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Mein Wahrnehmungswandel beruflicher sozialer Netzwerke

26 May 2016 - 07:31 - Version 1 - BeatDoebeli

Ich muss, bzw. ich habe beschlossen, berufliche soziale Netzwerke (Biblionetz:w02521) künftig anders wahrzunehmen. Bisher war ich der (offenbar traditionellen) Ansicht, dass berufliche soziale Netzwerke die Netzwerke der physischen Welt abbilden. In Xing (hiess noch OpenBC als ich beitrat ;-)) und Linkedin war ich mit Personen vernetzt, die ich auch im realen Leben kannte oder mit der ich im Digitalen zumindest mal bilateral kommuniziert hatte. Ich sah den Sinn solcher professioneller sozialer Netze primär darin, sehen zu können, wer wen kennt. Anfragen von mir unbekannten Personen habe ich weitgehend ignoriert.

Solche Anfragen haben über die Jahre zugenommen, seit der Veröffentlichung meines Buches sind sie nun sprunghaft angestiegen. Nachdem die Zahl aussehender Kontaktanfragen dreistellig geworden ist, habe ich beschlossen, meine Haltung zu ändern. Offenbar werden solche Netzwerke nicht (mehr) zur virtuellen Abbildung bestehender, sondern zum Knüpfen neuer Kontakte verwendet (anders kann ich mir nicht erklären, dass ich so viele Anfragen von mir unbekannten Personen erhalte). Ich werde somit heute über hundert Kontaktanfragen bestätigen und man wird aufgrund einer Vernetzung von mir mit anderen Personen nicht mehr daraus ableiten können, dass ich diese Menschen wirklich kenne. (Tja, das ist ein Hauptproblem der Vernetzungsdefinition von Facebook, Xing und Linkedin: Sie muss immer auf Gegenseitigkeit beruhen. Da scheint mit Twitter und Google+ die Realität besser abzubilden: In Google+ kann ich beispielsweise jemanden einkreisen ohne dass er/sie das auch tun muss).

Dass berufliche soziale Netzwerke aber weiter dazu verwendet werden, den eigenen (vermeintlichen) Status zu präsentieren, sehe ich in einem anderen beruflichen sozialen Netzwerk, nämlich dem akademischen sozialen Netzwerk (Biblionetz:w02519) Researchgate (Biblionetz:w02516). Dieses Jahr haben bereits zwei Personen bei Researchgate angegeben, dass sie an der Pädagogischen Hochschule Schwyz arbeiten würden, von denen wir hier noch nie etwas gehört haben. Eine dieser Personen ist bereits wieder aus der Liste verschwunden, Xu Han ist uns aber weiterhin unbekannt:

researchgate-phsz.png

P.S.: Umgekehrt habe ich auch beschlossen, diejenigen, die ich wirklich kenne, aktiver in den Netzwerken zu verknüpfen. Aus dem Umstand, dass ich jemanden dieser Tage vernetzt habe lässt sich somit nicht schliessen, dass ich die Person nicht kennen würde wink

 
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Gedanken zu Programmierumgebungen für "Medien und Informatik"

19 May 2016 - 21:13 - Version 4 - TobiasH

In den deutschsprachigen Kantonen und Pädagogischen Hochschulen laufen derzeit die Vorbereitungen zur Einführung des Lehrplans 21 (Biblionetz:w02172) auf Hochtouren, insbesondere auch für das neue Modul "Medien und Informatik". Eine nicht zentrale, aber trotzdem nicht ganz unwichtige Frage ist die nach Programmierumgebungen.

Als Diskussionsbasis in verschiedenen Kontexten habe ich mich mal hingesetzt und meine diesbezüglichen Überlegungen etwas strukturiert. Es handelt sich somit um eine Konkretisierung der allgemeinen Frage Welche Programmiersprache eignet sich für die Schule? (Biblionetz:f156) auf die aktuelle Situation in der Schweiz und dem bevorstehenden Lehrplan 21.

