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E-Mail ist das neue Papier - oder der stete Wandel ist die einzige Konstante

30 Jan 2020 - 10:44 - Version 1 - BeatDoebeli

Eine Beobachtung aus meinem Arbeitsalltag: E-Mail ist das neue Papier.

Was heisst das? Früher (TM) hat man sich als digital affiner Mensch über Mitmenschen geärgert, die einem Protokolle oder Textentwürfe etc. ausgedruckt übergeben haben: "Zu deinen Akten." Je länger desto mehr hat man diese Papierbündel angestarrt und sich gefragt, wie man dem Gegenüber klar machen kann, dass Papier im eigenen Arbeitsablauf ein Fremdkörper und ein Bremsklotz darstellt. "Weisst du, digital hätte ich das immer dabei, kann es volltextdurchsuchen und bei Bedarf auch einfach weiterverarbeiten." Das half aber wenig. "Bei Papier habe ich wenigstens sicher was in den Händen, wenn der Computer mal nicht funktioniert." (Diese Phase scheint noch nicht überall vorbei zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, warum unter so vielen E-Mails die Signatur Denken Sie an die Umwelt, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken." lese.

Szenenwechsel ein paar Jahre später: Heute ärgert man sich als digital affiner Mensch über Mitmenschen, die einem Protokolle oder Textentwürfe etc. per Mail schicken: "Zu deinen Akten." Je länger desto mehr schaut man sich die Mailfluten an und denkt sich leise: "Können diese Menschen nicht einen ordentlichen Cloudspeicher verwenden, damit ich nicht alles manuell ablegen muss und immer alle dank Synchronisation die neueste Dokumentenversion vor sich haben?" Das hilft aber wenig. "Bei diesen Cloudspeichern müsste ich ein kostenpflichtiges Abo lösen, die Daten wären weiss nicht wo und ich muss immer Angst haben, dass jemand im geteilten Ordner Dateien löscht."

Szenenwechsel zu jüngeren ArbeitskollegInnen von mir: Diese fangen sich langsam, aber nicht mehr ganz heimlich an, darüber aufzuregen, dass ich Texte, Tabellen und Präsentationen noch auf dem eigenen Gerät erstelle und danach in einem Cloudspeicher teile. "Weisst du," sagen sie mir, "würdest du das Dokument in einem Webeditor erstellen, könnten alle gleichzeitig daran arbeiten und das Webtool kann auch mehr als dein lokales Programm." Weiss ich. "Aber bei einem synchronisierten Cloudspeicher habe ich die Daten auch dann zur Verfügung, wenn das Internet mal nicht funktioniert."

Oh! Ich schmunzle heimlich über die Mitmenschen, die sich vor dem Moment fürchten, wo der Computer nicht funktioniert und die deshalb im Papier Sicherheit suchen. Gleichzeitig argumentiere ich mit dem potenziell fehlenden Internet und klammere mich an Cloudspeicher. (Aber sicher kann ich das fehlende Internet beweisen: Da reicht mein Arbeitsweg im Zug oder ein Sitzungszimmer mitten in einem Stahlbetonhaus, wenn das lokale WLAN nicht zugänglich ist).

Szenenwechsel in eine nicht allzu ferne Zukunft: Die künftig als digital affin bezeichneten Menschen ärgern sich über weniger digital affine Menschen, die noch Werkzeuge verwenden, die auf Dokumentenbasis arbeiten. Streams gehört die Zukunft, denn alles fliesst und das Ende eines Stadiums ist der Anfang des nächsten. Wer will da noch altmodisch am Konzept Dokument festhalten?

emailistdasneuepapier.png

Was sagt uns das? Es ist nicht ein einmaliger Wandel, den man einfach mitmachen muss. Es ist ein stetiger Wandel, der alle irgendwann mal an einem Punkt einholt, wo man nicht mehr zu den Innovators (Biblionetz:w02126), sondern zur late majority (Biblionetz:w02128) oder gar zu den laggards (Biblionetz:w02129) gehört. In Zeiten, wo man zu den Innovators gehört, sollte man auch ein gewisses Verständnis für die laggards aufbringen...

P.S.: Selbstverständlich gibt es auch noch die Zwischenstufe des Fileservers der Organisation, der von ausserhalb der Gebäude der Organisation nur per aufwändigem VPN oder gar nur per VPN und anschliessendem Desktopsharing (aka Citrix) erreichbar ist.

