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Das neue Leben der Wolkenschachtel - oder Bericht aus Nerdistan 2017

28 Dec 2017 - 14:44 | Version 1 |

Warnung: Es folgt eine eher technische Beschreibung meiner Jahresendbeschäftigung, die nur am Rande mit Bildung zu tun hat. Erst weit unten kommen allgemeinere Überlegungen.

Neue Firmware für meine Cloudbox aus dem Jahr 2012

Begonnen hat alles, weil ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr auf meine Netzwerkfestplatte zugreifen konnte. Nach der Datenrettung durch Ausbauen der Platte aus dem NAS-Gehäuse und Übertragen der Daten mit Hilfe von Paragon ExtFS von der ext4-Partition auf meinen Windowsrechner stellte sich die Frage, was ich mit der nicht mehr funktionierenden Netzwerkfestplatte tun sollte.

Im Internet habe ich die alternative Firmware fvdw-sl gefunden, die verschiedenen Festplatten von LaCie neues Leben einhaucht. Nach etwas Basteln (Installationsskript hat bei mir nicht funktioniert und musste manuell abgearbeitet werden) hatte ich ein neues Betriebssystem und neue Möglichkeiten für mein NAS vor mir (Demo-Oberfläche hier ).

Damit wäre das ursprüngliche Problem gelöst gewesen: Das NAS lief wieder und speicherte brav meine Daten. Aber die neuen Möglichkeiten weckten meine Neugierde: Das NAS läuft Tag und Nacht und hat nun ein für mich zugängliches Linux mit SSH, Apache, PHP etc. an Board (was zugegebenermassen ein Raspberry Pi auch bieten würde...). Vielleicht könnte das NAS ja auch andere Aufgaben übernehmen!

Smart-Home: Ich liebe Standards - Es gibt so viele davon!

Ich experimentiere seit einiger Zeit mit Steuerungsmöglichkeiten in der eigenen Wohnung (Buzzword Smart Home (Biblionetz:w02497)) als Ausprägung des Internets of Things (IoT, Biblionetz:w02131)). Das Gebiet ist relativ neu - entsprechend haben sich noch keine wirklichen Standards ausgeprägt, sondern alle Hersteller definieren ihre eigenen.

Auf der einen Seite besitze ich eine Philips Hue Bridge (Biblionetz:w02964) mit der sich Lampen nach dem Zig-Bee-Protokoll steuern lassen (steuerbar mit Apps, nach Zeitplänen oder IFTTT-Regeln). Seit neustem kann ich diese Lampen auch mit Hilfe der Sprachassistentin Alexa (Biblionetz:w02957) per Stimmbefehl steuern.

nerdistan2017-1.jpg

Auf der anderen Seite nutze ich seit längerem ein Mediola Gateway, dessen Stärke darin besteht, zahlreiche Geräte mit unterschiedlichen Standards steuern zu können. Das Gateway beherrscht neben TCP/IP auf der einen Seite Infrarot- und Funkprotokolle auf dem 433Mhz- und 868-Frequenzband auf der anderen Seite, so dass sich HiFi-Anlagen, Fernseher (Infrarot) sowie billige Funksteckdosen (CHF 10.- pro Stück, unidirektional) und teurere Komponenten wie Funkheizventile (bidirektional) steuern lassen. Kontrollieren lässt sich das durch die App IQONTROL. Netterweise lassen sich mit IQONTROL auch die Philips hue Lampen steuern.

nerdistan2017-2.jpg

So weit, so gut. Nur möchte ich gerne mit Alexa auch die Geräte aus dem Mediola-Universum steuern können. Es gibt mit ha-bridge eine kostenlose Software, mit der sich eine Philips hue bridge emulieren lässt und die beliebige Aktionen auf dem Computer auslösen kann (u.a. auch http-Anfragen auslösen). Die ha-bridge wird von Alexa als vollwertige hue-bridge anerkannt und lässt sich somit mittels Alexa steuern. In meinem Fall kann die ha-bridge das Mediola-Gateway mittels http-Anfragen steuern.

