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Dagstuhl-Dreieck 2.0?

25 Sep 2019 - 16:18 - Version 2 - BeatDoebeli

Vor etwa dreieinhalb Jahren haben wir auf Schloss Dagstuhl überlegt, wie man Entscheidungsträgern im Bildungswesen möglichst einfach erklären könnte, was Schülerinnen und Schüler über Digitales wissen müsste und warum das verbindlich in der Schule vermittelt werden sollte.

Herausgekommen ist die Erklärung Bildung in der digitalen vernetzten Welt PDF-Dokument (Biblionetz:t18567) mit einer prägnanten Darstellung der drei Perspektiven auf digitale Phänomene:

dagstuhl_dreieck.png

Die Entwicklungsgeschichte dieses sogenannten Dagstuhl-Dreiecks (Biblionetz:w02886) habe ich damals ebenfalls in diesem Blog beschrieben unter dem Titel Dagstuhl-Dreieck: "Speak with one voice" reloaded.

In den letzten drei Jahren hat das Dagstuhl-Dreieck eine aus meiner Sicht überraschend erfreuliche Verbreitung erlebt. Es wurde nicht nur im deutschsprachigen Raum rezipiert, sondern ist auch in der französischsprachigen Schweiz auf fruchtbaren Boden gestossen und ist unterdessen auch auf englisch verfügbar und weiterverbreitet worden.

Die Lehrmittelreihe connected des Zürcherlehrmittelverlags hat das Dagstuhl-Dreieck als leitendes Modell übernommen und das Lehrmittel entsprechend strukturiert:

dagstuhl_lmvz.jpg

Natürlich ist das Dagstuhl-Dreieck nicht kritiklos geblieben. Neben Fundamental-Opposition von beiden Polen gab es auch moderatere Kritik zur Weiterentwicklung des Modells. Sowohl von Inforamtik- als auch von Medienbildungsseite wurde kritisiert, dass aus dem Dagstuhl-Dreieck nicht deutlich werde, dass es doch (auch) um eine Gestaltung der digitalen Welt gehe. Für mich persönlich war dies zwar implizit immer klar, kam aber tatsächlich durch die drei kurzen Fragen Wie funktioniert das? Wie wirkt das? und Wie nutze ich das? nicht explizit.

Im Sommer 2019 liegen nun zwei weitere Dreiecke vor, die als Weiterentwicklungen des Dagstuhl-Dreiecks betrachtet werden können oder sich selbst so bezeichnen (jaja, nicht die Dreiecke bezeichnen sich selbst so, sondern die Macherinnen und Macher der Dreiecke...).

So hat eine Gruppe von InformatikerInnen und MedienwissenschaftlerInnen in mehreren Überarbeitungsrunden das Frankfurt-Dreieck (Biblionetz:w03077) entwickelt und einen entsprechenden Text PDF-Dokument (Biblionetz:t25408) publiziert. Die Autorinnen und Autoren erklären darin:

Das Frankfurt-Dreieck ist eine Erweiterung und Fortschreibung des in der Dagstuhl-Erklärung enthaltenen Dagstuhl-Dreiecks und richtet sich in Ergänzung dazu nun in erster Linie an Forscher*innen und andere Personen, die sich primär reflexiv und theoretisch – mit Bildung im Kontext des digitalen Wandels beschäftigen. Das Papier will die aus verschiedenen Disziplinen an die Gruppe der Autorinnen und Autoren herangetragenen konzeptionellen Lücken beispielsweise zur Gestaltung von Informatiksystemen oder zur Einordnung und Rolle des Individuums als handelndes und medial adressiertes Subjekt schließen. Entsprechend gelten die politischen Forderungen der Dagstuhl-Erklärung (2016) weiterhin, werden konzeptionell ergänzt und auf außerschulische Bildungskontexte erweitert.