 
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Bereits die Entwurfsfassung des Lehrplans 21 enthielt Informatik

17 Jan 2020 - 18:07 - Version 2 - BeatDoebeli

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Weil die Aussage immer mal wieder in den Medien auftaucht, aber dadurch nicht wahrer wird und ich es leid bin, jedes Mal das Gegenteil zu erklären, möchte ich es hier ein für alle Mal dokumentieren:

Bereits die 2013 veröffentlichte Konsultationsversion des Lehrplans 21 enthielt Informatikkompetenzen.

Worum geht es?

Juraj Hromkovic (Biblionetz:p03989) hat in den vergangenen Monaten in Interviews öfters zu Protokoll gegeben, in der 2013 veröffentlichten Entwurfsfassung des Lehrplans 21 sei das Wort Informatik nicht vorgekommen. Erst nachdem er in der zweiten Phase der Lehrplanentwicklung mitwirken konnte, sei Informatik in den Lehrplan gekommen.

Im Interview vom 9.01.2020 klingt das z.B. so:

Anfangs kam das Wort «Informatik» im Lehrplan 21 nicht mal vor. Im letzten Augenblick, eineinhalb Jahre vor dem Abschluss des Lehrplans 21, hat man der ETH noch erlaubt, sich zu beteiligen, und uns ermöglicht, ein Modul «Informatik» reinzubringen. Leider nicht separat, aber im Rahmen des Faches «Medien und Informatik».
Quelle: (Biblionetz:t25867)

Die Aussage, dass das Wort "Informatik" in der Konsultations-/Entwurfsfassung von 2013 nicht vorkomme, ist sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn falsch.

Wie kam Informatik in der Entwurfsfassung von 2013 des Lehrplans 21 vor?

Die Entwurfsfassung des Lehrplans 21 war im Jahr 2013 zur öffentlichen Konsultation unter http://konsultation.lehrplan.ch/ abrufbar und enthielt ein Kapitel ICT und Medien (Biblionetz:t15600). Leider ist sie heute nicht mehr offiziell verfügbar. Das Kapitel ICT und Medien kann aber z.B. hier PDF-Dokument herunter geladen werden.

Eine kurze Volltextsuche ergibt, dass der Begriff Informatik in diesem Kapitel zwei Mal vorkommt:

informatik-im-lp21-entwurf-01.jpg

Dieses wörtliche Vorkommen ist aber in der Tat Wortklauberei. Viel relevanter ist die Tatsache, dass die grosse Mehrheit der in der Schlussfassung des Lehrplans 21 vorkommenden Kompetenzbeschreibungen für das Themengebiet Informatik bereits in der Entwurfsfassung vorkommen.

In der damaligen Struktur hiess ein Kompetenzbereich ICT/M.1 Kennen und Einordnen von Medien und enthielt sechs Unterkapitel. Drei davon (also die Hälfte) sind eindeutig dem Informatikbereich zuzuordnen:

  1. Die Schülerinnen und Schüler können einfache Datenstrukturen und ihre Darstellungsformen verstehen und verwenden.
  2. Die Schülerinnen und Schüler können Algorithmen darstellen, als Programm umsetzen sowie deren Ergebnisse interpretieren und überprüfen.
  3. Die Schülerinnen und Schüler verstehen Aufbau und Funktionsweise von informationsverabeitenden Systemen.

Quelle: Kapitel ICT und Medien, Entwurfsfassung Lehrplan 21 (2013) (Biblionetz:t15600)

Liest man die nun geltende Schlussfassung des Lehrplans 21, so lauten im Kapitel Medien und Informatik (Biblionetz:t17600) die Überschriften des Kompetenzaufbaus Informatik

  1. Die Schülerinnen und Schüler können Daten aus ihrer Umwelt darstellen, strukturieren und auswerten.
  2. Die Schülerinnen und Schüler können einfache Problemstellungen analysieren, mögliche Lösungsverfahren beschreiben und in Programmen umsetzen.
  3. Die Schülerinnen und Schüler verstehen Aufbau und Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen und können Konzepte der sicheren Datenverarbeitung anwenden.

