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Ein wohltuendes Sowohl-Als-Auch-Buch

25 Oct 2012 - 10:52 | Version 4 |

Gestern Abend habe ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung das aktuelle Buch Internet - Segen oder Fluch (Biblionetz:b05026) von Kathrin Passig (Biblionetz:p07908) und Sascha Lobo (Biblionetz:p04596) gekauft und voller Freude die erste Hälfte davon gelesen.

Nach den eher extremistischen Lektüren und Diskussionen der vergangenen Wochen habe ich es richtig genossen, wieder mal ein Sowohl-Als-Auch-Buch zu lesen! In einem so genannten Beipackzettel schreibt Lobo, worum es den beiden geht:

Das Buch ist eine Anleitung zum doppelten Verständnis: Verständnis des Internet – und Verständnis für die Diskussionsgegner.

Wir haben es geschrieben, weil wir bei der Debatte um das Netz mit fast jedem neuen Artikel, jeder Talkshow und jedem Shitstorm das Gefühl hatten, dass etwas schief läuft. Schlimmer noch: dass etwas schief läuft und wir irgendwie Teil davon sind.

Ich kann nicht genau sagen, wann bei mir ein gewisses Unwohlsein begonnen hat, vermutlich Ende 2009, Anfang 2010. Es gibt eine Metapher von Thomas Mann, das ungefähr so lautet: Wenn der Kahn sich zu weit nach links neigt, dann beugt sich der Schiffer zum Ausgleich weit nach rechts. Mit der Binnenschifffahrt mag sich Thomas Mann ausgekannt haben. Mit der Diskussion um das Internet vermutlich nicht.

Irgendwann habe ich mich dabei ertappt, wie ich – als Reaktion auf mir widersinnig erscheinende Argumente von Netzkritikern – meine Statements immer plakativer dargestellt habe, weniger differenziert. Um mehr Wirkung zu erzielen, den Kahn auszugleichen.

[...]

Zwischentöne, Graustufen, Ambivalenzen, schon immer bei mir vorhanden (wie bei den meisten anderen), habe ich ausgeblendet. Ich habe mir die Welt absichtlich einfacher gemacht, als sie ist. Weil ich mich nach Klarheit gesehnt habe, weil ich davon profitiert habe, weil ich Recht haben wollte, weil ich es nicht besser wusste. Bei der Recherche hat sich herausgestellt, dass dieses Pippi-Langstrumpf-Prinzip – ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt – nicht nur mein Problem war (und ist). Es handelt sich vielmehr um den weitverbreitenden Standard in der Internet-Diskussion. Und zwar auf allen Seiten.

Entsprechend versucht das Buch Gegensteuer zu geben, aber eben nicht, indem man sich möglichst weit in die eine oder andere Richtung hinauslehnt, sondern indem man beide Seiten aufzeigt und vorallem Mechanismen üblicher Internetdiskussionen offenlegt. Nach der bisherigen Lektüre hat für mich das Buch seine Stärken insbesondere in den ersten fünf Kapiteln, wo es nicht um einzelne Aspekte dieses "Internets", sondern um die jahrhundertalten Diskussionen zu (technologischen) Veränderungen geht:

Die Recherchen zu diesem Buch haben eine zuvor nur vage vorhandene Ahnung bestätigt: Die Diskussion, die heute vom Internet handelt, ist weitgehend unverändert seit Jahrhunderten im Gang, wir sind Marionetten, die ein uraltes Stück aufführen. (Seite 8)

Als unterdessen NZZ-am-Sonntag-geprüfter Wanderprediger wink (Biblionetz:t14341) habe ich in den ersten Kapiteln oft genickt oder resigniert geseufzt. Schön fand ich beispielsweise die ausgleichenden Literaturvorschläge für Internet-Optimisten und Internet-Pessimisten: Nur wer auch die Argumentationsweise der Andersdenkenden studiert hat, kann konstruktive Lösungen generieren.

Schön, wenn das auch andere so sehen:

Es zahlt sich selten aus, die eigenen Kunden, Fans oder Kooperationspartner zu beschimpfen, und es ist verschwörungstheoretisches Denken, die Schuld an einem politischen Missstand ausschließlich in einer bestimmten Personengruppe zu suchen.

Ebenfalls sehr schön fand ich die Bedienungsanleitung für Metaphern und Narrative (dazu zähle ich auch die in bildungspolitischen Diskussionen oft zu hörenden "n=1-6 Schilderungen" über eigene Kinder und Enkelkinder"):

  1. Man setze Metaphern (Biblionetz:w01117) nur sparsam und risikobewusst ein, so vorsichtig wie Chili in der Tomatensoße. Und danach nicht mit den Fingern in die Augen.
  2. Zur Erklärung von Sachverhalten sind Metaphern erlaubt, für Begründungen aber verboten. Wo man beides nicht voneinander trennen kann, unterlasse man ihre Verwendung.
  3. Je stimmiger eine Metapher, desto größer ist die Gefahr, dass man glaubt, man könne damit die ganze Welt erklären. Man sei also misstrauisch gegenüber perfekt frisierten Metaphern.
  4. Wenn schon Metaphern, dann so wertungsfrei wie möglich. Den Diskussionspartner per Sprachbild zum Vollidioten, zum Verbrecher oder zu Hitler zu machen, empfiehlt sich nur dann, wenn man Interesse an einer diskursiven Sackgasse hat oder möglichst schnell und nachhaltig ein politisches Amt loswerden möchte (unwahrscheinliche Ausnahme: wenn man mit Hitler diskutiert).
  5. Narrative beweisen nichts. (Leider ist dieser Satz in dieser Absolutheit auch eine Art Narrativ, aber er stimmt trotzdem. Wirklich.)
  6. Wenn ein neues anekdotenhaftes Argument auftaucht, das genauso aussieht, wie man es selbst am allerliebsten hätte, begegne man ihm mit Misstrauen. Der Wunsch ist nicht nur Vater des Gedankens, sondern auch die Mutter aller Narrative.

Ein weiterer Grund, warum mir das Buch als Sowohl-Als-Auch-Buch gefällt: Wer die Papierversion kauft, kriegt eine digitale Version im Format seiner Wahl (pdf, epub, mobi) kostenlos dazu: Echt Sowohl als auch!

Detailrant: Eines muss der Rowohlt Verlag allerdings noch lernen: Gleichzeitig O und 0 sowie I und l im entsprechenden Download-Code zu verwenden, ist aus Usability-Sicht eine schlechte Idee...

Kommentare:

Mir gefallen die Bemerkungen zu Narrativen und Metaphern auch - allerdings finde ich, die Autorin und der Autor halten sich selber nicht daran, wie ich meiner Rezension festgehalten habe: http://schulesocialmedia.com/2012/10/18/rezension-passiglobo-internet-segen-oder-fluch/ Im Bildungskontext braucht es Strategien, um den Umgang mit Anekdoten produktiv zu nutzen. Lehrpersonen haben ja fast eine Besessenheit, Erlebnisse mit Schülerinnen und Schülern in pädagogische Diskussionen einfließen zu lassen und sie damit auch zu verarbeiten.

-- PhilippeWampfler - 23 Oct 2012


Im Bildungskontext habe ich gar nichts gegen Metaphern, in der Bildungspolitik hingegen wird's problematisch...

-- BeatDoebeli - 23 Oct 2012
 
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