Dass sich das Dreieck eher an "Forscher*innen und andere Personen, die sich primär reflexiv und theoretisch – mit Bildung im Kontext des digitalen Wandels beschäftigen" merkt man meiner Ansicht nach der Darstellung an, sie ist wortreicher und für Praktiker*innen schwieriger zu verstehen geworden:

w03077.jpg

Neben dieser stärkeren Fokussierung auf Theorie und Reflexion hat aus meiner Sicht aber auch eine Verschiebung der drei Perspektiven stattgefunden. Ich habe die Anwendungsperspektive immer als sehr pragmatisch auf konkrete Nutzung ausgerichtet verstanden: Was muss ich konkret wissen und können, um derzeit verfügbare Hard- und Software einigermassen kompetent nutzen zu können. In der nun Interaktionsperspektive genannten dritten Perspektive des Frankfurter Dreiecks wird zusätzlich die Subjektivierung betont:

Aus der Interaktionsperspektive betrachtet, interessiert, welches Menschenbild durch diese Formen möglicher Selbstthematisierung konstituiert wird. Zweitens wird abstrakter auch die Frage gestellt, wie und vor dem Hintergrund welcher kulturellen Einschreibungen Subjekte in den jeweiligen Medien repräsentiert und adressiert sind, beispielsweise in Form von Interessenprofilen in Empfehlungs- und Filtersystemen oder auf Ebene von Interfaces und Interaktionsmöglichkeiten. Drittens sind beispielsweise im Angesicht von Data Analytics und Künstlicher Intelligenz traditionell auf Subjekte bezogene Konzepte wie Autonomie und Authentizität auch auf technologisch-medialer Ebene in den Blick zu nehmen.

In meiner Wahrnehmung würden diese Aspekte zur gesellschaftlich-kulturellen Perspektive gehören und durchaus mit der Frage Wie wirkt das? mitgemeint sein können. Für mich ist beim Dagstuhl-Dreieck ist relevant, dass die Anwendungsperpektive salopp und ungenau formuliert so das ECDL-Wissen umfasst und ich EntscheidungsrägerInnen somit relativ rasch und einfach anhand der anderen beiden Perspektiven aufzeigen kann, dass es eben mehr braucht als nur Anwendungskompetenzen. Mit der Umwandlung der Anwendungsperspektive in die Interaktionsperspektive verliere ich beim Frankfurter Dreieck diese einfache Erklärungsmöglichkeit.

Für meinen pragmatischen Bedarf in der Bildungspolitik ist somit das Frankfurter Dreieck nicht sehr hilfreich, weil es sich nicht dafür eignet, in einem elevator pitch einem Journalisten oder einer Entscheidungsträgerin die wesentlichen Aspekte eines Wissens _über digitale Phänomene zu erklären. Auch in der Aus- und Weiterbildung werde ich weiterhin das einfacher zugängliche Dagstuhl-Dreieck verwenden.

Ein andere Weiterentwicklung des Dagstuhl-Dreiecks ist in der Charta Digitale Bildung (https://charta-digitale-bildung.de/, Biblionetz:t20900) zu finden und geht in die andere Richtung. Die gesamte Charta hat bequem auf einer A4-Seite Platz:

charta-digitale-bildung.jpg

Die Grafik, stellt nun das Gestalten in den Mittelpunkt, was mir sehr gefällt (und hoffentlich auch andere glücklich macht):

Wermutstropfen für mich: Der Doppelpfeil, der für mich (oder auch für Petra Grell, siehe ihre Keynote an der GMW 2019 in der Minute 28) schön symboliserte, dass es sich bei der Frage Wie wirkt das? nicht um eine Einbahnstrasse handelt, sondern die Frage eigentlich korrekter Wie wechselwirkt das? heissen müsste, wurde durch ikonisierte Menschen ersetzt.

 
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Lehrmittel: Analoges prägt Inhalt, Digitales prägt Methode

22 Sep 2019 - 11:52 - Version 1 - BeatDoebeli

Am Freitag habe ich am hep Bildungsforum die These in den Raum gestellt, dass analoge Lehrmitteln primär den Inhalt, digitale Lehrmittel hingegen primär die Methode prägen würden:

Hier etwas ausführlicher, was ich damit meine:

Zu Zeiten des traditionellen gedruckten Schulbuchs war dieses die hauptsächliche Informationsquelle für Schülerinnen und Schüler. Es war für die Lehrperson nicht so einfach, zusätzliche oder alternative Quellen zur Verfügung zu stellen, wie dies heute dank des Internets möglich ist. Ergo: Das Schulbuch hat den Inhalt des Unterrichts so massgeblich geprägt, dass oft vom Lehrmittel als heimlicher Lehrplan (Biblionetz:a01113) gesprochen wurde.

Das gedruckte Schulbuch enthielt zwar auch eine didaktische Absicht und bietet entsprechende Hinweise und Aufgaben. Es ist für die Lehrperson jedoch vergleichsweise einfach, andere Aufgaben für Schülerinnen und Schüler zu formulieren. Somit spurt das gedruckte Lehrmittel zwar einen gewissen didaktischen Weg vor, es aber relativ einfach, davon abzuweichen.