(direkt kommentiert werden kann dieser Text drüber bei Google Docs)

1. Worum geht es?

In den deutschsprachigen Kantonen der Schweiz wird in den kommenden Jahren der Lehrplan 21 eingeführt werden. Der darin enthaltene Modullehrplan Medien und Informatik (Biblionetz:t17600) enthält ab der 5. Klasse Kompetenzbeschreibungen, die mit einer Programmierumgebung erworben werden müssen.

Der Lehrplan 21 macht keine Aussagen oder Empfehlungen zu konkreten Programmierumgebungen. Somit stellt sich die Frage, ob jede Lehrperson sich selbst eine oder mehrere Programmierumgebungen auswählen soll oder ob übergeordnete Stellen (Schulen, Gemeinde, PHs, Kantone) Empfehlungen oder Vorgaben machen sollen.

Informatik ist nicht gleich Programmieren: Programmieren ist eine wichtige Arbeitsweise in der Informatik, aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Die nachfolgenden Überlegungen sind somit nicht dazu gedacht, alle Kompetenzbeschreibungen im Kompetenzbereich Informatik des Modullehrplans Medien und Informatik abzudecken.

2. Wie sieht die Ausgangslage aus?

  • Benötigt wird eine Programmierumgebung für die 5./6. Klasse Primarschule und die Sekundarstufe I (7.-9. Klasse): Das Modul "Medien und Informatik" enthält ab der 5. Klasse Kompetenzbeschreibungen, welche den Einsatz einer Programmierumgebung erfordern.

  • Allgemein- und nicht Berufsbildung: Ziel des Modullehrplans "Medien und und Informatik" ist die Vermittlung grundlegender Konzepte, nicht die Schulung einer bestimmten Programmiersprache.

  • In der 5./6. Klasse keine Fachlehrpersonen: In den wenigsten Fällen wird "Medien und Informatik" auf der Primarschulstufe durch eine Fachlehrperson erteilt werden.

  • Derzeit wenig bis kein Informatikvorwissen bei den Lehrpersonen: Die wenigsten Lehrpersonen in der Volksschule verfügen aktuell über Informatikkompetenzen.

  • Beschränkte Ressourcen zur Weiterbildung von Lehrpersonen, die "Medien und Informatik" unterrichten werden: Aufgrund der hohen zeitlichen Belastung von Lehrpersonen und der angespannten Finanzlage werden Lehrpersonen vermutlich meist nicht sehr umfangreich für das Erteilen von "Medien und Informatik" weitergebildet werden können.

  • Derzeit wenig kohärentes, zum Modullehrplan "Medien und Informatik" passendes Unterrichtsmaterial: Informatik in der Volksschule, insbesondere in der Primarschule ist ein relativ neues Thema im deutschsprachigen Raum. Da die Verbindung von Medien und Informatik in einem gemeinsamen Modullehrplan bisher einzigartig ist, fehlen entsprechendes Unterrichtsmaterial oder gar Lehrmittel weitgehend.

  • Heterogene Infrastrukturvoraussetzungen in den Schulen: Schweizer Volksschulen sind je nach Kanton und Gemeinde sehr unterschiedlich mit Computern ausgestattet. Sowohl bezüglich Gerätetypen (Desktops, Notebooks, Tablets) als auch bezüglich Betriebssystemen (Windows, Mac, Linux, Android, iOS, ChromeOS) besteht eine grosse Heterogenität.

3. Warum braucht es Empfehlungen?

  • Weil die meisten Lehrpersonen bisher über wenig Informatik-Kompetenzen verfügen, wären sie mit der Auswahl selbst überfordert.

  • Weil bisher wenig stufenspezifisches Unterrichtsmaterial existiert, fördern konkrete Umgebungsempfehlungen die Nutzbarkeit des zu entwickelnden Materials.

