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Pseudo-Neuro-Bullshit

03 Mar 2019 - 11:51 - Version 3 - BeatDoebeli

Ich weiss, ich sollte dieses Weblog eigentlich nicht mit Kritik an Digitalkritik füllen, sondern mich mit Relevanterem beschäftigen, statt nur zu lästern. Weil ich aber in jüngerer Vergangenheit mehrfach auf die Texte von Prof. Getraud Teuchert-Noodt (Biblionetz:p15652) hingewiesen worden bin, die ich doch bitte beachten möge, hier meine Antwort darauf.

Frau Prof. Getraud Teuchert-Noodt ("Neurobiologin, ehem. Universität Bielefeld. Leitung des Bereichs Neuroanatomie an der Fakultät für Biologie von 1979 – 2006") tritt in letzter Zeit an verschiedenen Orten im Internet in Erscheinung, teilweise mit eigenen Texten, teilweise in Interviews. Bei mindestens zwei Interviews scheint es sich dabei um identische Texte zu handeln, bei denen einfach die Reihenfolge der Fragen vertauscht worden ist (Quelle 1 und Quelle 2).

Frau Teuchert-Noodt wird u.a. gefragt, warum man angesichts eines Bildschirms nichts lernen kann:

Sie postulieren, dass es kein digitales Lernen geben kann. Warum bleibt im Kopf nichts hängen, wenn man mit dem Finger über einen Display wischt?

Das trifft den Kern des Problems. Das Gehirn ist ein Konstrukt, das während der Entwicklung nach ganz einfachen Regeln von einem klugen Baumeister, der Selbstorganisation, aufgebaut wird. Der Aufbau startet im Embryo und ist den Reifungssequenzen des gesamten Körpers unterstellt. Jedes Organ und alle Sinne entwickeln im neuronalen Substrat des Gehirns eine „Repräsentation“, eine Punkt-zu-Punktverbindung. Die nervösen Verbindungen zu den körperlichen Ursprüngen bleiben lebenslang bestehen und Aktivitäten garantieren den Dialog zwischen Körper und Hirn. Ähnlich der Blutversorgung durch Gefäße sind Nervenbahnen unsere Lebensadern. Digitale Medien schneiden das reifende Gehirn des Kindes von diesen Lebensadern ab und lassen nicht zu, dass sich in der Hirnrinde sinnbezogene Repräsentationen anlegen.
Quelle PDF-Dokument (Biblionetz:t23912)

Ich finde diese Antwort absolut faszinierend! Da werden im ersten Teil der Antwort einige neurologische Fachbegriffe und Fakten erzählt, denen vermutlich niemand widersprechen würde. Im zweiten Teil der Antwort wird dann ohne kausale Verknüpfung behauptet, digitale Medien würden verhindern, dass das kindliche Gehirn sinnbezogene Repräsentationen anlegen kann. Null, aber wirklich null Erklärung, was das mit digitalen Medien zu tun hat und warum dies z.B. bei einem Buch nicht der Fall sein sollte.

Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass hier versucht wird, die Glaubwürdigkeit durch Neurologie zu erhöhen. Man weiss ja, dass Menschen dazu neigen, Aussagen überzeugender finden, wenn sie in einem neurologischen Zusammenhang erzählt werden (siehe dafür Biblionetz:a00961).

Wie so oft, lohnt sich bei solchen Argumenten der Bücher-Check: Ist das bei Büchern nicht genau so?

Besonders gut lässt sich dieser Check z.B. bei der folgenden Antwort von Frau Teuchert-Noodt anwenden:

Wie also müssten Kinder aufwachsen, um gegen die Gefahren der neuen Techniken gewappnet zu sein?

Das Tablet im Kinderzimmer versetzt das Kind in eine digitale Zwangsjacke. Elementare Bedürfnisse wie Krabbeln, Laufen, Klettern werden unterdrückt. Diese Bedürfnisse dienen dazu, die Sinne zu schärfen, die Muskeln zu stärken, den Geist und die Freude an körperlicher Ertüchtigung zu wecken. Nur wenn die Nervenzellen der einzelnen Hirnfelder sehr viele Kontakte mit sehr vielen anderen Zellen ausbilden, kann ein intelligentes Gehirn heranreifen.

