Medienbildung

Alles wird nur aus 0 und 1 errechnet

08 October 2006 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Im soeben erschienenen Buch Computersüchtig von Wolfgang Bergmann und Gerald Hüther (Biblionetz:b02881) wird wieder einmal die binäre Digitalisierung als Schreckgespenst an die Wand gemalt:

Die Bilder, Szenarien, Töne usw. im Internet sind nichts anders als errechnete Lichtpunkte. Wir befinden uns also, wenn wir uns im Internet bewegen, in einem absolut abstrakten symbolischen Raum. Kein Gran materieller Gegenständlichkeit ist hier mehr vorzufinden.

Aber das ist noch nicht genug. Man könnte sich ja vorstellen, dass beispielsweise die Schrift im Internet aus der schrittsymbolischen in eine algebraische Ordnung übertragen worden ist. Dies wäre zwar eine hochabstrakte, aber letztlich nachvollziehbare Operation, die den Charakter der allgemeinen symbolischen Ordnungen von Schrift und Zahl immer noch aufrechterhält. Dies ist hier aber nicht der Fall.

Ob Sprache oder Bild, Schrift oder grafisches Zeichen - all dies ist reduziert auf die binäre Reihe, also auf die beiden elementaren Zeichen Null und Eins, oder »ja« und »nein«, oder »fort« und »da«. Rein technisch gesehen bleibt nichts von der syntaktischen Ordnung der Schrift, nichts von der lautlichen oder semantischen Bedeutungsgestalt der Sprache, nichts von der Konstruktion der Bilder, sogar die alphanumerische Reihe, Basis aller algebraischen Operationen, ist äußerst reduziert. (Seite 41)

Ich finde dieses reduktionistische Lamentieren äusserst mühsam. Die Argumentation hinkt meiner Meinung nach gewaltig (Ich will mich nicht darüber aufhalten, ob auch eine binäre Algebra eine Algebra sein kann...). Mit diesem Herausstreichen der Grundbausteine der binären Digitalisierung wird unterstellt, dass durch die Eigenschaften der Teile die Eigenschaften des Ganzen vollständig beschrieben werden könnten und dies somit eine adäquate Beschreibungsstrategie sei. Es würde aber niemandem in den Sinn kommen, fehlende zwischenmenschliche Beziehungen mit der Definition des menschlichen Körpers mit den vier DNA-Bausteinen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin) zu erklären. Hier ist offensichtlich, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile (Biblionetz:a00007).

So sind es im nächsten Beispiel ja nicht die physisch berührbaren Buchseiten, die dafür sorgen, dass uns ein Buch berührt:

Wenn wir entlang den Schriftzeichen mit einem spannenden Buch ein Abenteuer durchlebt haben und schließlich das Buch zuschlagen, so ist doch das Buch in uns, und unsere Erinnerungen an das ganze Leseabenteuer, an die Spannung und Fantasie oder den Gedankenfluss, der uns beim Lesen durchfloss, bleibt mit diesem Objekt verbunden. Wir sammeln Bücher aus diesem Grund. Sie sind, nachdem wir sie gelesen haben, ein Stück Erinnerung. (Seite 42)

Hmm, und Filme, die ich im Kino gesehen habe oder - oh Schreck - binär codiert auf einer DVD, sind kein Teil meiner Erinnerung?

Aber es kommt noch dicker:

Wo ein Buch mein symbolisches Erleben aufbewahrt und »festgeschrieben« hat, verlässlich verankert in der stabilen Materie Papier und Druck, da ist die gespeicherte Datenmenge ein höchst unzuverlässiger Garant meiner Abenteuer und der damit verknüpften Emotionen. Inhaltlich und technisch: Alles könnte auch ganz anders sein!

Ui, und was ist mit meiner eigenen Lebensgeschichte? Nirgends festgehalten in stabiler Materie, sondern nur in meinem Gehirn, ein höchst unzuverlässiger Garant meiner Abenteuer.

P.S.: Es heisst tatsächlich "kein Gran" im Buch. Gemäss Wikipedia ist ein Gran ein altes Gewichtsmass und entspricht 0.05 Gramm.

educaGuide Ethik

12 August 2006 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Im Rahmen der Initiative Public Private Partnership "Schule im Netz" werden dieses Jahr sechs Handweiser unter dem Namen educaGuide auf dem Web(www.educaguides.ch veröffentlicht.

