arduino-)Board, das per USB (ohne Treiberinstallation) an jeden beliebigen Computer angeschlossen wird und sich dort als Tastatur und Maus zu erkennen gibt. Am Board selbst kann man mit Krokodilklemmen Drähte anschliessen, die wiederum an beliebige leitfähig Objekte - z.B. Bananen - angeschlosssen werden können. Stellt das Board nun fest, das zwischen einer Krokodilklemme und der Masse Strom fliesst, dann teilt das Board dem Computer mit, dass eine bestimmte Taste gedrückt worden sei. Damit kann man also in beliebigen Programmen (u.a. auch in Scratch (Biblionetz:w02030)) das Drücken von Tasten simulieren.

Wem das unverständlich erschien, hier der witzige Werbevideo der beiden MIT-Doktoranden:

Ich habe das heute im Modul Mediendidaktik/Medienpädagogik gezeigt bei der Frage, welche Aspekte digitaler Medien meiner Meinung nach in den Lehrplan 21 (Biblionetz:w02172) gehören und wie man Informatik primarschulgerecht und attraktiv vermitteln kann. Die Studentinnen waren begeistert und die letztjährigen Studierenden haben sich beklagt, warum ich ihnen das letztes Jahr noch nicht gezeigt hätte. Ganz einfach - weil es das Produkt noch nicht gab...

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!MaKey MaKey im Einsatz an der PH mit sechs Bananen

Doch nun ist es für 50$ und 15$ Versandkosten bestellbar unter http://makeymakey.com/

Informatik gehört in die Primarschule - aber primarschulgerecht!

(Für Geeks: Das Board lässt sich auch umprogrammieren). ,

Wie der Oberlehrer in der Schule helfen könnte

04 May 2013 | Beat Döbeli Honegger | Informatik

%STARTBLOG% Neulich habe ich mich bei Twitter vertippt (kann ja vorkommen). Kurze Zeit später wurde mein Tippfehler vom Oberlehrer moniert:

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Hmm? Wer nimmt sich denn da die Mühe, meine Tippfehler anzumahnen? Eine kurze Recherche später war mir klar: Das muss ein automatischer Bot sein, 242553 Tweets schreibt niemand einfach so per Hand:

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Der Bot scheint ein paar gängige Rechtschreib- und Grammatikfehler programmiert zu haben und reagiert darauf mit unterschiedlichen Einleitungssätzen.

Na dann lieber Bot: Testen wir dich doch mal, wie gut du die Grammatik der deutschen Sprache beherrscht:

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Die Antwort liess nicht lange auf sich warten:

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Damit war klar, der Oberlehrer ist tatsächlich ein Programm und kein Mensch und dieses Programm hat Grenzen bei der Mustererkennung:

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Tja, und daraus könnte man doch ein spannendes Schulprojekt mit Informatik und Deutsch machen: Man nimmt den Oberlehrer als Anlass, etwas über Regeln und Muster im Fach Deutsch und im Fach Informatik zu lernen und unter Umständen einen eigenen entsprechenden Bot in Informatik zu programmieren, z.B. mit regulären Ausdrücken.


Coole Idee! Erinnert mich an meinen Versuch, 2003 mit Regulären Ausdrücken eine pseudo-linguistische Wortstammnormalisierung für Soekia zu implementieren. Dabei lernt man viel über Sprache und Reguläre Ausdrücke!

-- Main.MatthiasDreier - 10 Apr 2013

Super Idee, Beat, ich versuche mal, etwas in diese Richtung zu machen. Ich dachte übrigens schon, der Oberlehrer sei in Pension gegangen, weil er sich bei mir nicht mehr gemeldet hat wink

-- Main.KurtJakob - 04 May 2013

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