In Zeiten des Internets ist das Lehrmittel eine Informationsquelle unter vielen. Wikipedia oder eine Google-Suche sind nur einen Klick entfernt. Lehrpersonen können vergleichsweise einfach, andere oder zusätzliche Quellen zur Verfügung stellen und sie können auch nicht verhindern, dass Schülerinnen und Schüler das auf eigene Faust tun. Somit prägt heute ein Lehrmittel den Inhalt des Unterrichts weniger stark als früher.

Werden jedoch digitale Lehrmittel verwendet, die nicht einfach Fotografien des gedruckten Schulbuchs sind, so enthalten sie Aufgaben, bei denen digitale Artefakte zu bearbeiten und/oder Ergebnisse in der Lernumgebung abgegeben werden müssen und evtl. automatisiert korrigiert werden. Je digitaler ein Lehrmittel, desto eher werden Lernprozesse digital unterstützt oder gar vorgegeben sowie protokolliert. Gewisse Lernumgebungen halten fest, wann welche Aufgaben gelöst worden sind und wie lange jemand daran gearbeitet hat. Manche Systeme geben auf Knopfdruck das richtige Ergebnis einer Aufgabe preis, andere nicht. Einige Systeme unterscheiden zwischen Lehrpersonen und Lernenden, andere geben Lehrpersonen keine besonderen Rechte.

Insgesamt ist in einem digitalen Lernsystem ein gewisses Bild des Lehrer-Schüler-Verhältnisses einprogrammiert und es kann für Lehrpersonen schwierig sein, sich dieser vorprogrammierten Sichtweise zu widersetzen und anders zu unterrichten. Deshalb meine These, dass digitale Lehrmittel die Methode stärker prägen als analoge Lehrmittel.

 
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Schuldaten: Woher droht Gefahr?

22 Sep 2019 - 08:51 - Version 1 - BeatDoebeli

Am Freitag habe ich am hep Bildungsforum in Frankfurt über Bildungsdaten (Biblionetz:w03064) gesprochen. U.a. bin ich darauf eingegangen, woher die Gefahr von Datenmissbrauch droht:

Immer wenn Daten anfallen, besteht die Gefahr von Datenmissbrauch. Meist wird dabei vor Hackern und den bösen internationalen Konzernen gewarnt. Ich sehe das anders. Meiner Ansicht nach geht die primäre Gefahrt von Datenmissbrauch von der Schule und ihrer näheren Umgebung aus: Der andere Lehrer, der Hausmeister, der im selben Dorf wohnende Mitarbeiter der betreuenden IT-Firma hat oft ein viel grösseres Interesse an Personendaten als ein anonymer Hacker oder die grossen Internetkonzerne. Es scheint mir deshalb problematisch zu sein, aus Datenschutzgründen keine Cloud im Internet, sondern einen eigenen Schulserver im Keller betreiben und administrieren zu wollen.

t25448.jpg

Im Zug zurück wurde ich auf den Artikel Wirbel um neue Datenbank der Stadtzürcher Volksschule (Biblionetz:t25448) aufmerksam gemacht, der meine These (leider) wunederbar stützt. Gemäss Artikel des Beobachters hat die Stadt Zürich eine Profildatenbank der Schülerinnen und Schüler angelegt, um ihrem Auftrag nachzukommen, optimal durchmischte Klassen zu erreichen. Die erhobenen Daten sind hochsensibel:

In den Schülerprofilen finden sich Kommentare wie «K. ist Einzelkind», «T. hat einen sehr tiefen IQ» oder «Mutter von F. ist alleinerziehend».

Weniger sensibel scheint aber die Art und Weise des Umgangs mit den Daten zu sein:

Auch wie die Daten gesammelt werden, wirft Fragen auf. Entgegen der Darstellung des Schuldepartements ist in der Datenbank nicht ersichtlich, wer die Einträge verfasst hat. Auch ihre Qualität wird nicht überprüft. So ist es beispielsweise möglich, unerkannt nachträglich das Datum zu ändern, Noten anzupassen oder Kommentare zu verändern oder sogar zu löschen.

Diese Datenbank ist leider ein gutes Beispiel, dass die Gefahr von Datenmissbrauch nicht (nur) von grossen Internetkonzernen und bösen Hackern droht, sondern primär aus der Schule und der näheren Umgebung selbst.

 
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