Dagegen setzt eine Kaskade von Behinderungen ein, wenn Schaltkreise des Großhirns von den Lebensadern durch digitale Spielsachen abgeschnitten sind: Das Sprechenlernen verzögert sich, die Händchen können ihre Fähigkeit nicht entfalten, einen Mal- oder Schreibstift zu halten. Kürzlich erreichte uns eine Alarmmeldung aus London, weil Sechsjährige den Stift nur mit dem Fäustchen halten konnten und die Einschulung gefährdet war.
Quelle PDF-Dokument (Biblionetz:t23912)

Ersetzen wir das Digitale doch durch Gedrucktes:

Wie also müssten Kinder aufwachsen, um gegen die Gefahren der neuen Techniken gewappnet zu sein?

Das Buch im Kinderzimmer versetzt das Kind in eine papierene Zwangsjacke. Elementare Bedürfnisse wie Krabbeln, Laufen, Klettern werden unterdrückt. Diese Bedürfnisse dienen dazu, die Sinne zu schärfen, die Muskeln zu stärken, den Geist und die Freude an körperlicher Ertüchtigung zu wecken. Nur wenn die Nervenzellen der einzelnen Hirnfelder sehr viele Kontakte mit sehr vielen anderen Zellen ausbilden, kann ein intelligentes Gehirn heranreifen.

Dagegen setzt eine Kaskade von Behinderungen ein, wenn Schaltkreise des Großhirns von den Lebensadern durch gedruckte Bücher abgeschnitten sind: Das Sprechenlernen verzögert sich, die Händchen können ihre Fähigkeit nicht entfalten, einen Mal- oder Schreibstift zu halten. Kürzlich erreichte uns eine Alarmmeldung aus London, weil Sechsjährige den Stift nur mit dem Fäustchen halten konnten und die Einschulung gefährdet war.

Die Beispiele liessen sich beliebig weiterführen... :-/

Liebe Digitalkritiker, es gibt durchaus ernsthafte Bedenken und Gefahren des Digitalen, die wir diskutieren müssen. Aber auf diesem Niveau bringt das einfach nichts.


-- WikiGuest - 20 Jan 2021

Lieber Wiki-Guest! Erlauben Sie mir als vermutlich älterem Zeitgenossen als Sie es sind, einen bescheidenen Hinweis, der sich vielleicht sogar nahtlos an die Forschungen der Frau Professorin anfügen lässt: Ich habe in einem langen Leben gelernt, dass Theorie und Praxis schlicht verschiedene Kompetenz erfordern. Nur weil ich über alles Mögliche lesen kann, beherrsche ich die Materie nicht von Innen. Die von Ihnen gestützte Digitalkultur hat dazu geführt, dass heue jeder meint, überall kompetent zu sein! Plötzlich wissen alle über Medizin, Juristerei, Pädagogik Bescheid - jeder hat unendlich viel Berufskompetenz in Bereichen, in denen sie nicht eine Sekunde verbracht haben. Glauben Sie wirklich, dass Sie einer Professorin der Neurologie das Wasser reichen können und auch nur einen einzigen vernünftigen Satz zur Thematik äussern? Ich würde mich das nie erdreisten, sowenig ich einem Maurer Ratschläge im Betonmischen geben würde - trotz meiner mehreren Studienabschlüsse und vielen ausgeübten Berufen in meiner Jugend. Ihre Argumentation, in der Sie mangelnde Stringenz der Professorin monieren, fordert, dass die Dame in einem Interview sozusagen den Dämel zum Nobelpreisträger macht. Vertrauen Sie doch einfach einem Fachmann - das tun sie vermutlich doch auch, wenn Ihre Frau sie bekocht und Sie hinterfragen nicht ihre Rezeptwahl! Und zuletzt: Ihre Argumentation betreffs der Austauschbarkeit der Medien Bildschirm/ Buch ist wirklich erbärmlich. über dieses Thema weiss mittlerweile jeder 7-Klässler besser Bescheid. Mein Tipp: Kaufen sie ihrem Kind ein Buch, falls es (noch) lesen kann. Und lassen Sie es dieselbe Zeit vor dem Bildschirm verbringen und literarische Texte lesen. Danach stellen Sie ein paar intelligente Fragen zum Gelesenen. Danach dürfen Sie hier weiter frotzeln, wenn Sie noch können.

