Veralteter Screenshot meiner Informationsflut-Pegelstandsanzeige
Technische Aspekte
Umgesetzt habe ich diese Pegelstandsanzeige als zwei Sensoren in meinem Smarthome-System (Home Assistant), das bei mir zu Hause auf einem Raspberry Pi läuft.Mailcounter
Da meine berufliche Mail über die Microsoft-Cloud läuft, habe ich via Power Automate von Microsoft einen Mechanismus zusammengestellt, der alle 5 Minuten per Rest-API-Aufruf meinem Raspberry Pi mitteilt, wie viele Mails sich derzeit in meiner Inbox befinden.
Veralteter Screenshot meiner Informationsflut-Pegelstandsanzeige
https://graph.microsoft.com/v1.0/me/mailFolders/inbox/totalItemCountIm nächsten Schritt wird die benötigte Zahl aus dem json-Objekt extrahiert und im letzten Schritt als REST-API-Aufruf meinem Home-Assistant-Instanz weitergereicht:
https://meine-geheime-homeassistant-adresse.org:port/api/states/input_number.mailcounterDen Rest der graphischen Aufbereitung sowie der Speicherung einer History übernimmt alles Home Assistant.
Tabcounter
Den Tabcounter habe ich als selbst zusammengestiefelte kleine Chrome-Extension umgesetzt. (Viel musste ich nicht selbst programmieren, ich konnte die bestehende Chrome-Extension HA-Cinema-Time anpassen, indem ich einfach an der passenden Stellechrome.tabs.query() einsetzen und den Code an passender Stelle auf meinem Computer deponieren musste.
Nun meldet mein Chrome-Browser bei jedem Öffnen und Schliessen eines Tabs die aktuelle Zahl meiner offenen Chrome-Tabs an meine Home-Assistant-Instanz.
Technisch war das Gebastel für mich lehrreich und hat mir wieder einmal gezeigt, wie standardisierte Schnittstellen zur Mächtigkeit der Digitalisierung beitragen, indem neue Systeme mit vergleichsweise geringem Aufwand als Puzzles aus bestehenden Bestandteilen zusammengesetzt werden können (sprich: Das Rad muss nicht dauernd neu erfunden werden).
Inhaltliche Aspekte
Ich finde die Pegelstandanzeige für mich persönlich interessant und hilfreich. Sie ergänzt mein Bauchgefühl, ob ich grad von Informationen geflutet oder ob ich ihr einigermassen Herr werde. Von zeit zu Zeit reserviere ich mir explizit Zeit, um die beiden Pegel zu senken, da dienen die Anzeigen als simple, aber erfolgreiche Motivationshilfe. Da Arbeitskolleg:innen manchmal wissen möchten, wie stark ich grad belastet bin, habe ich mir schon überlegt, ob ich diese Pegelstandanzeigen auch automatisiert meiner Wochenplan-Mail beilegen sollte. Das ist aber vermutlich aus verschiedenen Gründen keine gute Idee:- Die Zahl meiner Mails in der Inbox und offener Browser-Tabs sagt sehr wenig über meine echte Arbeitslast aus und lässt sich vor allem nicht mit den Zahlen anderer Menschen vergleichen:
- Inboxen können leicht durch alle möglichen Notifications und Newsletter verstopft werden, wenn man diese nicht konsequent abmeldet.
- Auch ohne Newsletter etc. benötigt nicht jede Mail und jedes Browser-Tab den gleichen Verarbeitungsaufwand. Die reine Zahl an Mails und Tabs sagt somit sehr wenig über den effektiven Arbeitsberg aus.
- Relevant ist eigentlich nicht die absolute Zahl, sondern die Veränderung in jüngerer Vergangenheit: Es ist nicht wichtig, wie viele Mails oder Tabs insgesamt noch auf mich warten, sondern ob mehr Informationsobjekte reinkommen als ich verarbeiten kann. Somit müsste ich eigentlich keine Pegelstandanzeigen versenden sondern Steigungsindikatoren.
- Und als letztes lässt sich aus den Zahlen auch nicht ablesen, ob ich Mails und Tabs aus Faulheit oder Überlastung nicht verarbeitet habe.