4. Eine oder mehrere Umgebungen?

Ziel des Modullehrplans "Medien und Informatik" ist nicht das Erlernen einer konkreten Programmiersprache, sondern die Vermittlung grundlegender Konzepte der Informatik. Dazu gehören auch Konzepte der Programmierung. Insofern wäre es wünschenswert, wenn Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Programmierumgebungen kennen lernen würden um zu erfahren, dass mit verschiedenen Sprachen programmiert werden kann und welche Konzepte bei vielen Programmiersprachen ähnlich sind.

Angesichts der geringen Stundendotation (kantonal unterschiedlich geregelt, jedoch höchstens 19 Jahreslektionen während vier Jahren ab der 5. Klasse) ist jedoch die Einführung mehrerer Programmierumgebungen innerhalb der obligatorischen Unterrichtszeit nicht realistisch. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, pro Schulstufe (5./6. Klasse sowie Sekundarstufe I) primär auf eine Programmierumgebung zu setzen.

Ähnliche Überlegungen gelten auch bei der Frage, ob auf der Primarschulstufe die gleiche Programmierumgebung wie auf der Sekundarstufe I verwendet werden soll. Vermutlich ist es angesichts der geringen Stundendotation sinnvoll, auf der Sekundarstufe die bereits in der 5./6. Klasse verwendete Programmierumgebung aufzubauen.

5. Was sind die Anforderungen an eine Programmierumgebung für das Modul Medien und Informatik?

  • Motivierend: Informatik ist ein für die Volksschule neues Thema, das ausserhalb der Schule mit einem Imageproblem kämpft (nerdig, schwierig, langweilig). Eine im Modul "Medien und Informatik" eingesetzte Programmierumgebung sollte diesen Eindruck korrigieren und sowohl im Unterricht Spass machen als auch Schülerinnen und Schüler motivieren, sich ausserhalb des Unterrichts mit ihr zu beschäftigen.

  • Leichter Einstieg: Angesichts des Alters der Schülerinnen und Schüler sowie des Wissensstands der Lehrpersonen ist ein leichter Einstieg mit raschen Ergebnissen innert kurzer Zeit wichtig.

  • Vielseitig verwendbar:Da in den meisten Fällen wie oben beschrieben im Wesentlichen nur eine Programmierumgebung zum Einsatz kommen wird, sollte diese möglichst vielseitig verwendbar sein.
    • Sprachumfang/Ausrichtung: Die Programmiersprache sollte möglichst verschiedenartige Programmierprojekte ermöglichen. Dies schliesst explizit auch Projekte in anderen Fächern mit ein.
    • Technische Verfügbarkeit: Die Programmierumgebung sollte auf möglichst vielen Geräten und Betriebssystemen einsetzbar sein.
    • Lizenzrechtliche Verfügbarkeit: Damit Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben erledigen und bei Interesse private Projekt verfolgen können, sollte die Programmierumgebung auch zu Hause legal nutzbar sein (kostenlos oder durch die Schule lizenziert).

  • Längerfristig verfügbar: Um die Investitionen in die Erarbeitung von Unterrichtsmaterial und die Schulung von Lehrpersonen zu sichern, sollte die längerfristige Verfübarkeit der Programmierumgebung gesichert oder mindestens wahrscheinlich sein.

  • Mächtig: Die Programmierumgebung sollte zwar für den Einstieg möglichst einfach sein, aber zur Vertiefung und für besonders Interessierte nicht zu stark einschränken, sondern auch komplexere Projekte ermöglichen.

  • Enaktiv: Sowohl zur Motivation, zur Förderung der vielseitigen Verwendbarkeit und auch zur altersgerechten Konkretisierung abstrakter Konzepte insbesondere in der Primarschule sollte die Programmierumgebung die einfache Einbindung von Sensoren und Aktoren erlauben. Damit werden (auch fächerübregreifende) spannende Projekte möglich (Robotik, Spiele, Experimente).

5.1 Didaktisierte oder professionell genutzte Sprache?

Bei Programmierumgebungen lassen sich derzeit zwei Arten unterscheiden: Einerseits Umgebungen für die professionelle Entwicklung von Programmen, andererseits didaktisch gestaltete Umgebungen für Lehr- und Lernzwecke.