-- WikiGuest - 20 Jan 2021

 
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Ob und wie - revisited (Folge 137)

05 Nov 2020 - 12:18 - Version 4 - BeatDoebeli

1986 schrieb Heinz Moser (Biblionetz:p00885) im Buch Der Computer vor der Schultür (Biblionetz:b01568)

Anpassung oder Widerstand, das ist heute eine überholte und verfehlte Frage. Weigern sich Lehrer, Eltern oder Schulbehörden, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, dann geben sie lediglich ihr Mitspracherecht sang- und klanglos preis. Denn die Computer sind schon da, mitten in unserer Gesellschaft - nur manche haben dies noch nicht gemerkt.

Über 30 Jahre ist das her - und noch immer wird an gewissen Orten über Anpassung und Widerstand gestritten. Mit der zunehmenden Verbreitung des Digitalen in der Schule zeigt sich aber vor allem, dass das wie noch lange nicht ausdiskutiert worden ist.

Lisa Rosa hat 2016 eindrücklich betont (Biblionetz:t19215), dass wir uns auf das wie konzentrieren und die ewige Diskussion um das ob hinter uns lassen sollten:

Wenn wir glauben, dass unsere Hauptaufgabe immer noch darin bestünde, die zu überzeugen, die weiterhin ihre „Finger in die Ohren stecken und lalala rufen“, verpulvern wir unsere Kräfte in einem historisch längst entschiedenen Kampf, während wir die Auseinandersetzung, die noch zur Entscheidung steht, verpassen bzw. das Feld denen überlassen, die sie zum Schlechteren entscheiden.

Darum also zur Frage des wie: Kürzlich hat Jöran Muuß-Merholz einen lesenswerten Artikel unter dem Titel Trojaner, Katalysator oder Verstärker? (Biblionetz:t26540) veröffentlicht, der unter anderem von Philippe Wampfler im Blogpost 10 Thesen zu Schulentwicklung und Digitalität kommentiert worden ist. Insbesondere die von Philippe Wampfler überarbeitete Grafik von Jöran Muuß-Merholz hat mich getriggert, diesen Beitrag zu schreiben bzw. Grafiken zu zeichnen wink

Die Grafik hat mich daran erinnert, dass ich 2012 erstmals ebenfalls in diesen Kategorien nachgedacht habe in einem Vortrag im Kanton Zug:

Grund genug, diese Überlegungen zu aktualisieren und mit den Gedanken anderer zu verknüpfen! Also:


Früher (TM) war meist die Frage, ob es Computer in der Schule braucht oder nicht:

Davon unabhängig und bereits vor der Markteinführung des Personal Computers 1981 gab es immer wieder Diskussionen zur Frage, worauf denn Schule vorbereiten müsse und welche Lerntheorie bzw. Lernkultur dafür benötigt würde:

Mit der zunehmenden Verbreitung von Computern begannen sich diese beiden Perspektiven zu überlagern: Einerseits stellte sich die Frage, ob der Computer den Bedarf für einen Lernkulturwandel erhöhe, andererseits bot der Computer auch Potenziale, die sich unter Umständen auch in der Bildung würden nutzen lassen. Damit entstand folgende 2x2-Matrix:

In diese Matrix lassen sich jetzt verschiedene mögliche Veränderung in der Schule einzeichnen. Da ist z.B. die von Jöran Muuß-Merholz als Katalysator-These (Biblionetz:w03176) bezeichnete Veränderung von einer alten, auf Behaviorismus beruhenden, papiergebundenen Schulkultur zu einer neuen, konstruktivistisch orientierten, digitalen Schulkultur - der Computer als agent of change sozusagen:

