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Wenn der Betrieb von Lehrmitteln plötzlich kostet

25 Oct 2013 - 06:21 | Version 5 |
In den letzten Tagen hat sich ein deutschsprachiger Lehrmittelverlag (Biblionetz:w02223) mit folgenden Zeilen an seine Kunden gewandt:

Sehr geehrte eBook-Nutzerin,
sehr geehrter eBook-Nutzer

Das neue Apple-Betriebssystem iOS 7 hat einige Änderungen mit sich gebracht. Dies hat uns auch gezwungen, unsere App anzupassen, damit diese auf dem neuen Betriebssystem wieder einwandfrei funktioniert.

Wenn Sie aktuell noch mit iOS 6 arbeiten, empfehlen wir Ihnen, unsere App nicht zu aktualisieren.

Wenn Sie Ihr Gerät bereits auf iOS 7 umgerüstet haben, haben Sie wahrscheinlich auch festgestellt, dass sich die erworbenen eBooks in unserer App nicht mehr anzeigen lassen. Dieses Problem konnte nun behoben werden. Bitte laden Sie die neue Version der App direkt mit Ihrem iPad auf www... herunter. Um die bereits gekauften eBooks wieder zu aktivieren, benötigen Sie einen neuen Freischalt-Code, den Sie bei mir gratis beziehen können.

Leider können sämtliche Notizen, die Sie vorher in Ihrem eBook angelegt haben, nicht übernommen werden. Wir bedauern dies sehr und entschuldigen uns dafür. Selbstverständlich können Sie in einem solchen Fall bei mir die Rückerstattung des Kaufpreises einfordern.

Wir hoffen dennoch, Sie auch weiterhin zu unseren geschätzten eBook-Nutzern zählen zu dürfen und danken für Ihr Verständnis.

Hier ist tatsächlich Verständnis erforderlich und zwar von verschiedenen Seiten. Mit dieser Mail ist eingetroffen, was ich in letzter Zeit in Schul-eBook-Diskussionen öfters zu erklären versucht habe: Der Betrieb von digitalen Lehrmitteln kostet.

Bei traditionellen, gedruckten Lehrmitteln (Biblionetz:w02314) ist die Sache relativ einfach. Nach dem Druck verursachen die noch nicht verkauften Buchexemplare zuverlässig berechenbare Lagerkosten, die verkauften Exemplare generieren keine nennenswerten Kosten mehr. Es ist vermutlich den Lehrmittel-Verlagen Unrecht getan, aber bisher konnte sich ein Lehrmittelverlag im Grossen und Ganzen auf den Standpunkt stellen "Sell and forget."

Bei digitalen Lehrmitteln geht das nicht mehr. Digitale Schulbücher sind keine normalen digitalen Bücher, wenn sie denn ihren Namen zu Recht verdienen. Sie bieten mehr als ein normales eBook: Interaktivität, Speicherung des Lernfortschritts etc. (siehe iLegende Wollmilchsau PDF-Dokument).

img041.png

Digitale Lehrmittel bestehen nicht unabhängig, sondern in Abhängigkeit von einem oder mehreren digitalen Ökosystemen bestehend aus Hardware, Betriebs- und Lizenzierungssystemen. Wenn sich diese Umgebung verändert, so müssen auch die digitalen Lehrmittel angepasst werden und zwar nicht nur die zukünftigen, sondern auch die bereits verkauften, sich aktuell im Einsatz befindlichen Lehrmittel!

(Altbekannte Konzepte wie TCO (Biblionetz:w00853) sowie Beschaffung (Biblionetz:w01206) und Betrieb (Biblionetz:w01027) bekommen jetzt auch ihre Bedeutung für Lehrmittel...)

Für Verlage bedeutet das bezüglich Know-how und Budgetierung eine ganz neue Situation: Ihre Lehrmittel generieren einen Betriebsaufwand, der derzeit nicht ganz einfach abschätzbar ist. Verlage müssen sich überlegen, wie lange sie ein digitalen Lehrmittel unterstützen wollen bzw. müssen. Es stellt sich auch die Frage, ob aus diesen Gründen vielleicht die Entrichtung einer jährlichen Nutzungsgebühr für digitale Lehrmittel angebrachter wäre als die Entrichtung eines einmaligen Kaufpreises.

Diese Herausforderung erklärt auf jeden Fall, warum die Erwartung, Lehrmittel würden in digitaler Form plötzlich nur noch die Hälfte kosten, nicht sehr realistisch ist, bzw. nur mit inhaltlicher Qualitätseinbusse zu haben wäre.

Übrigens: Auch Open Educational Ressources haben Betriebskosten.