Quelle: Kapitel Medien und Informatik, Schlussfassung Lehrplan 21 (2015) (Biblionetz:t17600)

Sprachlich anders formuliert, inhaltlich praktisch identisch. Es sind die drei Bereiche Daten, Algorithmen, Informatiksysteme.

Wer es detailliert wissen möchte, hier die drei Abschnitte wortwörtlich aus dem Lehrplanentwurf von 2013:
informatik-im-lp21-entwurf-02.png

Zum Schluss eine noch detailliertere Analyse: Alle Kompetenzbeschreibungen des Kompetenzbereichs Informatik aus der Schlussversion von 2019 in der linken Spalte und jeweils die entsprechenden Formulierungen in der rechten Spalte:

informatik-im-lp21-entwurf-03.png

Im Unterbereich Datenstrukturen haben 7 von 10 Kompetenzbeschreibungen der Schlussversion eine Entsprechung in der Entwurfsversion, in einem Fall (relationale Datenbanken) war die Entwurfsversion sogar umfangreicher als die Schlussversion. Neu hinzugekommen ist in diesem Unterbereich das "Ordnen von Objekten nach selbstgewählten Eigenschaften" im Zyklus 1 und das Erfinden von eigenen Programmiersprachen. Dafür ist das "Erkennen von Elementen formaler Sprachen" verloren gegangen (eine Vorläuferfertigkeit für reguläre Ausdrücke).

informatik-im-lp21-entwurf-04.png

Im Unterbereich Algorithmen haben 6 von 8 Kompetenzbeschreibungen der Schlussversion eine Entsprechung in der Entwurfsversion, in einem Fall (technische und ethische Grenzen der Automatisierung) ist die Kompetenz in der Entwurfsversion später, aber dafür umfangreicher formuliert). In der Entwurfsversion fehlt die Kompetenzbeschreibung zu Beginn des Zyklus 2, dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Lösungswese finden, prüfen und vergleichen können.

informatik-im-lp21-entwurf-05.png

Im Unterbereich Informatiksysteme sind schliesslich 12 von 13 Kompetenzbeschreibungen praktisch identisch. Sowohl bei der Entwurfsversion als auch bei der Schlussversion ist je eine Kompetenzbeschreibung nicht vorhanden.

Fazit

Anhand der gemachten Vergleiche ist die Aussage, in der Entwurfsversion sei Informatik nicht enthalten gewesen, definitiv nicht korrekt.

Was hingegen stimmt: Der Begriff Informatik hat durch die Aufnahme in den Titel an Bedeutung gewonnen und die Struktur der Schlussversion macht die Kompetenzbeschreibungen der Informatik massiv deutlicher sichtbar. Aber inhaltlich war alles bereits in der Entwurfsversion vorhanden.

 
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Aber sicher gehört Programmieren in die Grundschule!

07 Dec 2019 - 12:55 - Version 1 - BeatDoebeli

In einem Gastkommentar für die Welt formuliert Klaus Zierer (Biblionetz:p13834) am 7.12.19 unter dem Titel Programmieren ist nichts für die Grundschule (Biblionetz:t25784) vier Argumente:

  1. Programmieren ist nicht wichtig zum Verständnis der heutigen Welt
    "Wir Menschen müssen nicht programmieren können, um zu verstehen, wie ein Computer funktioniert."
  2. Andere Kompetenzen sind wichtiger als das Programmieren (logisches Denken, Kooperationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Umgang mit Fehlern)
    "Zweitens arbeiten Befürworter des Programmierens gerne mit der Angst: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die Biografien erfolgreicher Programmierer widerlegen das: logisches Denken, Kreativität, Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit, Selbstbeherrschung und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern – und zwar jenseits von 0 und 1! – sind entscheidend."
  3. Programmieren verstärkt die Verkopfung der Schule
    "die Debatte über das Programmieren zu einer weiteren Verkopfung von Schule und damit zu einer Reduzierung von Bildung auf das Kognitive."
  4. Programmieren wird von Befürwortern nur aus ökonomischen Gründen gefordert und das ist problematisch
    "Viertens ist das Hauptargument der Befürworter des Programmierens ein ökonomisches: Wir dürfen nicht den Anschluss verlieren – an eine Milliarde Chinesen, die in einem Land mit der höchsten Selbstmordrate im Primarbereich und einer der höchsten Burn-out-Raten im Tertiärbereich leben? Wohl kaum."