Eine Abwandlung davon ist die Trojaner-These (Biblionetz:w03177): Zwar beabsichtigen die InitiatorInnen eines Digitalisierungsprojekts in der Schule eventuell nur einen technologischen Wandel - die Geräte allerdings werden einen Lernkulturwandel erzwingen (weil sich z.B. zeigt, dass bei Frontalunterricht die beschaffte 1:1-Ausstattung eher stört als hilft):

Jöran Muuß-Merholz hat aber verschiedentlich darauf hingewiesen, dass digitale Medien schlicht nur die bestehende Lernkultur verstärken könnte: Wer eher behavioristisch unterwegs ist, wird bewusst oder unbewusst die entsprechenden Potenziale des Digitalen nutzen, um dies zu verstärken - wer konstruktivistisch unterwegs ist genau so. Die Verstärker-These (Biblionetz:w03178):

Philippe Wampfler macht sich schon länger Gedanken über die beiden möglicherweise entstehenden digitalen Schulkulturen. Er unterscheidet personalisierte Bildung und persönliche Bildung:

Setzt man die beiden Begriffe in die Matrix und fragt bei Philippe nach, wo er denn die traditionelle Bildung platzieren würde, so ergibt sich folgendes Bild

Ich verwende für die beiden digital geprägten Lernkulturen seit letztem Jahr die Begriffe Datadaktik und Digidaktik, weil sich die eine Kultur vor allem über die unermesslichen Möglichkeiten der Datenauswertung freut:

Beim Nachdenken über diese Matrix habe ich mir überlegt, welche anderen Bewegungen noch denkbar sind und sich auch beobachten lassen. Mindestens eine ist mir noch in den Sinn gekommen: Schulen, welche sich enttäuscht von einer datengesteuerten Lernkultur abwenden und bei dieser Gelegenheit den Computer als Ursache des Übels ausmachen und in der Folge darauf verzichten. Ob Backlash-These (Biblionetz:w03179) dafür ein geeigneter Begriff ist?

Tja, und aus all den Überlegungen ergibt sich dann diese Grafik, die man vermutlich ohne die obigen Überlegungen nicht so einfach versteht. Aber vielleicht hilft sie als Zusammenfassung oder als Ausgangspunkt spannender Diskussionen...

P.S: Weil ich bei den letzten Grafiken mehrfach danach gefragt worden bin: Ja, die Grafiken dürfen mit Quellenangabe gerne verwendet werden.

 
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Der grosse Wandel besteht aus vielen kleinen Wandeln

20 Sep 2020 - 10:30 - Version 2 - BeatDoebeli

Philipp Wampfler hat meine gestrige Grafik aufgenommen und begründet, warum er dafür plädiert, die digitale Entwicklung für abgeschlossen zu betrachten und deshalb von Digitalität und nicht mehr von Digitalisierung zu sprechen.

Ich verstehe seine Haltung für seinen aktuellen Kontext ("grösseres Konzept") absolut. Zu Recht wurde meine Grafik kritisiert als abstraktes Philosophieren, das die konkrete Arbeit im Schulalltag nicht wesentlich weiterbringe. In konkreten Projekten geht es darum, den aktuellen Zustand anzugehen und nicht eine schwammige, scheinbare ferne Zukunft zu diskutieren. Gewisse Aspekte des digitalen Wandels sind schlicht und einfach da - und das zum Teil seit Jahren. In diese Richtung geht auch meine Folie vom digitalen Besenwagen, die ich diese Woche erstmals gezeigt habe:


Quelle: Vortrag Digitalisieren Sie noch?