- Auf der individuellen Ebene kann es zu einer Kompetenzaufbau-Lücke (Biblionetz:w03804) führen, wenn junge Menschen GMLS als Abkürzung (Biblionetz:w03717) einsetzen. Dieses Phänomen wird mit verschiedenen Begriffen bezeichnet (z.B. skill skipping, accumulation of cognitive debt, metacognitive laziness ).
- Auf der organisationalen Ebene kann es zu einer Erfahrungsaufbau-Lücke (Biblionetz:w03805) für Unternehmen führen, wenn diese keine jungen Mitarbeitenden mehr einstellen, sondern auf GMLS setzen, da dadurch kein Erfahrungswissen in der Organisation mehr aufgebaut wird.
- Beides zusammen nenne ich einen GMLS-Sprossenverlust (Biblionetz:w3803).
Quelle: The Economist
Quelle: The Economist
Der umgekehrte Weg wäre auch spannend: Manchmal hat man Bücher oder Dokumente nur in elektronischer Form und möchte sie gebunden in die Bibliothek stellen können. Hierzu ein Vorschlag/Service? -- RetoStauss - 24 Apr 2009 Hmm, bei Dokumenten mit weniger als 70 Seiten kann unser grosser Kopierapparat direkt eine Broschüre drucken und heften. Bei mehr als 70 Seiten behelfe ich mir mit der Ringbindemaschine. Ob es einen zahlbaren Book-on-demand Service gibt, dem man ein PDF schicken kann und ein Buch zurückerhält, weiss ich nicht. -- Beat Döbeli Honegger - 24 Apr 2009 @ENDE @ANFANG 26 July 2026 WasUnterdessenBereitsMeinBuechergestellKan Was unterdessen bereits mein Büchergestell kann Dies ist eher eine Notiz für mich selbst - oder ein Eintrag in meinem eigenen Techniktagebuch. Im April 2026 hatte ich berichtet, dass ich mir einen Mac Mini für Experimente mit lokalen generativen Machine-Learning-Systemen (LGMLS, Biblionetz:w03773) gekauft hatte. Erstaunlich, was diese Modelle bereits können. Ich habe meinen lokalen Chatbot gefragt:
was sind die vier kränkungen der menscheit (kopernikus, freud, ???, künstliche intelligenz)?
Und das war die Antwort des Modells:
Ich habe diesbezüglich déjà-vus auf zwei Ebenen:
Hier ein erster Entwurf meiner Vorbehalte:
- Ähnliche Wünsche habe habe ich bereits erlebt bei Lernsoftware als sie noch auf CDs verteilt worden ist und beim Aufkommen von Lernapps für Smartphones und Tablets sowie bei der Messung von Anwendungskompetenzen sowohl von Schüler:innen als auch Lehrpersonen.
- Darüber hinaus habe ich auch sonst immer wieder erlebt, dass Menschen davon ausgehen, dass wenn ein Bedürfnis genügend gross ist, es doch auch eine Lösung dafür geben muss (Wünschbarkeit impliziert nicht Machbarkeit, Februar 2006).
- Technische Aspekte
- Inhaltliche Aspekte
- 1. Ein Hauch von Technikdeterminismus
- 2. Pädagogische Komplexität
- 3. Technische Komplexität
- 4. Juristische Komplexität
- Zwischenfazit zur Komplexität: Dilemma zwischen Einfachheit und Ausführlichkeit
- 5. Produktanzahl und Aktualisierungsgeschwindigkeit
- 6. Marktproblematik I: Kritik ist heikel
- 7. Marktproblematik II: Welche Produkte werden beurteilt?
- 8. Illusion der grünen Wiese
- 9. Aktuelle GMLS-Entwicklungen noch unberücksichtigt
- Mein Fazit: Wünschbar, aber nicht realistisch umsetzbar und an der Schulrealität vorbei
- Was ist die Alternative?
- A) Soll ich reagieren?
- B) Wie soll ich reagieren?