Es ist vermutlich nicht überraschend, dass ich mit keinem der vier Argumente einverstanden bin. Noch schlimmer: Über Argument 1 lässt sich streiten, die Argumente 2-4 sind für mich unseriöse, rhetorische Strohmänner.

1. Informatik ist für das Weltverständnis heute so wichtig wie Physik, Chemie und Biologie (und Programmieren ist eine wichtige, aber nicht die einzige Aktivität in der Informatik)

Die Lebenswelt von heutigen Grundschülerinnen und Grundschülern ist heute stark geprägt von Informatiksystemen, angefangen von Smartphones, Staubsaugerrobotern über Sprachassistenten wie Siri und Alexa bis zu Lernapps, Empfehlungsalgorithmen bei Youtube und computergesteuerten Avataren in Computerspielen. Genau so, wie Kinder verstehen wollen und sollen, warum gewisse Dinge im Wasser schwimmen und andere sinken, wie eine Kläranlage und eine Bäckerei funktioniert, so wollen und sollen Kinder auch wissen, wie Informatiksysteme um sie herum funktionieren. Programmieren ist eine aktive Tätigkeit, mit der Kinder bereits im Grundschulalter gewisse Konzepte von Informatiksystemen erkennen können und dies mit viel Spass auch tun.

2. Programmieren ist eine Möglichkeit, um wichtige Kompetenzen des 21. Jhds zu fördern

Geschieht dies mit Hilfe von entsprechenden Robotern, so passiert Programmieren auch nicht primär am Bildschirm, sondern enaktiv in der physischen Welt. Es gibt genügend gut dokumentierte und frei verfügbare Unterrichtsbeispiele für Informatik und Programmieren in der Grundschule die belegen, dass Programmieren neben logischem Denken auch "Kreativität, Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit, Selbstbeherrschung und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern" fördern - also genau das, was Zierer in seinem Gastkommentar als wichtig bezeichnet, aber dem Programmieren in der Grundschule abspricht!

(Ebenfalls strohmannartig muten Zierers Annahmen an, zu Lasten welcher Inhalte denn Programmieren in der Grundschule eingeführt werden würde. Würde Programmieren beispielsweise als Teil der Mathematik verstanden, würde sich an der kognitiven Schwere des Grundschulunterrichts nicht viel ändern: Programmieren könnte aber ganz im Sinne von Seymour Papert (Biblionetz:p00192) ein motivierendes und lernförderliches Instrument eines modernen Mathematikunterrichts bereits in der Grundschule sein. Paperts Konstruktionismus (Biblionetz:w00561) besagt im Wesentlichen: Begriffen habe ich ein Konzept, wenn ich es selbst konstruieren, oder einem Computer beibringen kann).

3. Programmieren muss in der Grundschule keineswegs überaus kopflastig sein

Hier sehe ich ein Hauptproblem in Zierers Argumentationsweise: Er malt - absichtlich oder unabsichtlich - ein seltsames Zerrbild des Programmierens in der Grundschule. Niemand fordert unter dem Stichwort "Programmieren in der Grundschule" ernsthaft das dröge, kopflastige Auswendiglernen und Anwenden von Befehlen einer Programmiersprache. Die bereits erwähnten Roboter aber auch computer science unplugged -Aktivitäten (Biblionetz:w02379) und Entwicklungsprojekte erlauben einen Grundschulunterricht, der auch beim Programmieren Kopf, Hand und Herz integriert.

4. Fachkräftemangel ist keine ernsthafte Begründung für Programmieren in der Grundschule

Zierers Griff zu argumentativen Strohmännern geht aber noch weiter: Bei zwei Argumenten unterstellt er imaginären Befürwortern, sie würden mit der Angst der Zuhörenden arbeiten oder aus ökonomischen Gründen Zustände wie in China anstreben. Ich kenne aber keine ernsthafte Expertinnen oder Experten, die aus ökonomischen Gründen Programmieren bereits in der Grundschule fordern würden. Aufgabe der Grundschule ist die Allgemeinbildung und programmiert zu haben (nicht zwingend programmieren zu können) ist im 21. Jahrhundert ein notwendiger Teil der Allgemeinbildung.

 
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