Vor kurzem ist nun der erste zum Thema Ethik www.ethik.educaguides.ch (Biblionetz:b02831) unter der Leitung von Dominik Petko (Biblionetz:p01960) veröffentlicht worden.

Im ersten Kapitel bin ich auf folgenden Abschnitt gestossen:

Können Kinder von den problematischen Aspekten des Internet abgeschirmt werden?

Technische Abschirmung und restriktive Nutzungsbestimmungen sind letztlich unwirksam. Eine Abschirmung von Kindern und Jugendlichen von problematischen Aspekten der ICT mit Hilfe von Filterprogrammen oder eng überwachten Verhaltensregeln bietet nie einen völligen Schutz. Selbst wenn der Internetzugang in der Schule über Filterprogramme geschützt ist und eine enge Kontrolle besteht, so erstreckt sich dieser Schutz nicht auf die Mobiltelefone der Schülerinnen und Schüler, mit denen ebenfalls im Internet gesurft werden kann und mit denen sich viele fragwürdige Inhalte darstellen und verschicken lassen. Es muss also davon ausgegangen werden, dass Kinder und Jugendliche auf jeden Fall früher oder später mit den problematischen Aspekten des Internets bzw. der Medien in Kontakt kommen. Dies geschieht ausserhalb der Schule üblicherweise ohne pädagogische Begleitung. Die entstehenden Probleme gelangen nicht selten auf Umwegen wieder in die Schulen.

Indem Schule bestehende Probleme ausblendet, entzieht sie sich ihrer Verantwortung gegenüber den Lernenden. Lernende sollen in der Schule vielmehr Gelegenheit erhalten, Kompetenzen im Umgang mit den sich wandelnden Problemen der ICT-Nutzung einzuüben und sich für grundlegende Werte sensibilisieren zu lassen. Dies geschieht vor allem dadurch, dass Schüler und Schülerinnen in der Schule sinnvolle Medienangebote kennen, nutzen, gestalten und reflektieren lernen. Wenn sie trotz aller Vorsichtsmassnahmen in der Schule dennoch mit problematischen Inhalten des WWW in Kontakt kommen, bietet sich aber auch die Gelegenheit, die negativen Aspekte im Unterricht zum Thema zu machen und zu reflektieren.

Diese Haltung kann ich nur unterstützen. Weiterlesen!

Informationsbeurteilungsfähigkeit

12 August 2006 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Insbesondere die (beiden?) Historiker unter meiner Leserschaft dürfte der Artikel Informationsbeurteilungsfähigkeit PDF-Dokument (Biblionetz:t06175) interessieren. Die Pilotstudie untersucht mit Fragebogen, Interviews und Beobachtung die (und schon wieder kommt das wunderbar lange Wort) Informationsbeurteilungsfähigkeit von Zürcher Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.

Ich bin gespannte auf die Informationsbeurteilungswilligkeit der beiden Historiker...


  • Da gibts noch ein anderes schönes Wort «Internationalization», oder kurz I18n. Da lässt sich für «Informationsbeurteilungsfaehigkeit» wohl auch was finden? I32t, wie schön, eine Zweierpotenz! VT

  • Nun, als einer der beiden (?) Historiker/innen bin ich in der Tat sehr interessiert (und willig - aber eben: der Geist ist...). Aber könnte man das Ganze nicht etwas einfacher als "Informationskompetenz" bezeichnen? Nun, ich les den Text mal, vielleicht komm ich auf die feine Nuance der unterschiedlichen Bezeichnung... JH
    • Wenn man Haarspalterei betreibt, so ist die I32t nur ein Teil der Informationskompetenz, die auch z.B. die Informationspräsentationskompetenz enthält. BD

Podcasts, Wikis, Blogs bei BBC

07 August 2006 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung
Beim www.weiterbildungsblog.de gefunden: Podcasting, wikis and blogs: Learning at the BBC

paine.gif

Nigel Paine, Head of BBC Learning and Development spricht zuerst über Podcasts, Wikis und Podcasts, deren Nutzung bei BBC und danach über informelles Lernen und die Notwendigkeit des Wandels von BBC als Broadcaster in Zeiten des Web 2.0.