1. Ein Hauch von Technikdeterminismus
Wer ein Qualitätslabel für EdTech-Software vorschlägt, postuliert damit bis zu einem gewissen Grad, dass EdTech-Software unabhängig vom Kontext, in welcher sie eingesetzt wird, gewisse Wirkungen haben wird. Dies entspricht einem gewissen Technikdeterminismus (Biblionetz:w02180). Software lässt sich aber sehr unterschiedlich einsetzen - unter anderem hängt dies von den Absichten und Kompetenzen der Beteiligten ab.
Aus eigener, bitterer Erfahrung: Ich habe lernen müssen, dass auch ein extrem offenes und unstrukturiertes Wiki, das sich sehr für kollaboratives Arbeiten eignen würde, von Lehrpersonen zu einem extrem strukturierten und eingeschränkten Werkzeug umgestaltet wurde. Wenig von dem, was man dem Werkzeug Wiki zuschreiben würde, kam in diesen Fällen in der Schulpraxis an. Der Wiki-Weg des Lernens (Biblionetz:b05000) ist ein Angebot der Plattform - es hängt vom Kontext ab, ob dieses Potenzial im konkreten Fall genutzt wird.
2. Pädagogische Komplexität
Unterricht ist ein komplexes Phänomen. Es ist nicht einfach, ein allgemein akzeptiertes Instrument zur Beurteilung von Unterrichtsqualität zu finden (bereits Konsens über die Bedeutung einzelner Begriffe ist schwierig zu erreichen - wer das nicht glaubt, soll es mal mit selbstreguliertem Lernen oder computational thinking versuchen). Für unseren Bericht Digitale Lernplattformen in der Volksschule (Biblionetz:b08000) haben wir uns nach längeren Diskussionen für das Main-Teach-Modell 2.0 von Praetorius et al. (2023) entschieden - ich weiss aber z.B. nicht, ob diese Strukturierung von Unterrichtsqualität auch in der Romandie und im Tessin geteilt wird.
3. Technische Komplexität
Wir haben in der Schweiz Erfahrung mit der Beurteilung von Lehrmitteln: Die interkantonale Lehrmittelzentrale (ilz) organisiert seit mehr als 50 Jahren die Beurteilung von gedruckten Lehrmitteln. Doch mit der Digitalisierung nimmt die technische Komplexität der Produkte massiv zu, was wiederum den Beurteilungsaufwand massiv erhöht:
4. Juristische Komplexität
Auch bezüglich einer juristischen Einschätzung weisen digitale Produkte eine deutlich höhere Komplexität auf als bisherige gedruckte Schulbücher: War früher primär das Urheberrecht zu berücksichtigen, spielt heute insbesondere das Datenschutzrecht eine Rolle - das einerseits kantonal unterschiedlich geregelt ist und gelebt wird und angesichts technischer und politischer Entwicklungen auch öfters neu beurteilt werden muss (Juli 2026: Urteil des Supreme Court zur Unabhängigkeit der FTC - welche Folgen hat das bezüglich Zulässigkeit einer Datenspeicherung in den USA?).Zwischenfazit zur Komplexität: Dilemma zwischen Einfachheit und Ausführlichkeit
Bereits bei bisherigen Versuchen, Lernsoftware zu beurteilen ergab sich aufgrund der zunehmenden Komplexität ein Dilemma: Entscheidungsträger:innen im Bildungswesen sind meist auf der Suche nach einem einfach handhabbaren Instrument, das aber mitunter die in der Realität vorhandene Komplexität nicht abbildet. Ich zweifle, ob diesbezüglich ein allgemein akzeptierter Kompromiss gefunden werden kann.
Zur Illustration: In unserem Bericht zu Lernplattformen haben wir versucht aufzuzeigen, wie divers Lernplattformen sein können - sprich in wie vielen Dimensionen sie sich unterscheiden können. Nach vielen, vielen Diskussionen ist eine Liste entstanden, die zwar unsere Aussage Lernplattformen sind divers belegt, sich aber nicht zur vollständigen Charakterisierung von Lernplattformen eignet und von der wir noch nicht wissen, ob sie ausser von uns Autoren des Berichts von jemand anderem als nützlich betrachtet und in irgendeiner Form verwendet werden wird:
5. Produktanzahl und Aktualisierungsgeschwindigkeit
Der Aufwand zur Beurteilung gedruckter Lehrmittel war bisher unter anderem leistbar, weil die Zahl der gedruckten Lehrmittel vergleichsweise überschaubar war und diese während Jahren unverändert blieben - dementsprechend war auch eine Lehrmittelbeurteilung während längerer Zeit aktuell. Auch dies änderte mit der Digitalisierung. Apps und Websites sind deutlich zahlreicher und werden vor allem fortlaufend aktualisiert, entsprechend können Beurteilungen und Labels mit der Publikation veraltet sein.