Professionell genutzte Sprachen sind ab einem gewissen Alter der Schülerinnen und Schüler motivierender. Angesichts des geringen Vorwissens und der geringen Stundendotation ist jedoch eine didaktisierte Sprache vorzuziehen.

Idealerweise lässt sich eine didaktisierte Programmierumgebung finden, mit der sich auch möglichst alltagsnahe Projekte realisieren lassen.

5.2 Textbasierte Sprache oder Blocksprache?

Professionelle Anwendungsentwicklung geschieht derzeit zumeist mit textbasierten Programmiersprachen. Insbesondere für Lehr- und Lernzwecke wurden blockbasierte Programmierumgebungen entwickelt, die Syntaxfehler verunmöglichen und die Programmstruktur auch zu einem gewissen Grad visualiseren.

Blockbasierte Sprachen haben oft mit dem Vorwurf zu kämpfen, sie entsprächen nicht dem "echten" Progammieren und werden deshalb häufig nur als Vorstufe zur Verwendung einer "ernsthaften" Programmiersprache betrachtet.

Auch sonst unterscheiden sich textbasierte und blockbasierte Programmierungebungen in didaktischer Hinsicht:

Blockbasierte Programmierumgebungen arbeiten meist mit Paletten aller verfügbarer Befehle der Sprache. Dies erlaubt einerseits ein exploratives Entdecken der Möglichkeiten einer Programmiersprache, kann aber zu Beginn auch abschreckend oder ablenkend wirken. In textbasierten Sprachen fehlt meist eine sofort sichtbare Liste aller verfügbarer Befehle, so dass Schülerinnen und Schüler nur die wenigen Befehle kennen und nutzen, die ihnen bereits erklärt worden sind.

Um das entdeckende Lernen im und vorallem auch ausserhalb des Unterrichts zu fördern, wird für das Modul "Medien und Informatik" eine blockbasierte Programmierumgebung empfohlen.

Bereits jetzt sind erste Umgebungen verfügbar, in denen sich textuelle und grafische Befehle mischen und ineinander umwandeln lassen. Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung bei didaktisierten Programmierumgebungen weitergehen wird.

6. Empfehlung: Scratch & scratchkompatible Sprachen

6.1 Was ist Scratch?

Scratch (http://scratch.mit.edu) ist eine am MIT spezifisch für Kinder und Jugendliche entwickelte, kostenlos verfügbare blockbasierte/grafische/visuelle Programmierumgebung. Die erstmals 2007 veröffentliche Programmierungebeung setzt die von LOGO, Karel etc. ausgehende Tradition von auf dem Aktorprinzip beruhenden Lernumgebungen für den Einstieg ins Programmieren fort.

Scratch stellt nicht die Programmierung als Lerngegenstand, sondern das kreative und soziale Konstruieren von algorithmisch gesteuerten Artefakten ins Zentrum:
  • Multimedial: Direkt in der Entwicklungsumgebung integriert lassen sich Bilder importieren, erstellen und bearbeiten sowie Töne importieren, aufnehmen und bearbeiten.
  • Sozial: Teil der Programmierumgebung ist die Plattform ScratchR, auf der Programmierprojekte publiziert und weiterentwickelt werden können.

Verfügbarkeit und Kompatibilität:
  • Scratch Version 1.4 ist als Download für Windows, Mac OS und Linux verfügbar.
  • Scratch-Version 2.0 läuft in jedem Browser, der Flash ausführen kann.
  • Im Mai 2016 wurde Scratch 3.0 angekündigt, das in jedem Browser mit Javascript-Unterstützung laufen und auf die Nutzung mit mobilen Geräten ausgerichtet sein soll.

6.2 Warum Scratch?

  • Leichter Einstieg: Die blockbasierte Programmierung, zahlreiche Tutorials, Beispiele direkt in der Entwicklungsumgebung, einstellbare Sprache für Umgebung und Programmbefehle erleichtern den Einstieg.