Somit brauche ich nur noch einen Computer, der 24h eingeschaltet ist und auf dem ha-bridge läuft. Und hier kommt nun wieder mein zu neuem Leben erwecktes NAS ins Spiel. Das läuft ja 24h, befindet sich in meinem lokalen Netz und könnte diese Aufgabe übernehmen. Nur - ha-bridge ist ein Java-Programm, also muss ich meinem NAS zuerst Java beibringen. Gar nicht so einfach, besitzt doch mein NAS einen ARM5-Prozessor und Oracle bietet dafür gar kein vorkompiliertes Embedded-Java mehr an. Aber etwa Basteln und einige Stunden später läuft Java auf meinem NAS aus dem Jahr 2012 und weitere Bastelstunden später ist auch die ha-bridge installiert und konfiguriert und im Bootskript verankert.

Hurra, ich kann jetzt mit der Alexa alle meine fernsteuerbaren Geräte auch per Stimme steuern.

nerdistan2017-3.jpg

Und warum das Ganze?

Tja, jetzt stellt sich nur noch die Frage, warum ich das alles gemacht habe. Zeit gespart habe ich damit mit Sicherheit nicht, selbst wenn diese Konfiguration nun für die nächsten 25 Jahre so unverändert funktionieren würde. Warum wenn sonst?

  • Nerdfaktor: Ich wollte wieder mal was konkretes Basteln statt nur abstrakt über Konzepte nachzudenken wink
  • Persönliche Weiterbildung: Ich wollte wieder mal konkret sehen, was heute bereits alles möglich ist bzw. bald noch viel einfacher möglich sein wird ohne besondere Informatikkenntnisse. Dieses konkrete Wissen hilft mir beim Formulieren der nächsten abstrakten Konzepte wink
    Ich merke auch bei mir selbst, dass ich über gewisse Potenziale erst anfange vertieft nachzudenken, wenn ich sie ganz konkret nutzen kann. Aus diesem Grund gibt es jetzt auch neue Biblionetz-Einträge:
  • Usability / Accessability: Ich bin seit längerem für jemanden auf der Suche nach rein stimmbasierten Steuerungsmöglichkeiten (siehe auch das Posting Blättern per Stimmbefehl: Zu viel verlangt? vom letzten Jahreswechsel) Mit einem Amazon Echo Plus könnte ich vieles bereits ohne Bastelei abdecken, aber eben nicht alles (z.B. Infrarotbefehle an einen Fernseher senden).

Diese Bastelei hat mir auch wieder einige Konzepte der Informatik und der Informationsgesellschaft vor Augen geführt, die ich meinen Studierenden und in Vorträgen gerne aufzeigen möchte (aber garantiert nicht an diesem Beispiel...)

  • Mächtigkeit der digitalen Infrastruktur durch Modularisierung und Schnittstellen: Das Beispiel zeigt, wie sich die Möglichkeiten der Einzelkomponenten kombinieren und erweitern lassen. Dies trifft sowohl auf der Entwicklungsebene als auch auf der Nutzungsebene zu:
    • Nutzungsebene: Dank Modularisierung/Schnittstellen kann ich nun meine Geräte per Hardware-Fernbedienung, App und Stimme steuern. Drei unterschiedliche Inputkanäle steuern unterschiedlichste Aktoren.
    • Entwicklungsebene: Dank, Linux, Java und weiteren definierten und öffentlich dokumentierten Schnittstellen Lassen sich solche Systeme überhaupt erst erstellen. Statt dass ich mein NAS wegwerfen musste, übernimmt es jetzt, bald sechs Jahre nach seiner Herstellung neue Aufgaben, die es vor sechs Jahren noch gar nicht gab.

  • Bedeutung offener Schnittstellen/Standards: Die ganze Bastelei war nur möglich, weil viele Schnittstellen bzw. Standards öffentlich dokumentiert und von jedermann frei nutzbar sind. Würden alle Hersteller alle ihre Systeme maximal abschotten, wäre die oben beschriebene Rekombinierbarkeit von Komponenten futsch. Dies gilt nicht nur für mein überflüssiges Bastelprojekt sondern in grösserem Rahmen für die gesamte Digitalwelt. Offene Standards erhöhen die Rekombinierbarkeit digitaler Werkzeuge und erhöhen damit Innovation und Produktivität. Ein wichtiges Konzept für die Digitalpolitik.

Und zum Schluss...

...darf natürlich dieses Video nicht fehlen:

und aktuell der Beitrag Sicherheit von Sprachassistenten: Darauf solltest du achten! von heise.de



 
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