6. Marktproblematik I: Kritik ist heikel
Bereits bei der Lehrmittelbeurteilung durch die ilz wissen wir, dass Kritik an Lehrmitteln heikel ist. Wer getraut sich, öffentlich Lehrmittel zu kritisieren in Qualitäts-Dimensionen die einen gewissen Ermessensspielraum enthalten? Wer hat die Kapazität, bei entsprechenden Konflikten dazustehen und sich gegebenenfalls auch gegen juristische Angriffe wehren zu können? Es ist kein Zufall, dass die detaillierten Lehrmitteleinschätzungen der Kantone nicht öffentlich einsehbar sind.7. Marktproblematik II: Welche Produkte werden beurteilt?
Abhängig davon, ob die Beurteilung etwas kosten wird für Anbieter:innen, wie viele Produkte beurteilt werden können und wer die Auswahl trifft, wird ein solches Label nicht das gesamte Angebot abdecken und somit eventuell die Marktübersicht verzerren.8. Illusion der grünen Wiese
Heute müssen neue EdTech-Lösungen zur bisherigen digitalen Umgebung einer Schule passen - was weit über das vorherrschende Betriebssystem hinausgeht. Die Wahl neuer EdTech-Lösungen geschieht somit nicht rein aufgrund der Qualitätsdimensionen eines Produkts, sondern stark abhängig von vorhandener Infrastruktur, bereits vorhandenen EdTech-Lösungen und den Kompetenzen der Beteiligten. Diese Erkenntnis senkt die Bedeutung eines Qualitätslabels: Die Qualitätskriterien eines Produkts sind nur zum Teil ausschlaggebend für dessen Wahl. Passungen zu bisherigen Systemen oder Kompetenzen der Lehrpersonen und Systembetreuenden spielen ebenfalls eine Rolle.9. Aktuelle GMLS-Entwicklungen noch unberücksichtigt
Die Idee eines EdTech-Qualitätslabels geht davon aus, dass es einigermassen stabile Produkte von Anbieter:innen gibt, die vielfach in identischer Ausführung verwendet werden. Aktuelle Entwicklungen im Bereich generativer Machine-Learning-Systeme verändern eventuell diese Ausgangslage: Es ist möglich, dass mehr Menschen mit Hilfe von GMLS Software für Lehr- und Lernzwecke herstellen (lassen) und somit nicht nur die Zahl der Produkte ansteigt, sondern vielleicht auch die Zahl der Nutzungen einer spezifischen Software sinkt. Zudem könnten GMLS-Anteile in EdTech-Lösungen deren Beurteilung durch Aussenstehende weiter erschweren, da die Systeme noch dynamischer als bisher agieren könnten.Mein Fazit: Wünschbar, aber nicht realistisch umsetzbar und an der Schulrealität vorbei
Alle diese Aspekte führen mich aktuell zur Überzeugung, dass eine zentralisierte oder föderierte Beurteilung von EdTech-Produkten nicht so umsetzbar ist, dass es der Schulpraxis wirklich weiterhilft. So wünschbar ein solches Werkzeug wäre, ich glaube nicht an die Umsetzbarkeit in einer Art und Weise, die Entscheidungsträger:innen etwas bringt.Was ist die Alternative?