  • Vielseitige Verwendbarkeit: Scratch lässt sich dank integrierter Audio- und Bildbearbeitung für multimediale Projekte und zur Entwicklung einfacher Spiele und dank zahlreicher kompatibler Hardware auch zum Messen und Steuern in der realen Welt nutzen. Damit ist Scratch in vielen Fächern und Themengebieten einsetzbar.

  • Breite, kostenlose Verfügbarkeit: Scratch ist frei verfügbar, auf den meisten Betriebssystemen lauffähig und es stehen web-basierte Programmierumgebungen zur Verfügung, so dass keine client-seitigen Software-Installationen und Konfigurationen nötig sind. Mit der angekündigten Version 3 wird auch kein Flash-Player mehr notwendig sein.

  • Langfristige Verfügbarkeit: Die Entwicklung am MIT, die erfolgte Gründung einer Stiftung und die grosse Verbreitung der Sprache dürften dazu führen, dass sie relativ lange verfügbar bleiben dürfte.

  • Mächtigkeit: Trotz ihrer kindlichen Erscheinungsweise lassen sich mit Scratch alle im Lehrplan 21 vorgesehenen Kompetenzen im Bereich der Programmierung vermitteln. Die mit Scratch verwandte Programmierumgebung Snap! wird sogar in Hochschulinformatik-Lehrveranstaltungen verwendet.

  • Enaktivität: Die zahlreich verfügbaren scratch-kompatiblen Hardware-Erweiterungen ermöglichen stark enaktive Projekte und Herangehensweisen.

  • Motivierend: Durch die multimedialen Möglichkeiten, die vielen bereits vorhandenen Projekte auf der Plattform, die vielseitige Verwendbarkeit, die zahlreichen kompatiblen Hardwareerweiterungen ist Scratch sehr motivierend.

Ich bin interessierte an Rückmeldungen und Kommentaren, am einfachsten direkt im Text in Google Docs

Interessante Ausführungen - auch ich sehe Scratch als eine tolle ikonische Programmierumgebung mit wenigen Zugangsbarrieren dar. Allerdings gibt es in meinem Augen einen Nachteil - die Objektorientierung tritt etwas stark in den Hintergrund. Ich gehe daher beim Unterrichten den Weg -> Objects first (Einführung der Objektorientierung anhand von Vektorgrafiken) -> Programm ObjectDraw - Grenze - Methoden müssen in die Befehlszeile einzeln eingegeben und mit Enter bestätigt werden -> Lösung EOS (Einfache Objektorientierte Sprache) - es lassen sich Befehle -> Programm! Sus initalisieren einige Objekte (Rad1,Rad2,Autoteile...), belegen Attributwerte und bewegen Sie über Methoden -> Wechsel zu Scratch um nun den Focus aus Programmstukturen zu legen und ein v.a. optisch sehr tolles Ergebnis zu erzielen! Ich weiß der Wechsel v.a. zu EOS kostet 1-2 Doppelstunden, aber dafür sehen die Schüler auch das die echte Welt der Informatik mit viel Aufwand verbunden ist und uns der Fortschritt zum Glück einiges davon abnimmt. Wie sehen Sie das Problem - die Objektorientierung mehr zu betonen?

-- TobiasH - 21 May 2016

 
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Learnify - ein erster Eindruck

22 May 2015 - 09:38 - Version 2 - BennoKoehler

Seit kurzem ist die schwedische Lernplattform Learnify in einer Beta-Version auch in der Schweiz verfügbar. Ich habe mich etwas umgesehen und versucht, mir einen ersten Eindruck zu verschaffen.

learnify-01.jpg
Ja, Learnify ist auch physisch in der Schweiz angekommen und hat sogar ein Klingelschild ;-)

Was ist/kann Learnify?

Selbst beschreibt sich Learnify folgendermassen:

Learnify wurde zusammen mit Schwedischen Schulen über einen Zeitraum von 10 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Zur Zeit arbeiten in Schulen rund um Stockholm über 100’000 SchülerInnen und Lehrpersonen mit dieser Plattform. Learnify ermöglicht als digitaler Hub den Unterricht mit den Vorteilen des Internets und dem Computer zu kombinieren. Die Grundfunktionen von Wikipedia, Facebook, WordPress und die Metastruktur der Khan Academy wurden gebündelt und für den Schulbereich adaptiert.