Alles gut nachvollziehbar. Aber bei mir hört das Verständnis auf, wenn ich durch die Verlage zur Übernahme ihrer proprietären Strukturen gezwungen werde, um ihre Lehrmittel nutzen zu können. Wikis und andere offene Formen der Publikation haben zwar ebenfalls Betriebskosten, führen jedoch nicht in die oben als Beispiel angeführte Abhängigkeit vom Willen eines Anbieters, sich bei einem Betriebssystemupdate um Altkunden zu kümmern. Abonnement von Schulbüchern schön und gut (der Schroedel Verlag macht das für das von mir eingesetzte Mathebuch), aber wer garantiert mir dann, dass z.B. meine persönlichen Notizen zu meinem Mathebuch der 8. Klasse meinetwegen 5 Jahre beim Verlag vorgehalten und auf neue Systeme übertragen werden, wenn ich das Abonnement aussetzen möchte, weil ich 5 Jahre lang keine 8. Klasse unterrichte? Und wer weiß schon, ob die Verlagssoftware garantiert auch in 5 Jahren noch auf meine bevorzugte Plattformen portiert wird usw. Die Lehrmittel werden bestimmt nicht günstiger, aber dafür möchte ich etwas mehr Garantie für die Zukunftsfähigkeit eines Mediums, bevor ich Geld und Zeit in die Nutzung investiere.

-- Tom Jork - www.lehrerstuhl.de

-- TomJork - 24 Oct 2013

Lieber Tom, ich verstehe die Anliegen bestens. Die proprietären Strukturen enstehen ja aber nicht nur aus Bösartigkeit von Lehrmittelverlagen. Wenn ein Lehrmittel sich selbst korrigierende Übungen enthalten soll, dann ist man auf irgend eine Art auf proprietäre Strukturen angewiesen, weil sich bisher kein offenes Datenformat für "interaktive Lehrmittel mit Lernstandsspeicherung" durchsetzen konnte.

Auch der Wunsch nach Zukunftsfähigkeit ist sehr verständlich, aber für Verlage recht schwer umsetzbar: Das erste iPad wurde am 27.01.2010 präsentiert, das Konzept "Tablet" in der aktuellen Form ist also noch nicht mal 5 Jahre alt. Wie soll da ein deutschsprachiger Verlag in einem von internationalen ICT-Unternehmen dominierten Markt Zukunftsgarantien von 5 Jahren abgeben können? Selbst für Verlage, die willens sind, sich auf digitale Angebote einzulassen, ist die Situation nicht einfach...

-- BeatDoebeli - 24 Oct 2013

Gerade darum geht es mir: Wenn die Verlage (verständlicher Weise) keine Garantien geben können, dann sollen Sie doch bitte nicht die Nutzer in diese ungewisse Zukunft zwingen - letzteres tun sie auch nicht, weil sie besonders innovativ sind, sondern Angst vor Urheberrechtsverletzungen und Kontrollverlust haben. Anders kann ich mir das "verlagsübergreifende" elektronische Angebot der "digitalen Schulbücher" in Deutschland nicht erklären. Dieses basiert zwar auf einem Format (PDF), das zwar nicht innovativ ist, aber schon über Jahre hinweg zu einem Quasi-Standard in der elektronischen Publikation geworden ist. Für mich entwickelt sich daraus die Forderung nach der Trennung von Form und Inhalt, wie sie schon seit Jahren in der Softwarebranche selbstverständlich ist: Die Daten können/sollten (wenn ich sie bezahlt habe) in einem 'Standard'-Format vorliegen (in letzter Kosequenz hat sich ASCII respektive XML seit Jahrzehnten als zukunftssicher erwiesen). Wie auf diese Inhalte zugegriffen wird, sollte der Wahl des Anwender überlassen bleiben. So lange die Schnittstelle zu den Daten offen bleibt, kann sowohl der Verlag mit seiner Vorstellung von guter Lehrmittelsoftware an den Markt treten, aber auch jeder Nutzer hat die Möglichkeit entweder selbst eine Arbeitsumgebung zu entwickeln, bzw. auf OpenSource-Software zurückzugreifen (z.B. Wikis). Dabei könnte ohne Probleme auch die Entwicklung von Funktionalitäten für neues Lernen aus der Verantwortung der Schulbuchverlage genommen werden und gewünschte multimediale Ergänzungen oder Interaktivität und Kollaborativität (auch OER) mit der kommerziellen Datenbasis verknüpft werden. Zurzeit bekomme ich von den Verlagen eine Simulation des gedruckten Werks. Auf dieser Datengrundlage könnte man aufbauen, wenn man willens ist. Es äergert mich aber schon jetzt, dass ich auf den Willen der Verlage angewiesen bin, wann überhaupt ein Werk digital zur Verfügung stehen wird. Bei mir persönlich geht Mathe in allen Jahrgängen bis auf 6 und Geschichte gar nicht. Wann sich das ändern wird, ist nicht absehebar... Die kommerziellen Anbieter werden sich wohl noch eine ganze Weile dagegen sträuben, den Zugang zur (von Nutzer bezahlten) Datenbasis frei zu geben. Da fehlt es wohl noch an geeigneten Geschäftsmodellen, die einhergehend mit einer Reform des Urheberrechts alle Seiten zufrieden stellt.

-- TomJork - 25 Oct 2013
 
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