Mich treibt insbesondere der Glaube an die Formalisierbarkeit und evtl. sogar Quantifizierbarkeit hinter der Idee eines EdTech-Qualitätslabels um. Entsprechende Überlegungen, welche digitalen Werkzeuge und Umgebungen für bestimmte Ziele und Kontexte vermutlich hilfreicher sein könnten als andere, sind hingegen sehr wichtig. Ich gehöre zur Fraktion, die seit längerem postuliert, dass das Digitale nicht neutral ist. Für mich sollten aus diesem Grund die entsprechenden Ressourcen eher verwendet werden zur Erforschung von Zusammenhängen sowie zur Publikation von entsprechenden Modellen, Fragekatalogen und Empfehlungen mitsamt der notwendigen Weiterbildungen und Diskussionen mit Entscheidungsträger:innen. Aber bitte keine Objektivität suggerieren, die sich nicht umsetzen lässt. @ENDE @ANFANG 11 July 2026 KuehlstrategienEmpirischBelegen Kühlstrategien empirisch belegen Unser Sohn hat das Pech, einen Wissenschaftler und Smarthome-Nerd als Vater zu haben. Er hätte gerne eine Klimaanlage in seinem Zimmer und ich argumentiere mit Temperaturkurven, welche mir mein Smarthome aufgezeichnet hat.
ich hätte gerne ein 3d-modell (stl) eines rechtwinkligen dreiecks mit den kurzen seiten von 12cm und 8cm und einer höhe von 3cm. Das dreieck soll aber nicht ausgefüllt sein, sondern innen eine art gittermuster haben.
Claude antwortete:
Ich erstelle dir das STL-Modell. Lass mich kurz den passenden Skill prüfen und dann das Modell bauen.
Triangulations-Engine fehlt — schnell installieren:
Das STL ist sauber: wasserdicht, korrekte Abmessungen (120 × 80 × 30 mm), ein zusammenhängendes Teil mit 1156 Facetten.
Lass mich noch eine Vorschau rendern, damit du siehst, wie das Gitter aussieht:
So sieht das Modell von oben aus — Außenrahmen mit diagonalem Rautengitter, alles 30 mm in die Höhe extrudiert:
Eckdaten:
Da ich mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden war, antwortete ich
Eckdaten:
- Katheten: 120 × 80 mm, Höhe 30 mm
- Außenrahmen: 2,5 mm stark
- Gitterstege: 2 mm stark, Abstand 14 mm, in 45°-Diagonalen
- Volumen: ~67 cm³ (vs. ~144 cm³ als Vollkörper, also gut 50 % Materialersparnis)
- Wasserdicht (druckbar)
bitte eine version mit gröberem gitter
und Claude tat wie befohlen:
Gröberes Gitter: Zellgröße 25 mm (vorher 14 mm), Stege 2,5 mm. Volumen ~57 cm³, weiterhin wasserdicht.
Erstellen von geometrischen Objekten durch sprachliche Beschreibung - Keine Nutzung einer CAD-Software, kein Kenntnisse von trigonometrischen Funktionen notwendig.
@ENDE
@ANFANG 30 May 2026 WieSollIchAufProblematischeWissenschaftlichePublikationenReagieren Wie soll ich auf problematische wissenschaftliche Publikationen reagieren?
In unserer Publikation Digitale Lernplattformen in der Volksschule (Biblionetz:b08000) haben Michael Hielscher, Lennart Schalk, Michael Seemann und ich zu generativen Machine-Learning-Systemen geschrieben, dass empirische Studien angesichts der Novität und Dynamik des Themas rar und entsprechende (Meta-)Studien mit Vorsicht zu geniessen seien:
So sind auch die ersten 2025 publizierten Metastudien zu GMLS in der Bildung mit entsprechender Vorsicht zu lesen. Die beiden zum Berichtszeitpunkt bekanntesten Metastudien (Deng et al. 2025; Wang & Fan 2025) wurden zwar breit ausserhalb der Wissenschaft rezipiert, ihre Methodik wurde aber wissenschaftlich stark kritisiert (siehe z. B. Bartoš, Martinková, & Wagenmakers 2025; Weidlich, Gašević, Drachsler, & Kirschner 2025).
Am 22. April 2026 hat Springer Nature beschlossen, eine der beiden Metastudien zurückzuziehen. Unsere Aufforderung zur Vorsicht war somit in diesem Fall berechtigt. Was mich jedoch derzeit umtreibt: Das ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten begegne ich gehäuft vielzitierten und in Massenmedien rezipierten wissenschaftlichen Publikationen, die ich nach genauerer Betrachtung für problematisch halte, weil sie massive Fehler enthalten oder gar gefälscht scheinen. Dies stellt mich vor die Frage, wie ich mit solchen Publikationen umgehen soll.