In meiner Wahrnehmung ist Learnify eine Mischung aus Lernplattform und Authoring Tool, die den Fokus auf den Austausch von Unterrichtsmaterial setzt, den Lehrpersonen mit Hilfe von Material aus dem Internet erstellen. Zu diesem Zweck gibt es eine nach Lehrplanzielen strukturierte Ressourcen-Bibliothek aus der sich Lehrpersonen bedienen und in die Lehrpersonen ihre Materialien wieder einspeisen können.

learnify-02.jpg

Eine Lehrperson eröffnet für ihre Lernenden eine sogenannte Lernzone und kann in dieser Lernzone Material zur Verfügung stellen, mit Schülerinnen und Schülern via eine so genannte Wall kommunizieren, einen (internen oder weltweit einsehbaren) Blog betrieben und sich Arbeitsergebnisse abgeben lassen.

USP von Learnify

Mir gefällt die Ausrichtung von Learnify auf das möglichst einfache und offene Erstellen und Austauschen von Unterrichtsmaterial. Dabei erinnert mich Learnify an Plafformen wie blogger.com oder jimdo.com, mit dem Vorteil von Learnify, eine werbefreie, in der Schweiz gehostete Plattform zu sein und gewisse schulspezifische Erweiterungen zu bieten (Struktur Lehrperson - Klasse oder Einreichen und Bestätigen von Arbeitsergebnissen).

Auch die Idee, die Unterrichtsmaterialsammlung gleich in Learning Management System zu integrieren, gefällt mir. Ein Login, eine Oberfläche, das vermindert "digitale Medienbrüche" und könnte die Nutzungshürde für Lehrpersonen senken.

Klar ist es Beta, aber...

Ansonsten ist mein erster Eindruck von Learnify etwas verhalten. Klar, http://learnify.ch ist eine Betaversion, ich werde mich also nicht an fehlenden Übersetzungen oder ähnlichen Details stören (sondern habe solche leicht behebbaren Probleme bereits mehrfach an die Schweizer Betreiber zurück gemeldet). Die kleinen Dinge werden sich relativ rasch lösen lassen.

Es sind eher gewisse grundlegende Design-Entscheidungen, die Learnify aufgrund seiner zehnjährigen Geschichte mit sich trägt, die mir Sorgen im Hinblick auf eine Verbreitung in der Schweiz machen. Die folgenden Punkte sind weniger ein Vorwurf an Learnify, sondern eher die Folge der raschen Entwicklung in diesem Gebiet und der Devise "Das Bessere ist der Feind des Guten".

Modern ist anders

Man merkt Learnify.ch die zehnjährige Geschichte an:

  • Learnify.ch ist derzeit eher auf Notebooks als auf Tablets oder gar Smartphones ausgerichtet. Die Darstellung auf kleineren Bildschirmen ist nicht immer optimal, die entsprechenden Apps sind bisher nur für die schwedische Version von Learnify
verfügbar. Wann werden die Apps lokalisiert sein? Was werden sie können?
Für eine 2015 in der Schweiz neu antretende Plattform aus meiner Sicht eine schwierige Ausgangslage.

  • Learnify erlaubt derzeit kein Co-Editing. Learnify erleichtert das Erstellen von Content. Das ist gut. Aber das können unterdessen viele Plattformen. Learnify erlaubt derzeit kein gleichzeitiges Arbeiten an einer Ressource, was Etherpad, Google Docs, Office 365 und andere Plattformen seit längerem bieten. Auch hier ist Learnify.ch nicht uptodate mit dem, was ausserhalb der schulspezifischen Plattformen heute erwartet wird. (Ich kenne diese Problematik aus eigener Erfahrung. Jahrelang habe ich Wikis propagiert, weil sie zeitversetztes Co-Editing inkl. Versionsverwaltung gebracht haben. Unterdessen genügt dies oft nicht mehr, bzw. das Bessere ist der Feind des Guten: Solange Hyperlinks unwichtig sind, bieten heute Google Docs & Co. mehr Komfort als Wikis.)

