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Informationsgesellschaft erfordert Vertrauen

03 Nov 2008 - 10:36 | Version 1 |
Am Samstag vor einer Woche (25.10.2008) durfte Prof. Carl August Zehnder (Biblionetz:p00186) den diesjährigen, mit 200'000 Franken dotierten Preis der Brandenberger-Stiftung für sein Lebenswerk entgegennehmen. Carl August Zehnder wird von der Stiftung gewürdigt

in Anerkennung seines unermüdlichen Einsatzes für den Aufbau der akademischen Informatik in der Schweiz, in Würdigung seiner bildungspolitischen Anstrengungen, die Informatik der Schweizer Jugend näher zu bringen, sowie für seinen Beitrag zum besseren Verständnis für die Informatik und ihre Anwendungen in Gesellschaft und Politik.
Quelle: (Brandenberger Stiftung)

In seiner Dankesrede stellte Zehnder das Thema Vertrauen (Biblionetz:w00321) ins Zentrum. Die aktuelle Finanzkrise zeige, wie wichtig Vertrauen sei. Eine bemerkenswerte Parallele zwischen dem weltweiten Finanzsystem und der Informatik bestehe darin, dass sowohl Objekte (das Geld) als auch Methoden und Werkzeuge rein virtuelle, informationstechnische Gebilde seien. Der aktuelle Vertrauensverlust in der Finanzwelt sei unter anderem auf die grosse Komplexität der Systeme zurückzuführen, die niemand mehr durchschaue. Eine ähnliche Gefahr drohe auch der Informatik.

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Prof. Carl August Zehnder anlässlich seiner Abschiedsvorlesung (2003)

Vertrauensbildung in die Informatik sei deshalb für die Informationsgesellschaft wesentlich, meinte Zehnder weiter. Das grundlegende Verständnis von informatischen Konzepten fördere dieses Vertrauen. Er führte dies in vier Punkten aus:
  • Virtuelle Welten: In der Schule sollten virtuelle Welten, also Modelle, thematisiert werden. Seit dem Aufkommen des Computers etabliere sich neben Theorie und Experiment die Simulation als drittes Standbein der (vornehmlich Natur- aber auch Geistes-)Wissenschaft. Computermodelle seien z.B. mit mehrtägigen Wetterprognosen längst in unserem Alltag integriert und insbesondere Jugendliche seien in virtuellen Welten zuhause. Hier sei wichtig, beurteilen zu können "Was ist 'wahr'?", "Was ist 'richtig'?" oder gar "Was ist wie wahrscheinlich?" Hier hinke die Schule der Realität hinterher, der Umgang mit Information werde in Schweizer Schulen bisher nicht adäquat vermittelt.
  • Automatische Prozesse: In der Informationsgesellschaft sind die Wirkungen von Computern nicht auf die virtuelle Welt beschränkt. Immer häufiger würden Computer auch die reale Welt steuern und Automatisieren. Die neue Metro in Lausanne ohne Wagenführer sei dafür ein aktuelles Beispiel. Für das Verständnis solcher Automatisierungen seien Grundkenntnisse der Programmierung und der Funktionsweise von Computern notwendig. Dies bedinge ein obligatorische Einführung in Grundkonzepte der Informatik, wie dies bei den etablierten Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie bereits gegeben sei.
  • Komplexitätsreduktion: Nicht erst das Jahr-2000-Problem habe gezeigt, welche Probleme übermässige Komplexität heutiger vernetzter Informatiksysteme aufwerfe. Komplexe Systeme würden das Vertrauen in sie selbst dann gefährden, wenn sie fehlerlos arbeiten. Deshalb müssten in der Schule die Probleme der Komplexität vermittelt werden, z.B. in Form des Pareto-Prinzips (Biblionetz:w00951).
  • Konzeptwissen statt Produktwissen: Als letzten Punkt betonte Zehnder die Unterscheidung von langlebigem Konzeptwissen (Biblionetz:w00859) in der Informatik, dass es auf Kosten des kurzlebigen Produktwissens (Biblionetz:w00858) in der Schule zu fördern gelte. (Zu meinem grossen Erstaunen gab es im Publikum tatsächlich noch Leute, denen diese Unterscheidung absolut neu war).


 
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Kategorien: IsaBlog, IsaInformatik