Es gilt zu akzeptieren, dass wir über gewisse Gegebenheiten nicht mehr diskutieren sollten: Eine Lehrperson, der basalste Kenntnisse des Umgangs mit digitalen Werkzeugen fehlt ("Wie erstellt man einen Ordner?", "Wie mache ich ein Fenster grösser?") ist nicht mehr in der Lage, Schülerinnen und Schüler auf die Welt von heute und morgen vorzubereiten! (Dabei geht es nicht nur um das fehlende Handling von Alltagswerkzeugen, sondern auch um das damit einhergehende Vermögen sich vorzustellen, was mit diesen Werkzeugen alles möglich ist und täglich gemacht wird).

Nicht einverstanden bin ich jedoch mit Wampflers Aussage, dass aus Sicht der Bildung der Leitmedienwechsel bereits abgeschlossen sei:

Der Leitmedienwechsel und die Digitalisierung sind in Bezug auf die Aspekte, die für Bildung wichtig sind, bereits erfolgt. Informationen stehen immer zuerst im Netz und werden dann auch noch in andere Medienformen übertragen. Daten werden digital erfasst. Ihre Verarbeitung erfolgt weitgehend automatisiert.
Quelle: schulesocialmedia.com

Aus meiner Sicht übersieht Philipp Wampfler mindestens die kommenden und am Horizont bereits aufscheinenden Veränderungen, die durch maschinelles Lernen (Biblionetz:w02863) denkbar sind - sowohl für die Gesamtgesellschaft als auch für den Bildungsbereich.

Mindestens im aktuellen Blogpost beschreibt Wampfler digitale Medien als blosse Wiedergabe- und Kommunikationsmedien:

Noch gibt es eine Post, die Briefe entgegennimmt und zustellt, obwohl eigentlich niemand mehr Briefe braucht. Das Medium Brief und das Medium digitale Nachricht existieren gleichzeitig. Das wird sich auch nicht ändern – Menschen werden nicht vergessen, dass man Briefe schreiben kann, sie werden es einfach weniger häufig tun, weil sie kaum noch das Bedürfnis dazu verspüren. Die Möglichkeiten, Botschaften im Netz verschicken zu können, wird dazu führen, dass Briefe und ihre Zustellung nicht mehr die Kernaufgabe der Post sein können, sondern von Zustelldiensten nebenher und möglicherweise als Luxusdienstleistung überbracht werden. Das ist eine Auswirkung einer Entwicklung. Eine weitere Auswirkung wird auch darin bestehen, amtlich verlässliche Formen des digitalen Schriftverkehrs zu etablieren. Dabei wird aber nicht eine neue mediale Ebene erschlossen oder eine echte Innovation benötigt: Alle Bausteine sind schon da, sie müssen nur noch eingesetzt und politisch durchgesetzt werden.

In dieser Beschreibung scheinen zwei grundlegende Funktionen von Digitaltechnik auf: Das Erfassen und Speichern sowie das Übermitteln und Verbreiten von Daten. Aus meiner Sicht übersieht Wampfler aber die dritte Grundfunktion von Computern: Das Verarbeiten von Daten:

Der Computer ist das erste Medium der Menschheitsgeschichte, das Daten nicht in etwa so wieder ausgibt, wie sie eingegeben bzw. geschrieben worden sind, sondern das Potenzial besitzt, die Daten zu verarbeiten und etwas ganz anderes auszugeben als eingegeben wurde. In meiner Wahrnehmung ist machine learning der aktuell verwendete (Hype-)Begriff, der dieses Phänomen zu beschreiben versucht.

Um bei Wampflers Beispiel zu bleiben: Wir werden die nächste Stufe im digitalen Wandel erreicht haben, wenn Computer Briefe selbst beantworten und wir zunehmend Mühe bekunden werden, computergeschriebene Texte von Menschen geschriebenen Texten zu unterscheiden. Derzeit sind die aktuellen Versuche meist noch leicht zu durchschauen und eher lächerlich. Auch wenn gewisse aktuelle Berichte (Biblionetz:t26403) zu GPT-3 (Biblionetz:w03164) vermutlich eher übertrieben (Biblionetz:t26404) sind, zeigen sie doch eine mögliche Richtung auf.