Content is King: Solange es wenig Content hat

In meiner Wahrnehmung wird Learnify in Schweden deshalb eingesetzt, weil entsprechender Content verfügbar ist. Einerseits kommerzieller, kostenpflichtiger Content und andererseits usergenerated Content, erstellt durch die Learnify nutzenden Lehrpersonen. Dieser Content fehlt bisher in der Schweiz.

Aus meiner Sicht ist dies ein Knackpunkt der erfolgreichen Verbreitung von Learnify in der Schweiz: Wie kommt Learnify.ch zu Content?

  • Welche öffentlichen/kommerziellen Partner (Fernsehen, Zeitungen, Lehrmittelverlage) sind bereit, ihren Content in Learnify zur Vrefügung zu stellen?
  • Was motiviert Lehrpersonen, ihren Content bei Learnify zu veröffentlichen?
    • Warum sollten sie überhaupt motiviert sein, ihre Unterrichtsmaterialien zu veröffentlichen?
      (Ein uraltes Problem, das bereits http://www.zum.de, http://www.swisseduc.ch etc. kennen und zum Grundproblem von user generated content in der Schule gehört).
    • Was macht Learnify hier attraktiver als bisherige Publikationsmöglichkeiten? Warum bei Learnify veröffentlichen und nicht sonst auf dem Netz?
    • Hier sehe ich eine Chance von Learnify: Erstellung, Nutzung und Freigabe erfolgen alle auf der gleichen Plattform, das könnte die Hürde senken, Material zuerst für die eigene Klasse zu nutzen und danach freizugeben.

Hier stellt sich ein gewisses Huhn-Ei- oder Bootstrap-Problem: Warum sollte jemand auf einer leeren, bisher nicht genutzten Plattform sein Material zur Verfügung stellen bzw. in dieser Plattform erarbeiten? Ich sehe zwei Massnahmen, um diese Huhn-Ei-Problematik zu entschärfen:

  • Initialcontent: Es braucht bereits zu Beginn Content, welcher die Nutzung von Learnify attraktiv macht. Warum sollte ich als Lehrperson den Einarbeitungsaufwand leisten, um Yet another CMS nutzen zu können?

  • Exportmöglichkeit für das eigene Material: Learnify.ch bietet derzeit keine Exportmöglichkeit für erstellte Materialien, als AutorIn habe ich somit wenig Möglichkeiten, meine Arbeit aus Learnify zu "retten", sollte ich aus irgendwelchen Gründen Learnify irgendwann mal verlassen wollen. Ich liefere mich somit dem zukünftigen Schicksal von Learnify.ch aus.
Für die Nutzung der Plattform ist das eine Sache, für die Entwicklung von Material eine ganz andere.

Content is King: Sollte es mal viel Content haben

Ich mache mir aber beim derzeitigen Stand von Learnify.ch auch Sorgen, wenn es mal viel Content haben sollte:

  • Learnify.ch fehlen derzeit die sonst im Contentbereich gängigen sozialen Funktionen zur Erfassung persönlicher Präferenzen. Bei Amazon, Youtube etc. ist man sich unterdessen gewöhnt, dass einem ähnlicher Content angeboten wird, dass man Content raten und entsprechend sortieren kann. Ich kann Content-Autoren bzw. deren Kanäle abonnieren oder im Gegenteil auch ignorieren etc.
    In Learnify.ch ist davon bisher nicht viel zu sehen. Bisher scheine ich als Lehrperson nicht mal Learnify.ch mitteilen zu können, auf welcher Stufe ich arbeite und welche Fächer/Themen ich unterrichte. Solange ich das nicht kann, macht auch die nicht verfügbare Funktion Neue Ressourcen anzeigen wenig Sinn.