Wissenschaftlich problematische Publikationen sind kein neues Phänomen. Schon immer gab es Publikationen mit kleineren oder grösseren Fehlern, die durch das peer review (Biblionetz:w01890) nicht aufgedeckt wurden. Dahinter muss keine böse Absicht stecken, es können auch Flüchtigkeitsfehler oder mangelnde Kompetenz zu solchen Publikationen führen. Ebenfalls nicht neu sind aber absichtlich geschönte oder gar gefälschte wissenschaftliche Paper, sprich Wissenschaftsbetrug (Biblionetz:w03788). Ich sehe dafür mehrere mögliche Motive:
- Die eigene Wissenschaftskarriere vorantreiben: Weil in der akademischen Welt oft Publikationen als Gradmesser der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit angesehen werden, führt dies zu einem gewissen Publikationsdruck, der unter Publish or perish (Biblionetz:w02508) bekannt ist (sozusagen die akademische Version der Aufmerksamkeitsökonomie. Diese Mechanismen sind alt und wohldokumentiert:
- Eigenes Einkommen oder Reputation erhöhen: Will man Bücher oder Vorträge verkaufen, macht es sich nicht schlecht, wenn man dabei auf eigene wissenschaftliche Publikationen verweisen kann. Das verleitet gewisse Menschen dazu, da ein bisschen nachzuhelfen oder Publikationsprozesse zu beschleunigen.
- Die eigene Agenda im öffentlichen Diskurs mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern: In politisch umstrittenen Themenbereichen wird auch schon seit langem versucht, die öffentliche Wahrnehmung mit scheinbar wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beeinflussen. Das wohl bekannteste Beispiel betrifft nicht eine Einzelperson, die ihre politische Sichtweise mit wissenschaftlichen Publikationen stützen will, sondern eine ganze Branche: Die Tabakindustrie hat Wissenschaftler:innen dafür bezahlt, Forschungsergebnisse zu publizieren, die nahelegen, dass Tabak nicht gesundheitsschädlich sei (siehe Biblionetz:w03317). Da ich mich im politisch umstrittenen Themenfeld "Digitalisierung und Bildung" bewege, begegne ich auch Publikationen, bei denen ich entsprechende Motive vermute.
A) Soll ich reagieren?
Es gibt Gründe, warum ich bei problematischen wissenschaftlichen Publikationen reagieren sollte:- Ruf der Wissenschaft: Es schadet längerfristig der Wissenschaft, wenn problematische Publikationen nicht beanstandet, korrigiert oder zurückgezogen werden. Es wäre kurzfristig zu denken, dass man durch das Hinweisen auf problematische Publikationen der Wissenschaft schadet (und somit zum Nestbeschmutzer wird), denn Falsifizierbarkeit und offener Umgang mit Fehlern gehört zu guter Wissenschaft. Wer schweigt, lässt nicht nur zu, dass sich problematische Publikationen weiterverbreiten, sondern duldet auch einen schlampigen Umgang im Wissenschaftsbetrieb.
- Einfluss auf politische Entscheide: Insbesondere bei Publikationen, die bei politischen Diskussionen und Entscheiden verwendet werden, scheint es mir wichtig, bei fehlerhaften oder falschen Publikationen zu reagieren. Oft sind es gerade Publikationen mit pauschalen und einfachen Ergebnissen, die in der politischen Debatte gerne aufgenommen werden (Biblionetz:a01400).
- Fairness-Überlegungen: Gerade wenn wissenschaftliche Publikationen einen Einfluss auf Drittmittel und Karriere haben können, scheint es angezeigt, unsaubere oder gar gefälschte Publikationen aus dem Verkehr zu ziehen. Es wäre ansonsten ungerecht gegenüber ehrlich und seriös arbeitenden Forschenden.