Jochen Robes (http://www.weiterbildungsblog.de) meint:

"Re-establishing the authentic voice of the individual" heißt es zum Thema BBC Blogs. Wenn man dieses Video gesehen hat, versteht man, warum Nigel Paine ein begehrter Keynote-Speaker auf Bildungskonferenzen ist, und man beneidet die Menschen, die bei der BBC arbeiten, ein klein bißchen. Empfehlenswert!

Dem kann ich mich nur anschliessen.

Teufelskreis der IT-Inkompetenz

13 July 2006 | Beat Döbeli Honegger | Medienbildung

t06078.gif

Defizite im Bereich der grundlegenden IT-Kompetenzen werden häufig weder in der Schule noch im Studium erkannt und können damit auch nicht wirkungsvoll bekämpft werden. Berücksichtigt man, dass die Mehrzahl der Befragten einen Lehramtsstudiengang belegt hatten, d.h. dass es sich bei Ihnen um die nächste Generation von Lehrerinnen und Lehrern handelt, so wird ein Teufelskreis der IT-Inkompetenz sichtbar

Schön, dass das auch andere sagen. Weiterlesen bei Biblionetz:t06078 PDF-Dokument


  • Ich frage mich, ob die notwendige IT-Kompetenz als IT-Fachkompetenz aufgegleist werden müsste: Also IT-Kompetenz im Deutsch-, Bio-, Englisch-, Geschichtsunterricht (etc.). Nachteil: Versplitterung, verteilte Verantwortung. Vorteil: unmittelbarer Sachbezug, Berücksichtigung fachspezifischer Kompetenz-Ausprägungen. Der Teufelskreis ist auch bei anderen Kompetenzen (Fachkompetenzen) in ähnlicher Weise zu beobachten: Lehramtsstudierende, die schlechten Geschichtsunterricht an der Schule hatten, schlecht oder ungenügend im Fach Geschichte ausgebildet werden und wiederum schlechten Geschichtsunterricht erteilen... JH
    • Lieber Jan, es wäre ja manchmal schön, wenn es um mangelnde fachspezifische IT-Kompetenz ginge! Aber wenn es bereits bei der Dateiverwaltung, der Textverarbeitung und ähnlichem hapert, dann müssen wir nicht über fachspezifische IT-Kenntnisse diskutieren... - BD
      • Das ist natürlich richtig, aber meine Idee ging ja auch in die Richtung von "Immersions"-Unterricht: also ein Versuch, die kenntnisse zu Dateiverwaltung, Textverarbeitung, Powerpoint-Beamer-Installation mit konkreter Nutzung im jeweiligen Unterricht zu koppeln - und nicht in getrennten Gefässen ("Wie erstelle ich eine Power-Point-Präsentation: die besten Tricks in 10 Lektionen"). Ob's hilft? JH
    • Zur Vergleichbarkeit von IT- und Geschichtskenntnissen: Hat sich die Geschichte auch derart verändert wie sich die IT entwickelt hat? Falls nicht, dann gibt es zumindest bereits Lehrpersonen, die gut Geschichte unterrichten und die Fähigkeiten von Junglehrpersonen einschätzen können. Im Bereich der IT-Anwendungskenntnisse ist dies eben selten der Fall. - BD
      • Bei der Geschichte sitzt der Frust ja woanders: hier weiss man eigentlich schon seit 30 Jahren, dass Ereignis-Wissen oder Faktenwissen vermitteln nicht nachhaltig ist (vergisst man gleich wieder - oder erinnerst du dich noch an die Jahreszahlen und Namen aus deinem Schul-Geschichtsunterricht?). Aber dennoch wird das ziemlich hartnäckig genau so gemacht und in der Praxis werden fachdidaktische Erkenntnisse und Postulate einfach ignoriert. Wenn das schon in der Geschichte so schwierig zu ändern ist - wie schwierig muss es dann bei IT sein? JH

Kontakt

  • Beat Döbeli Honegger
  • Plattenstrasse 80
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  • E-mail: beat@doebe.li
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