(Und natürlich ist GPT-3 nichts als das Ergebnis einiger grosser Rechner, welche den gesamten Inhalts des Internets mit Hilfe von schon seit Jahrzehnten bekannten Algorithmen (neuronale Netzwerke) verarbeiten - insofern gibt es nichts Neues unter der Sonne. Es dürfte aber klar sein, dass diese Bauteile erst mit der Leistungsfähigkeit aktueller Computer und der schieren Datenmenge des Internets und der sozialen Medien unter Umständen emergente Eigenschaften entwicklen werden, die bisher selten bedacht worden sind. In diesem Sinne ist es dann eben doch ein neuer Wandel, auch wenn sich dessen Anfänge 50 oder noch mehr Jahre zurückverfolgen lassen).

Mir geht es aber weniger darum, darüber zu streiten, ob jetzt machine learning den nächsten Wandel darstellt oder ob es sich nur um einen medialen Hype handelt. Ich bin aber ingesamt überzeugt davon, dass wir noch nicht am Ende des Digitalen Wandels angekommen sind. Da kommt noch mehr, das uns fordern wird.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum ich diese Diskussion nicht für abstraktes Philosophieren halte: Gerade in konkreten Diskussionen wie Philipp Wampfler sie beschreibt, bekomme ich öfters zu hören: "Aber wir sind schon digital unterwegs - wir müssen nichts mehr transformieren!" Da wird dann jeweils deutlich, dass der digitale Wandel aus vielen kleineneren Wandeln besteht und das Gegenüber stolz darauf ist, einen oder mehrere dieser kleinen Wandel bereits erfolgreich gemeistert zu haben. Wir müssen also auch in ganz konkreten Diskussionen aufzeigen, wo man in dieser Abfolge von Wandeln steht. Dass diese Abfolge noch nicht zu Ende ist, darf aber selbstverständlich kein Freipass sein zu sagen: "Wir müssen doch erst abwarten, wohin das alles führt!"

Ich habe versucht, in einer weiteren Grafik einige kleinere Wandel im grossen Wandel aufzuzeigen. Die konkrete Wahl bestimmter Begriffe ist bis zu einem gewissen Grad wahllos und irrelevant (bzw. das Hobby alter weisser Männer auf Twitter...). Meine Überlegung war: Welches waren Erfindungen/Entwicklunglen/Wandel, die mehr als einen gesellschaftlichen Bereich stark geprägt haben. Dabei bin ich auf die (vorläufige Abfolge Grossrechner, PC, Internet, social media, machine learning gekommen. Bereits vor der Entwicklung des ersten PCs sprach man von einer Informationsgesellschaft und überlegte sich die Folgen des zunehmenden Einsatzes von Grossrechnern auf Arbeitsplätze, Verwaltung und Politik. Aus meiner Sicht waren dann der PC, das Internet und die sozialen Medien weitere wichtige Zäsuren in dieser Entwicklung.

vielekleinewandel.jpg

Gerade weil es diese grossen und kleinen Wandel gibt, halte ich meine Grafiken für nicht ganz überflüssig. Mindestens mir helfen sie in Diskussion zu klären, worüber wir grad diskutieren.

 
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Lieber Beat – danke für diese Darstellung!

Aber es taucht für mich auch noch eine Frage auf: Es kann meiner Meinung nach nicht darum gehen, ausschließlich Computer und ausschließlich Konstruktivismus zu verwenden, sondern auch Bücher und Antworten können ihren Platz im Lehren und Lernen haben.

Es geht also immer darum, jeweils beide Herangehensweisen zu betrachten und ihre jeweiligen Vorteile zu nutzen, und so zu einer Hybrid-Variante zu gelangen.

Im Moment ist allerdings (immer noch) das Problem, dass die Buch-Herangehensweise ohne Rechtfertigung verwendet werden darf, derweil jeglicher Technologieeinsatz immer gerechtfertigt werden muss.

Ist es also nicht eigentlich das Ziel, das freie Bewegen zwischen und das Kombinieren von den vier Feldern zu unterstützen?

-- UlrichKortenkamp - 23 Nov 2020