  • Learnify fehlt eine Verlags/Lektoren/Prüffunktion und setzt komplett auf Selbstevaluation der Community. Bei viel Content würde ich mir wünschen, dass ich einen Filter nur geprüfte Materialien anwählen könnte.

  • Wer übernimmt urheberrechtliche Prüfungen? Bei einer schweizweiten Plattform darf nicht mehr alles einfach so verwendet werden, nur weil es sich um Schule handelt. Gibt es hier bereits Überlegungen dazu, wie eingestellte Inhalte dahingehend geprüft werden können, um nicht den Zorn der Urheberrechteinhaber auf sich zu ziehen und damit die Zukunft der Plattform zu gefährden?

  • Learnify.ch fehlt eine Versionsverwaltung. Ich würde mir wünschen, dass Learnify mit Versionen von Material umgehen könnte. Wenn ich eine Kopie einer Ressource erstelle, so würde ich mir wünschen, dass der ursprüngliche Ersteller der Ressource darüber informiert wird. Umgekehrt wüsste ich dann gerne, wenn nach einem Jahr die ursprüngliche Ressource überarbeitet wird. (Die Programmierplattform ScratchR geht in diese Richtung).

Erstes Fazit

Derzeit würde ich early-adopter-Lehrpersonen empfehlen, mit Learnify zu experimentieren. Wer selbst schon mit blogger.com oder jimdo.com eigene Seiten für Schülerinnen und Schüler gemacht hat, wird sich in Learnify rasch zurechtfinden und Vor- und Nachteile entdecken und abschätzen können.

Für ganze Schulen sehe ich aber zwei Probleme:

  • Das Bewährte ist der Feind des Neuen: Bietet Learnify.ch wirklich den erforderlichen Mehrwert, dass ich die Plattform als Institution mit allen Konsequenzen (Schulung, Support etc.) einführen will? Oder sind zwar educanet2, moodle etc. etwas altbackener, aber bereits in der Schweiz eingeführt und bewährt?

  • Das Neuere ist der Feind des Nicht-so-ganz-Neuen: Lohnt sich das Einlassen auf die schulspezifische Plattform Learnify oder soll eine Schule nicht besser eine cloudbasierte Office-Lösung von Google, Microsoft oder Apple für ihre Zwecke adaptieren? Diese Plattformen sind alle top up-to-date was ihre Nutzung auf allen möglichen Geräten von Desktops bis praktisch Smartwatches anbelangt, synchronisieren alle Inhalte, sind offline nutzbar und bieten auch gleichzeitiges Editieren etc. an. Der Einarbeitungsaufwand in eine solche Lösung ist nicht nur im Schulkontext nutzbar sondern auch auserhalb und darüber hinaus, die Zukunft dieser Plattformen ist gesicherter als diejenige von Learnify, ich kann exportieren etc. Man verzichtet auf schulspezifische Funktionen, hat dafür aber die modernste und vermutlich zukunftssicherste Lösung...
    Ja ich kenne die notwendigen Bedenken bezüglich kommerzieller Plattformen im staatlichen allgemeinbildenden Unterricht inkl. Datenschutz etc. Aber genau das muss diskutiert und abgewogen werden.

So, das wärs fürs Erste. Nun bin ich gespannt, wie sich Learnify.ch in der Schweiz weiter entwickelt.

P.S.: Zur organisatorischen Einbettung und zur längerfristigen Finanzierung will Learnify.ch bis Mitte nächster Woche weitere Informationen publizieren, so dass ich diesen Aspekt in diesem Posting nicht berücksichtigt habe.


cv

-- BennoKoehler - 11 May 2016

Hallo,

der Blick auf Learnify hat mir sehr gut gefallen, da hier viele Aspekte berücksichtigt sind, die bei der Wahl einer Lernplattform zu beachten sind. Nun suche ich als Autor von interaktiven Chemienanwendungen (123Chemie) eine passende Plattform für meinen Content...

-- BennoKoehler - 11 May 2016

 
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