- Die Welt voranbringen, nicht andere kritisieren: Grundsätzlich interessiert mich an meiner Arbeit, Lösungen für Herausforderungen der Menschheit zu finden. Das ist erfüllender und direkter sinnstiftend, als die Arbeit anderer zu kritisieren.
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Aufwand bei schon nur einer Publikation: Brandolinis Gesetz (Biblionetz:w03171), dass es Grössenordnungen einfacher ist, bullshit zu generieren als bullshit zu widerlegen, trifft nicht nur auf die Politik, sondern auch auf wissenschaftliche Publikationen zu. Einer wissenschaftlichen Publikation Fehler nachzuweisen, ist um einiges aufwändiger als Fehler oder Fälschungen herzustellen.
- Schiere Menge: Generative Machine-Learning-Systeme erhöhen zudem derzeit auch die Anzahl gefälschter Publikationen massiv. Deren Bekämpfung droht zu einem Fulltime-Job zu werden.
- Vermeidung des Neid-Vorwurfs: Kritisiert man öffentlich die Arbeit von Menschen, die aufgrund dieser Arbeit im Licht der Öffentlichkeit stehen, riskiert man den Vorwurf, nur neidisch zu sein: Weil man selbst nicht so bekannt / berühmt / oft zitiert sei, würde man jetzt andere kritisieren. Diesem Vorwurf kann man entgehen, indem man schweigt.
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Vermeidung von persönlichen Konflikten: Je nachdem, wie man auf problematische Publikationen anderer hinweist und welche Konsequenzen dies für andere hat, macht man sich zur Zielscheibe von Hass und anderen schlechten Gefühlen seitens der Angeschwärzten. Zu Beginn einer Wissenschaftskarriere ist dies besonders ausgepräft, weil man einerseits auf wohlwollende Empfehlungen älterer Kolleg:innen angewiesen oder gar in Abhängigkeitsverhältnissen bezüglich Anstellung und/oder Doktorat ist (Biblionetz:w03726).
-
Resignation: Wenn man sieht, dass zurückgezogene Paper nicht wesentlich weniger häufig zitiert werden nach der Retraction (siehe Biblionetz:a01591), kann man sich fragen, ob sich der Aufwand dafür lohnt.
B) Wie soll ich reagieren?
Hat man sich entschlossen zu reagieren, stellt sich die Frage, wie man denn idealerweise tut. Ziel sollte in den meisten Fällen die Korrektur / Zurückziehung der problematischen Publikation und nicht der Angriff auf die Autor:innen sein (auch wenn das nicht immer klar unterscheidbar ist).- Eine erste Reaktionsmöglichkeit ist eine direkte private Rückmeldung an die Autor:innen der Publikation. Im Idealfall erkennen die Autor:innen die Problematik und leiten entsprechende Schritte ein.
- Sind die Autor:innen uneinsichtig oder unwillig, so ist eine Rückmeldung an die entsprechende Zeitschrift ein möglicher nächster Schritt. Bei seriösen Herausgeberschaften ist dies meist zielführend. Es gibt aber auch Herausgeberschaften, die selbst wenig Interesse an einer Korrektur haben.
- Ein anderer möglicher zweiter Schritt besteht in einer Rückmeldung an die Hochschule der Autor:innen. Auch hier gilt: Bei seriösen Hochschulen sollte dies zielführend sein, bei gewissen privaten Hochschulen bin ich skeptisch, ob das nicht zum Geschäftsmodell gehört.
Am vergangenen Samstag erschien im MAGAZIN des Tages-Anzeigers der Artikel Werdet Lehrer! (Biblionetz:t09448) von Martin Beglinger, in welchem er die Entwicklung an den Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz kritisiert. (Martin Beglinger hat Anfang 2009 zusammen mit Remo Largo (Biblionetz:p04296) das Buch Schülerjahre (Biblionetz:b03535) herausgegeben). Zu den Hauptpunkten der Kritik gehört:
- Praxisfremde, abgehobene Ausbildung
- Massenveranstaltungen
- Zweifelhafte Forschung
- Geschenkte Professorentitel
- Biblionetz:w02018 Akadamisierung der LehrerInnen-Bildung
- Biblionetz:j00015 Zeitschrift Beiträge zur Lehrerbildung
Number of topics: 10
